Dienstag, 11. Oktober 2011

Die Römer in Kleingreinsfurth bei Amstetten

Nr. 318 - 1. März 1997 - 22. Jahrgang

Die Römer in Kleingreinsfurth - Gymnasiasten als Archäologen (Dr. Heimo Cerny)

Im Rahmen eines Unterrichtsprojektes („Ostarrichi vor 996") am Bundesgymnasium Amstetten wurde mit Unterstützung des Bundesdenkmalamtes Ende Juni l995 in Kleingreinsfurth (Gemeinde Winklarn) eine archäologische Grabung durchgeführt, wobei die Überreste eines römischen Gutshofes freigelegt werden konnten.

Vorgeschichte
Bei Bauarbeiten anlässlich der Verlegung einer Erdgaspipeline durch die EVN war man im Sommer 1994 im Bereich der Ybbsterasse südlich von Amstetten in Kleingreinsfurth auf einen römischen Siedlungshorizont gestoßen. Im Profil der Künette zeigten sich Estrichreste. Fragmente von Tuffsteinmauerwerk und Verfärbungen von Siedlungsgruben. Hobbyarchäologe Gunther Hüttmeier, der die Erdbewegungen aufmerksam verfolgte, erstattete Meldung beim Bundesdenkmalamt. Das von ihm sichergestellte Fundgut (Bruchstücke von bemaltem Wandputz, Ziegelbruch, Keramik - darunter auch Terra Sigillata - und eine Bronzefibel) sowie die Ausdehnung der Fundstelle veranlassten die Sachverständigen des Denkmalamtes, das neu entdeckte Objekt als römischen Gutshof (Villa rustica) zu interpretieren.
Die entsprechende Parzelle Nr. 588/2 (Grundeigentümer: Hans und Edeltraud Wurz, Kleingreinsfurth 8, 3300 Winklarn) wurde daraufhin am 11. Mai l995 mit folgender Begründung unter Schutz gestellt: "Die 1994 bei Greinsfurth entdeckten römischen Gebäudereste stellen einen der bedeutendsten archäologischen Neufunde der letzten Jahre im Bezirk Amstetten dar. Die unversehrte Erhaltung der hier unter der Erdoberfläche verborgenen archäologischen Funde und Befunde liegt wegen ihrer geschichtlichen und kulturellen Bedeutung in öffentlichem Interesse. Im westlichen Niederösterreich ist zwar durch kleinere Ausgrabungen eine größere Anzahl derartiger Gutsbetriebe bekannt, doch fehlen moderne wissenschaftliche Untersuchungen, die Aufschluss über ihre Funktion und innere Struktur gestatten würden. Aus dem Ortsgebiet von Winklarn selbst fehlen alle derartigen Nachweise, obwohl römische Grabfunde seit dem 19. Jh. bekannt sind." Auf Anregung von Prof. Dr. Heimo Cerny erwirkte die Direktion des BG Amstetten beim Bundesdenkmalamt eine Grabungsbewilligung mit dem Ziel, die römischen Gebäudereste im Rahmen eines Unterrichtsprojektes systematisch zu bergen. Auch die Schulbehörde gab grünes Licht für das Archäologieprojekt der Amstettner Gymnasiasten. Die Finanzierung wurde vom Unterrichtsministerium (Kulturservice) übernommen, die Ostarrichi-Kaserne des Österreichischen Bundesheeres stellte einen Bagger und Schanzgerät zur Verfügung, die Amstettner Pfadfindergruppe half mit Zelten aus, und die Firma Römerquelle (nomen est omen!) sponserte die Getränke für die durstigen Hobby-Archäologen. Organisatorische Unterstützung leistete dankenswerterweise auch der Regionalverband Mostviertel-Eisenwurzen.

Die Grabung
In den letzten 10 Tagen (19.-29.Juni) des auslaufenden Schuljahres 1994/95 begaben sich 20 hochmotivierte Schüler der 7c Klasse auf die mit Spannung erwartete historische „Schatzsuche". Die örtliche Grabungsleitung besorgten zwei Studenten der Ur- und Frühgeschichte im Auftrag von Mag. Franz Sauer, Bundesdenkmalamt Wien, Abteilung für Bodendenkmale.

Auf der bereits durch Baggerung abgetieften Fläche (der Humus war vollständig entfernt) wurde ein L-förmiger Schnitt ausgesteckt, der sowohl die Grube der Pipeline als auch eine Fläche parallel dazu erfassen sollte. Der N-S-orientierte Schnitt maß 13x3 m und der normal darauf südöstlich anschließende maß 12x3 m. Im südöstlichen Teil zeigte sich nach einer Abtiefung von etwa 20 cm eine in der lehmigen Erdschicht eingebettete, künstlich angelegte Schmierung aus ca. 5 - 10 cm Flusssteinen, die sorgfältig freigeputzt wurden und schließlich als Rollierung (Unterboden) der vermuteten römischen Villa erkannt werden konnten. Der gesamte Schnitt wurde fotografisch und zeichnerisch dokumentiert, das Fundgut nach Quadratmetern aufgenommen und die Fundgruppen (Tuffstein, Mörtelbrocken, bemalte Wandputzfragmente, Keramik, Metalle, Knochen etc.) entsprechend getrennt. Die Hauptmasse der Funde besteht aus Keramik- und Ziegelbruchstücken, die nach der Bergung jeweils sorgfältig gewaschen und beschriftet wurden.

Erheblich beeinträchtigt wurde die Grabung leider durch zeitweiligen starken Regen, sodass die Grabungsstätte des öfteren zur Gänze unter Wasser stand und mühsam wieder trockengelegt werden musste! Trotz der nicht immer günstigen Wetterbedingungen herrschte optimales Arbeitsklima, und die Schüler nahmen nicht unbeträchtliche Strapazen auf sich. Erfreulicherweise war auch die Hilfsbereitschaft der Anrainer und vor allem das kooperative Entgegenkommen des Grundbesitzers und seiner Familie.

Auswertung und Ergebnis
Das von den Schülern geborgene und sorgfältig gereinigte Fundgut wurde dem Bundesdenkmalamt zur Begutachtung übergeben. Der mit der wissenschaftlichen Auswertung beauftragte Archäologe Dr. Reinhardt Harreither - auch ein ehemaliger Schüler des BG Amstetten - kam zu folgendem Ergebnis:
Die zahlreich vorkommenden Tuffstücke, Mörtelbrocken und Ziegelfragmente, von denen einige Fingermarken tragen, stammen wohl von einem gemauerten Gebäude der römischen Kaiserzeit, ein Wandputzfragment mit roter Wandmalerei deutet sogar auf eine gehobene Ausstattung hin. Der Großteil der geborgenen römischen Keramik ist sogenannte Gebrauchskeramik, die lokal hergestellt worden ist. Es konnten zwei überwiegend vorkommende Warengattungen ermittelt werden: Ware A = Scherben außen hell bis orange, Kern grau, mit groben Quarzkörnern. Ware B Scherben hell bis orange, ohne grauen Kern, mit kantigen Quarzkörnern. Ein erheblicher Anteil der etwa 250 Keramikbruchstücke weist Verzierungen auf, wie Wellband-, Besenstrich-, Kammstrich- und Rädchendekor. Neben der überwiegenden heimischen Gebrauchskeramik ist in geringem Maße auch Importkeramik (Luxusware) vertreten: sogenannte Rätische Ware sowie süd- und mittelgallische Terra Sigillata. Insgesamt lässt sich die römische
Keramik in den Zeitraum spätes 1. bis spätes 2. Jh. n. Chr. datieren. Spätantikes und frühmittelalterliches Scherbenmaterial ist nicht vorhanden.

Nach Abschluss der Grabung am 30.6.1995 wurde der neben der Grabungsstelle angehäuftes Humus, der bereits ein Jahr zuvor im Zuge der Pipeline-Verlegung abgeschoben war, wieder über dem Grabungsareal mit einer Schubraupe planiert. Aus dem Aushubmaterial (Abraum) konnte Hobbyarchäologe Karl Kremslehner noch zusätzliche beachtenswerte Fundstücke bergen; einen Silber-Denar JULIA MAMAEA (um 220 n.Chr.), eine Bronze-Fibel mit Stützplatte, eine Doppelknopffibel aus Bronze (typischer Bestandteil der römischen Frauentracht) sowie zwei Bleirollen (zum Beschweren von Fischernetzen). Von Dr. Cerny wurde noch ein Eisennagel und ein Eisenmesser aufgesammelt. Über diese außerhalb der Grabungskampagne getätigten Funde wurde ordnungsgemäß ein Fundbericht verfasst und am 17.8.1995 dem Bundesdenkmalamt übermittelt.

Die Tatsache, dass im gesamten Grabungsareal lediglich eine einzige Münze zum Vorschein kam, lässt vermuten, dass der römische Siedlungsplatz in der Spätantike bzw. zur Zeit der Völkerwanderung einer systematischen Plünderung und Zerstörung zum Opfer gefallen ist.

Hinweise auf eine römische Siedlung im Raum von Greinsfurth waren bisher nicht bekannt. Allerdings wurde im Jahr 1907 im damals trockengelegten Ybbsbett an der Einmündung der Url ein römischer Grabstein (Stele) mit figuraler Darstellung gefunden. Das Amstettner Wochenblatt berichtete darüber am 2.11.1907:
„Ein römisches Grabdenkmal in der Ybbs nächst Greinsfurth, woselbst gegenwärtig beim Wehr des Amstettner Elektrizitätswerkes an der Herstellung eines Uferschutzbaues gearbeitet wird, machte der leitende Ingenieur dieser Tage einen interessanten Fund. Es ist dies ein kolossales antikes Grabdenkmal aus Granit mit figuralem Schmuck. Das viereckige Grabmal lag fast vollständig im Schotter eingegraben, in der Mitte des zum großen Teile jetzt trocken liegenden Flußbettes an der Einmündung des Urlflusses in die Ybbs. Der Grabstein ist 150 Zentimeter hoch, 83 Zentimeter breit und 20 Zentimeter dick und hat ein Gewicht von zirka 600 Kilogramm. Er ist trotz jahrhundertelanger Lagerung im Flusse noch recht gut erhalten. Die eingegrabene Epitaphschrift ist wohl nur mehr in schwachen Spuren zu erkennen: indessen haben die bildlichen Darstellungen im oberen Drittel des Steines nur geringen Schaden genommen. Sie zeigen im Hochrelief das Brustbild eines Römers mit Tunika und Toga und einer Römerin, dann zwischen beiden 38 Zentimeter hohen Figuren dasjenige eines Kindes. Jedenfalls ist das Grabrelief der besseren Zeit der römischen Kunst angehörig. Der Gasthofbesitzer Herr Schwaighofer in Greinsfurth ließ das Grabdenkmal ausheben und zu seinem Haus schaffen....
Gegenwärtig befindet sich der Grabstein unter der Bezeichnung "Stele, Ehepaar mit Kind" im Depot des Archäologischen Museum Carnuntiunum in Bad Deutsch-Altenburg. Dieser bis dato völlig isoliert erscheinende Einzelfund aus dem Jahr 1907 kann nunmehr schlüssig in Zusammenhang mit einer römischen Siedlung (vicus?) in Kleingreinsfurth gebracht werden. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sich auf dieser überschwemmungssicheren Ybbsterrasse gegenüber der Url Einmündung nicht nur ein einzelner römischer Gutshof befunden hat. Das geübte Auge des Archäologen kann im Gelände einen umfangreichen Siedlungshorizont erkennen."
Im Rahmen der auf nur 10 Tage begrenzten Grabungskampagne der Amstettner Gymnasiasten konnte freilich nur ein kleines Fenster in die römische Vergangenheit von Kleingreinsfurth geöffnet werden. Eine Auswahl interessanter Fundobjekte ist in einer Schauvitrine im 1. Stock des Bundesgymnasiums Amstetten zu besichtigten.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen