Dienstag, 27. Dezember 2011

Das Dorf St. Johann in Engstetten

Nr. 122 - 1. Juni 1982 - 11. Jahrgang

Das Dorf St. Johann in Engstetten
verfasst von Reg.Rat Alois Tempelmayr

I) Lage
Die rein bäuerliche Streusiedlung St. Johann i. E. liegt ziemlich genau in der Mitte des Mostviertels und hat bei einiger Phantasie die Form eines Herzens. Sie grenzt im Norden an die Gemeinde Haag, ist zwischen den Gemeinden Wolfsbach im Osten und Weistrach im Westen eingebettet und verjüngt sich nach Süden zur Gemeindegrenze von St. Peter in der Au. Unser Streudorf ist an seiner breitesten Stelle 1,9 km breit, die Längsachse beträgt 4,8 km. Die Oberfläche, 737 ha, ist ein Teil des fruchtbaren Hügellandes, das sich von der Enns gegen die Donau hinzieht und in unserer Gegend zu größeren Höhen ansteigt. Das Dorfgebiet wird von NNW nach SSO in der Mitte seiner Längsachse von einem leicht welligen Höhenrücken durchzogen. Ihn krönen die Kuppen des Weinberges (414 m), auf dessen sanftem SW-Hang im Mittelalter Weingärten wuchsen, des Dirnberges (415 m) ‚ aus dem die Landkartenzeichner einen Dürrenberg gemacht haben, und des bewaldeten Haaberges (401m), von dem aus man einen herrlichen Rundblick genießen kann. Die sanft zu Tal gleitenden Hänge gehen über in flache Ufer seichter, von spärlichem Augehölz und mitunter sauren Wiesen begleiteter Bäche. Diese tragen rundherum die natürliche Grenze zu den Nachbarn. Auf den Anhöhen, häufiger aber auf den kleinen Terrassen am Rande der Talniederungen, machen sich in jeweils angemessener Entfernung voneinander die für unsere Gegend typischen Vierkanthöfe breit. Selten allein, häufig als echte Doppelhöfe zu zweit, nur vereinzelt in einer Rotte (Dehendorf, Schadau) sitzen sie im Schatten oft riesiger Obstbäume inmitten ihrer Gründe. Die Fachleute nennen diese Flurordnung Blockflur. Sie beweist, dass das heutige Siedlungsbild im Wesentlichen bereits etwa im 10. Jh. von bairischen Bauern geprägt wurde. In der Mitte des Höhenrückens hat sich am sanften SW-Hang die kleine Ortschaft St. Johann gebildet. Die stämmig wirkende Kirche inmitten eines kleinen, ummauerten Friedhofes steht am östlichen Ortsrand; dennoch liegen ihr die Häuser der Ortschaft zu Füßen. Es sind nicht viele, darunter der 1805 erbaute Pfarrhof, die 1902 erbaute Volksschule, das 1770 4 "Schullhaus" genannte ehemalige Mesnerhaus, heute ein stattliches Wirtshaus, und etliche in jüngster Zeit entstandene Wohnhäuser. Am Ortsrand stehen schon die ersten und zugleich wohl ältesten Vierkanter, Wörth genannt. Dort befindet sich auch das Haltestellenhäuschen der Westbahn.

II) Geschichte
Unsere Siedlung wird um 1110 zum ersten Mal als "Enggizinstetin" urkundlich erwähnt, ist aber wahrscheinlich erheblich älter. Der Name leitet sich von einem altbairischen Eigennamen "Engizo" her, der sich auch in der weiblichen Form "Engiza" in Passauer und Salzburger Urkunden des 9. und 10. Jh. findet. Der Namensteil "...stetten" weist auf die Entstehung unserer Siedlung schon im 10. Jh. hin. Um 1110 schenkte eine adelige Frau namens Bertha - vielleicht eine Gräfin aus dem Geschlecht der Babenberger - der dem Hl. Johannes dem Täufer geweihten Kirche und zugleich dem Kloster Garsten im heutigen OÖ 12 zu Enggizinstetin gelegene Bauerngüter samt den darauf wirtschaftenden hörigen Bauern.
Da neben dem Kloster Garsten zu dieser Zeit das fränkische Bistum Bamberg im Rahmen seiner Hofmark Haag in unserem Gebiet bereits Güter besaß, muss unsere Siedlung damals schon ein recht stattliches Dorf gewesen sein, jedenfalls so groß, dass das 1082 vom Traungauer Markgrafen Otakar I. gegründete Kloster Garsten die Gründung einer Pfarrkirche für erforderlich hielt. Die Gründung der Kirche dürfte ebenfalls um 1110 anzusetzen sein, da der Ertrag der 12 Bauerngüter wohl auch dem Unterhalt des Pfarrers zugedacht war. Unser Pfarrdorf wurde als Garstner Stiftspfarre in den folgenden Jahrhunderten von Weltpriestern betreut, die von Garsten angestellt waren. Um 1125 hieß unser Dorf schon "Engistetin", um 1180 noch "Engensteten", um 1220 aber schon "St. Johann". Der Name des Kirchenpatrons hatte sich durchgesetzt.
1384, 1398 und 1455 wurde unsere Pfarre "Sand Johannspharr" genannt. Der alte Ortsname tauchte erst um 1483 wieder auf und wurde nun als "Engstetten" an den Namen des Patrons angehängt. Um 1478 wurde St. Johann von Garsten getrennt, verlor seine pfarrliche Selbständigkeit, gelangte unter das Patronat des Stiftes Seitenstetten und wurde eine Filiale von dessen Stiftspfarre Wolfsbach. Der Ort wurde nun abwechselnd von der Pfarre Wolfsbach und vom Stift betreut, bis sich Seitenstetten 1647 entschloss, für die Johannser Pfarrleute ein eigenes Vikariat einzurichten. Nach dem Bau eines neuen Pfarrhofes setzte das Stift schließlich 1808 in St. Johann den ersten selbständigen, ortsfesten Pfarrer ein. Damit fand St. Johann nach wechselvollem Schicksal seinen endgültigen Platz im Kranze der Seitenstettner Stiftspfarren.

1795 zählte unser Bauerndorf (einschl. das ehem. Haus Nr. 8‚ Straß) 60 Anwesen; davon waren 40 Bauernhöfe, 2 Hofstätten und 10 "Häusl"; Rest: 2 Mühlen, 2 Weberhäusl, 1 Schmiedhäusl, 1 Binder, 1 Schuhmacher, das Mesnerhaus; davon gibt es heute nur mehr eine Mühle. Die Bauern, die ja bis 1848 nicht Eigentümer ihrer Höfe waren, sondern ihren Besitz von den Grundherrschften als Leher (=Leihe, bedingt einer Erbpacht vergleichbar) hatten, waren folgenden Herrschaften untertan: Zu den Herrschaften Garsten und Gleink gehörten 23 bzw. 3 Höfe, zur Stiftsherrschaft Seitenstetten 3 Höfe und 1 Hofstätte; an weltlichen Grundherrschaften waren Burg Enns und Ennsegg mit je 2 Höfen, Sooß mit 4 Höfen und 1 Hofstätte, Schenkenamt Steyr, Salaberg und Perwarth mit je 1 Hof vertreten. Das Jahr 1848 brachte den Bauern mit der Abschaffung der Grundherrschaft das volle Eigentum an Grund und Boden. 1853 wurde auch St. Johann in den historischen Pfarrgrenzen eine politische Ortsgemeinde. Seither lenkten gewählte Funktionäre die Geschicke der Gemeinde, die 1970 immerhin bereits 89 Häuser und 426 Einwohner zählte. Am 7.9.1970 beschloß der Gemeinderat unter dem Vorsitz des letzten Bürgermeisters LAbg. Friedrich Platzer mehrheitlich, sich mit der Gemeinde St. Peter i. d. Au zu vereinigen. Damit hörte St. Johann i. E., nach über 120 Jahren, als Ortsgemeinde zu bestehen auf.

Zu den schlimmsten Schlägen, die den Ort in seiner Geschichte trafen gehörte die Pestepidemie von 1679, die in Weistrach und St. Johann 48 Menschen hinwegraffte. Im Franzosenkrieg von 1805 wurde das Dorf beim Durchzug des Feindes durch Vorspanndienste, Einquartierungen und Plünderungen arg geschädigt.

III) Sehenswürdigkeiten
Spätgotische Kirche, um 1500 mit 2-schiffigem Langhaus, eingezogenem Chor und Strebepfeilern. Fächerartiges Kreuzrippengewölbe. Im Altarchor verdecktes modernes Fresko (Kreuzigungsgruppe) der Malerin Lydia Roppolt von 1960, das landesweiten Kunstskandal auslöste und St. Johann zeitweise überaus bekannt machte.

Pfarrkirche st johann engstetten3.JPG
Von Richtl (talk) - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16428912

Gemeinde Euratsfeld - Lage, Geschichte, Bedeutung

Nr. 120 - 1. April 1982 - 11. Jahrgang

GEMEINDE EURATSFELD
Lage, Geschichte, Bedeutung
verfasst von VD OSR Karl Glack

a) Lage
Die Marktgemeinde Euratsfeld erstreckt sich von der Ybbsebene bis zum Randegger Hochkogel. Im Nordwesten bildet der Zauchfluss die Grenze zur Gemeinde Amstetten, die Ybbs ist Grenzfluss im Norden zwischen St. Georgen und Euratsfeld. Im Osten liegt die Gemeinde Ferschnitz. Im Süden und Südosten ist die Gemeindegrenze zugleich Bezirksgrenze, da die hier angrenzenden Gemeinden Wang und Randegg bereits zum Verwaltungsbezirk Scheibbs gehören.

Der Eiszeit verdankt das Gemeindegebiet eine fruchtbare Löß- und Lehmdecke, die von weiten Talungen abwechslungsreich gegliedert wird. Im Süden reicht die hügelige Sandsteinzone der Voralpen ins Gemeindegebiet herein - dieses umfasst ein Areal von 30,5 km2. Auf dieser Fläche stehen 400 Häuser, in denen 1.844 Menschen ständig leben.

Der Markt selbst liegt auf einem Hügel in 305 m Seehöhe. Er ist umgeben von einer anmutigen Landschaft mit vielen kleinen Bauerndörfern und stattlichen Vierkantern. Vom Hinterwald, dem höher gelegenen südlichen Teil der Gemeinde mit Wiesen, Weiden und Wäldern, bieten sich dem Wanderer viele herrliche Ausblicke ins Voralpen- und Alpenvorland.

b) Geschichte
Euratsfeld liegt an einer uralten Straße, die quer über das Voralpen- und Alpenvorland zieht, etwa vom heutigen Leobersdorf über das Triesting- und Gölsental, Steinakirchen am Forst, Euratsfeld, Ulmerfeld und gegen Aschbach. Die Römer bauten diese Verkehrslinie zu einer Etappenstraße des Limes aus. Nach dem Ende der Völkerwanderung siedelten an ihr Slawen. Noch sind bei uns die Namen lebendig, die sie einst den Örtlichkeiten gegeben haben: Friesenegg (von ihrem Wort für "Birke"), Gafring (von "Buche"), Lixing (von "Lauch" oder "Sumpf"); auch der Name Zauchbach stammt von ihnen: "Trockener Bach". In Windischendorf war ein wahrscheinlich adeliger Sitz der Slawen, der "Wenden".

Nicht viel später entstand der Ort Euratsfeld. Für sein hohes Alter spricht der Namensteil -feld und der Besitzer, nachdem das "Feld" benannt wurde: Eurat = althochdeutsch Iràt - ein Name, der nur im frühesten Mittelalter gebräuchlich war.

Euratsfeld war ein adeliger Sitz. 1197 gibt es einen Hugo von Iratsvelde; später gehörte die kleine Burg dem reichen Adelsgeschlecht der Zelkinger, die auch Freydegg besaßen. Sie bestand vielleicht bis rund 1500. Von ihr ist nicht mehr vorhanden außer dem Namen ihres Vorwerkes Hamet. Hamet (von altfranzösischem handede, aus der Kreuzzugszeit) bedeutet Schranken, Einfriedung eines Burgbereichs.

Die kulturelle Entwicklung des weiteren Gemeindegebietes war namentlich ein Werk des bairischen Bistums Freising. Dieses hatte 995 und 996 vom deutschen König Besitz in Ulmerfeld und Neuhofen an der Ybbs erworben und weitete ihn in der Folge beträchtlich aus. Es gab das Land Adeligen zu Lehen. Die konnten umso mehr Nutzen daraus ziehen, je besser sie es kulturell entwickelten. Solche Adelssitze waren Rudling- und Völkrahof, Seibets- und Distelberg.

Nach Eintragung in der Kirchenchronik soll in Euratsfeld bereits im 10. Jh. eine Kirche bestanden haben, dem hl. Johannes dem Täufer geweiht und gestiftet von zwei "Fürsten zu Machland". Zunächst war sie eine Filialkirche Neuhofens an der Ybbs, 1332 ist sie bereits eine selbständige Pfarre.

Im Jahre 1583 wurde Euratsfeld von den Türken arg verwüstet. Die Chronik berichtet, dass am 18. Juli d.J. eine mordende Türkenhorde zahlreiche Häuser plünderte und anzündete, viele Bewohner samt dem damaligen Pfarrer verschleppte und dass "43 Leith auss der Pfarr Euratsfeld wissentlich Nidtergemacht und Umb das Leben gebracht wurden". Die Namen der Ermordeten sind samt ihrem Berufsstand angeführt. Die Einwohnerzahl schwand um ein Drittel. Aus jener Zeit sollen auch unterirdische Gänge mit Aushöhlungen unter 2 Bauernhäusern stammen, die als Verstecke und Fluchtwege gedient haben. Gar manches Wegkreuz oder Marterl erinnert noch an die Nöte dieser Zeit.

Im Jahre 1805 fand im Gemeindegebiet ein Gefecht mit den Franzosen statt, die auch die Kirche verwüsteten und entheiligten. Aus Anlass des 60 jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers Franz Josef wurde der Ort im Jahre 1908 zum Markt erhoben. Der bekannte Heimatdichter Johann Datzberger, vulgo Hinterwaldler, verfasste zur Markterhebungsfeier ein langes Festgedicht.

Im Jahre 1958 wurde der Gemeinde anlässlich des 50 jährigen Marktjubiläums ein Wappen verliehen. Dieses stellt den Gründer des Bistums Freising, den hl. Korbinian, dar. Der Bär zu seinen Füßen erinnert an die Legende, wonach dieser das Maultier des Heiligen zerrissen hat und als Strafe dazu verurteilt wurde, das Kleiderbündel des hl. Korbinian zu tragen.

c) Wirtschaft, Bevölkerung
Es gibt in der Gemeinde kaum mehr 100 "echte" Landwirte, die anderen haben einen Nebenerwerb. Vieh- und Milchwirtschaft ist vorherrschend, da ca. 60 % der nutzbaren Fläche aus Wiesen und Weiden bestehen. Mehr als die Hälfte der erwerbstätigen Bevölkerung, das sind Arbeiter, Angestellte, Bauernkinder und Kleinbauern, ist größtenteils in den Amstettner Großbetrieben tätig. Ein kleiner Teil findet Arbeit in den örtlichen Kleinbetrieben.

d) Kulturelles Leben
Das musikalische Leben wird vor allem von der Ortsmusikkapelle, dem Kirchenchor und von der Musikschule (über 100 Schüler) gepflegt. Musikbegeisterten Männern, dem Pfarrherrn und der Hauptschuldirektor, ist es zu danken, dass in den letzten Jahren beachtliche musikalische Aufführungen zustande kamen, dazu gehören Konzerte, Messen, Adventsingen mit Hirtenspiel, die teilweise auch im Radio übertragen wurden. Das Kath. Bildungswerk Euratsfeld lädt jährlich zu einigen Vorträgen ein. Für Bücherfreunde gibt es weiters eine modern eingerichtete Volksbücherei.

Den Sportausübenden stehen 2 Turnsäle, 2 Fußballplätze, 2 Tennisplätze und ein Eisschießplatz zur Verfügung. Durch die eifrige Tätigkeit des Fremdenverkehrsvereines konnte Euratsfeld beim jährlichen Wettbewerb "Niederösterreich im Blumenschmuck" innerhalb der letzten 9 Jahre einmal den dritten, einmal den zweiten und zweimal den ersten Platz erreichen.

e) Sehenswürdigkeiten
Pfarrkirche zum hl. Johannes dem Täufer, , dreischiffige gotische Hallenkirche mit fünf gotischen Glasfenstern aus dem 15. Jahrhundert, Florianaltar mit Altarbild vom Kremser Schmidt;
Pfarrzentrum mit großem Saal und Klubräumen und schönen Anlagen; Hauptschule, erbaut 1967 bis 1969, Atriumbau mit 10 Klassen.
Ausflüge: Wanderung auf den Hochkogel (704 m), Höhenwanderungen; Schloss und Bad Senftenegg; Filialkirche Pyhrafeld.


Sonntag, 25. Dezember 2011

Das römische Limeskastell Adjuvense auf dem Boden des Marktes Wallsee

Nr. 116 - 1. Dezember 1981 - 10. Jahrgang

DAS RÖMISCHE LIMESKASTELL ADJUVENSE auf dem Boden des Marktes Wallsee
(von OSR Elmar Tscholl)

Nach langjährigen Beobachtungen und eingehenden Untersuchungen seit dem Jahre 1966 konnte an den verschiedensten Stellen im Ortsgebiet von Wallsee der Nachweis von mächtigen antiken Mauern erbracht werden. In annähernder Deckung mit dem Bereich des Marktes Wallsee im Osten und Westen begrenzt von den beiden "Hintergassen" - Schulgasse und alte Postgasse - lag ein mächtiges römisches KASTELL. Mit seinen Abmessungen von 160 mal 200 m hat es einer Truppe von 1000 Soldaten Platz geboten.

Die Festungsmauern dieses Kastells waren imponierend. In den Boden in antiker Zeit wurden mächtige Grundfesten von 2,20 m Dicke und 1 m Tiefe ausgehoben und mit sehr fest vermauerten Bruchsteinmauern ausgefüllt.

Darauf wurde aufgehendes Bruchsteinmauerwerk aufgesetzt, 6 - 8 m hoch und auf der Mauerkrone noch 1,5 m breit. Die Kanten der Zinnen, der Ecken und Türme wurden durch behauene Konglomeratsteine gebildet. Die Vermauerung erfolgte mit Heißkalk, der offensichtlich aus eingesammeltem Donauschotter gebrannt worden war. Darauf weisen zahlreich gefundene, mit Glas überzogene quarzhältige Geröllsteine hin.

In der Mitte des Kastells, zum Teil unter dem Rathaus und zum Teil östlich davon liegend, konnten die PRINCIPIA, die Kommandogebäude, beobachtet werden. Viel von dem Mauerwerk wurde in nachrömischer Zeit als Baumaterial verwendet. In den alten Häusern von Wallsee kommen bei Abbruch oder Umbauten immer wieder solche Zeugnisse zutage.

Im Laufe von etwa 1800 Jahren hat sich über den erhaltenen Resten im Bereich des Marktes Wallsee eine Schicht von 120 cm ABRAUM angesammelt, sodass der Eindruck entsteht, als seien die römischen Anlagen "versunken". Außerhalb des Ortes liegen die römischen Schichten nur 60 - 80 cm unter dem gegenwärtigen Geländeniveau.

Wie bei allen anderen Limeskastellen gibt es auch in Wallsee verschiedene Bauperioden. Reste eines ersten ERDKASTELLS wurden hinter der neuen Raiffeisenkasse festgestellt. Einer zweiten Bauperiode dürften Befestigungsanlagen, die im Süden und Osten des Marktes in der Schulgasse zutage kamen, zuzurechnen sein. Die vorher beschriebenen, mächtigen, gemauerten Befestigungsanlagen dürften dem 3. Jahrhundert n. Chr. angehören.

In der Spätantike, als der Truppenbelag in den Limeskastellen drastisch vermindert wurde, erbauten die Truppen im Lagerbereich ein KLEINKASTELL, und der übrige Raum des Kastells wurde für die Zivilbevölkerung als Siedlungsplatz freigegeben. Dieses RESTKASTELL hat sich nach den Beobachtungen in einem Ausmaß von 25 x 26 m im Bereich der alten Volksschule (jetzt Kindergarten) befunden. Um freies Schussfeld zu haben, wurde in einem Umkreis von 40 - 60 m jedes Bauwerk entfernt. Außerdem befand sich innerhalb dieses Restkastells ein ausgezeichneter Brunnen (Brunnen der alten Schule).

Aus den Keramikfunden und den im Schloss aufbewahrten Münzfunden kann ein BELAG DES KASTELLS vom letzten Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts bis in die Spätantike abgeleitet werden.

Eine Arbeit des verstorbenen Erzherzogs Theodor Salvator Habsburg-Lothringen sucht nachzuweisen, dass dieses Limeskastell das in der antiken Literatur angeführte ADJUVENSE war, was vielleicht so viel wie: "das auf dem Berg gelegene" bedeutet.

Im Kastell Adjuvense stand zuletzt eine LIBURNARIER-EINHEIT, eine Legionstruppe, Untereinheit der II. ITALISCHEN LEGION, die mit kleinen Booten, sogenannten LIBURNEN, ausgerüstet war. Davor hat es eine HILFSTRUPPENCOHORTE beherbergt (Cohors I Aelia Brittonum millaria).

Südlich des Kastells, also südlich des Marktplatzes bis etwa zur Straße nach Ardagger, erstreckte sich das LAGERDORF, die Zivilsiedlung. Darin wohnten die zivilen Handwerker und die Familien der Soldaten. Einzelne von ihnen erbauten sich sogar gemauerte Häuser, die Verputz, Ziegelrhombenpflaster und Bodenheizung hatten. Dass die romarisierte Bevölkerung des Lagerdorfes einen bescheidenen Wohlstand entwickelte, geht aus den zahlreich gefundenen, schön verzierten Tongefäßfragmenten (SIGILLATAFRAGMENTEN) hervor.

Der Fund eines großen Ziegels mit FISCHZEICHNUNG könnte anzeigen, dass im Kastellbereich Christen lebten. Die PRUNKGRÄBER der gehohenen Bevölkerungsschicht (Offiziere Kaufleute, Handwerker und deren Angehörige) befanden sich südlich des Marktes an der Ausfalls-Straße. Teile dieser GRABDENKMÄLER mit bildlichen Darstellungen aus dem Leben der Verstorbenen und der antiken Mytologie befinden sich im Schloss und im Gemeindeamt. Am Westhang unterhalb des Marktes konnten auf Privatgrund (OSR Tscholl) 23 Bestattungen einfacher Leute festgestellt werden.

Im Nordwesten des Marktes befand sich in antiker Zeit eine ausgedehnte Ziegelei mit Ziegellagerplatz, die sowohl von einem Besitzer PETRONIUS als auch von römischen Soldaten betrieben wurde (Grundstück oberhalb des Hauses Feischl).

Eine einmalige Entdeckung gelang im Jahre 1978. Bei Aushubarbeiten für das Arztwohnhaus (Dr. Moser) kam ein römischer Keller mit entsprechendem KERAMIKFUNDMATERIAL (WIRTSCHAFTS-KERAMIK) zum Vorschein, der den sichern Schluss zulässt, dass in antiker Zeit ein wohlhabender Mann einen milchverarbeitenden Betrieb geführt hat. Wir würden heute MOLKEREI dazu sagen. (Bisher einmalig am Limes.) Der Mann war so wohlhabend, dass er sich neben einer Bodenheizung drei verschiedene Arten von TERRAZZOBÖDEN, WANDMALEREI und eine
schön gearbeitete MARMORSTATUE (eine Gottheit darstellend) leisten konnte.

Das KASTELL ADJUVENSE in Wallsee gehörte dem mächtigen röm. Reich als wichtige GRENZFESTE am DONAULIMES an und hat seine geschichtliche Funktion bis zu seiner endgültigen Aufgabe im 5. Jahrhundert nach Christus erfüllt.


Wie ich als Bub in Amstetten das Ende des 2. Weltkrieges erlebte

Nr. 109 - 1. Mai 1981 - 10. Jahrgang

Wie ich als Bub in Amstetten das Ende des 2. Weltkrieges erlebte
(verfasst von Adolf Raffetseder)

Nach einem letzten Versuch der Deutschen, um St. Pölten "Front" zu machen, stießen die Spitzen der russischen Armee, von Osten kommend, in den Raum Amstetten vor, während von Westen her amerikanische Streitkräfte die Enns überschritten, um sich mit dem russischen Alliierten zu vereinigen.

Ich selbst - damals knappe sechs Jahre alt - war mir dieser Ereignisse sowie ihrer Bedeutung nicht bewusst. Nur die ernsten und nachdenklichen Gesichter der Erwachsenen ließen etwas von der Sorge um die Zukunft ahnen, die sie bedrückte.

Seit den frühen Morgenstunden hörte man Detonationen. Die flüchtenden deutschen Soldaten sprengten ihre Munitionslager. "Geh ja nicht aus dem Haus!" war eine Ermahnung, die ich andauernd zu hören bekam. Doch in einem günstigen Augenblick entschlüpfte ich mit meinem vierzehnjährigen Bruder, der voll Neugierde und Tatendrang sich ein wenig umsehen wollte. Die Ardaggerstraße war nur wenig belebt: ein paar Leute, die versuchten, ihr Ziel mit raschen Schritten zu erreichen; ein versprengter Soldat, der wie besessen in die Pedale eines Fahrrades trat und wohl trachtete, die Donau zu erreichen.

Wir gingen stadteinwärts. Beim Gasthaus Kickinger hatte sich eine kleine Menschenmenge angesammelt, die auf etwas zu warten schien. Es hatte sich nämlich die Kunde verbreitet, dass ein Voraustrupp der Amerikaner bereits in Sicht wäre und wir somit von diesen besetzt werden würden. Nachdem wir uns zu der Menge gesellt und nur kurze Zeit gewartet hatten, wurden wir Zeuge des Eintreffens der Amerikaner in Amstetten. Vorweg kamen Panzer, dann Jeeps sowie sonstige Fahrzeuge mit fremden Soldaten in braunen Uniformen, die uns zum Teil zulachten und zuwinkten. Ein älterer Mann versuchte, sich bei den Neuankömmlingen verständlich zu machen. Nach einigem Her und Hin schien er das in Erfahrung gebracht zu haben, was er zu wissen wünschte, und er verkündete enttäuscht, dass die Amerikaner nicht hierbleiben würden, sondern wieder bis zur Enns zurückgehen und uns den Russen überlassen müssten. Den meisten der Anwesenden schien dies nicht zu gefallen, sie machten betretene Gesichter.

Mein Bruder nahm mich an der Hand und drängte mich aus der Menge. Er hatte genug gehört und gesehen, und wir strebten wieder unserem Zuhause in der Ardaggerstraße zu, um die Neuigkeiten weiterzugeben. Ein Schulfreund meines Bruders kreuzte unseren Weg, ließ sich von meinem Bruder informieren und wusste ebenfalls etwas zu berichten; das im Gymnasium untergebrachte Soldatenlazarett sei geräumt worden und sei vollkommen verlassen. Er möge doch mit ihm kommen, damit sie sich gemeinsam etwas umsehen könnten. Mein Bruder sagte zu, wollte mich aber zuerst daheim noch abliefern. Er schob mich bei der Haustüre hinein und trug mir auf, unserer Mutter zu sagen, dass er bei seinem Freund sei und sie sich nicht zu sorgen brauche. Ich stand eine Weile im Stiegenhaus, anstatt jedoch nach oben zu gehen, verließ ich dieses wieder und lief meinem Bruder nach, den ich bereits in einiger Entfernung mit seinem Kameraden gehen sah. Bis ich die beiden eingeholt hatte, waren wir ihrem Ziele näher, als es zu uns nach Hause gewesen wäre. So nahm er mich einfach mit.

Wir betraten zu dritt das als Lazarett verwendete Gebäude, durchstreiften verschiedene Zimmer, wo wahllos Waffen verschiedenster Art herumlagen, verloren aber bald den Freund meines Bruders aus den Augen, da mein Bruder vollauf beschäftigt war, mich von diesem oder jenem abzuhalten. Nachdem er gerade verhindert hatte, mich einer an der Wand lehnenden Maschinenpistole zu nähern oder einen der zahlreich herumlehnenden Karabiner anzugreifen, übersah er schließlich doch für einen Augenblick die auf einem Bett liegenden, eierförmigen Dinger. Ein Griff, und ich hatte eines in der Hand und begann, mich mit einem daran befindlichen Bolzen zu beschäftigen. Gerade noch rechtzeitig erfasste mein Bruder die Situation, riss mir die Eierhandgranate, die ich unbewusst gezündet hatte, aus der Hand und warf sie in die entfernteste Zimmerecke. -

Als ich erwachte, fand ich mich im Krankenhaus wieder. Die Splitter der explodierenden Granate hatten mir eine schwere Kopfverletzung zugefügt, und ich hatte noch vor der Operation die letzte Ölung bekommen. Mein Bruder war lediglich von der Druckwelle zu Boden geschleudert worden, sonst aber völlig unverletzt geblieben. Schuldbewusst stand er an meinem Bett und rang sichtlich mit den Tränen, obwohl er uns doch durch sein rasches Eingreifen vor dem Schlimmsten bewahrt hatte.

Wie mir aus späteren Erzählungen bekannt wurde, hatte es in mittel- und unmittelbarem Zusammenhang mit meinem Unglück aber auch noch andere aufregende Ereignisse gegeben. So war das Rettungsauto, das mich ins Krankenhaus bringen sollte, in die erste Welle eines Tieffliegerangriffes auf Amstetten geraten, worauf der Fahrer anhielt und das Auto verließ, um vor dem einsetzenden Geschoßhagel Schutz zu suchen. Jener Mann, der die Rettung für mich angefordert hatte und den Transport begleitete, war sich bewusst, dass keine Zeit zu verlieren und jede Minute kostbar war. Er trug mich den Rest des Weges bis ins Spital, wo ich sofort operiert wurde und einen ganzen Tag vollkommen bewusstlos lag. Indessen hatte ein Tieffliegerangriff der Russen, der der abziehenden deutschen Armee galt, Tote, vor allem aber zahlreiche Verletzte unter der Bevölkerung sowie den anwesenden Amerikanern gefordert; auch der Kilianbrunnen ging in Trümmer. Die Russen hatten die in Amstetten eingerückten Amerikaner für Angehörige der deutschen Armee gehalten und angegriffen!

Ich selbst aber verdankte mein Leben zum ersten der Tatsache, dass ein Mann mich auf seinen Händen ins Krankenhaus trug, als ich ohne Hilfe im verlassenen Rettungsauto zu verbluten drohte, zum zweiten den Umstand, dass ich zur Operation kam, ehe die große Zahl der Schwerverwundeten des erwähnten Fliegerangriffes eingeliefert wurden, von denen vielen nicht mehr rechtzeitig geholfen werden konnte.

Der Tag, an dem all dies passierte, war der 8. Mai 1945, jener Tag, an dem die deutsche Armeeführung die Kapitulation unterzeichnet hat und am Nachmittag die russischen Besatzungstruppen in Amstetten einzogen.



Die Mariensäule in Wallsee

Figurenbildstock Maria Immaculata
Von Herbert Ortner - Eigenes Werk,
CC BY 3.0,
https://commons.wikimedia.org/w/
index.php?curid=15264379

Heimatkundliche Beilage zum Amtsblatt der Bezirkshauptmannschaft Amstetten
Nr. 70 - 1. Februar 1978 - 7. Jahrgang

Die Mariensäule in Wallsee
(verfasst von Theodor Salvator-Habsburg-Lothringen)

Anlässlich der Renovierung der so selten schönen Mariensäule, welche nun seit 256 Jahren den Marktplatz von Wallsee ziert, konnte auch der lateinische Text der Inschriften am oberen Sockel der Statue, der durch fehlerhafte frühere Restaurierungen entstellt war, von Univ. Doz. Dr. Pater Willibrord Neumüller aus Kremsmünster einer genauen Prüfung unterzogen und zur Gänze rekonstruiert werden. Ihm und seinen Mitarbeitern, im besonderen dem mitbeteiligten Abt des Stiftes, Dr. Dr. Albert Bruckmayr, sei im Namen aller Wallseer dafür herzlichst gedankt! Damit kann man wohl die ansonst vom Bildhauer und Restaurator Herrn Alfred Loidl aus St. Pölten durchgeführte Restaurierung als besonders gelungen bezeichnen. Die Mariensäule wurde wieder, im Sinne ihres Stifters, zu einer "heiligen Stätte", zu einem Mahnmal, sie erhielt wieder eine lebendige Aussage durch die vom Stifter selbst verfassten und in Verse gesetzten lateinischen Inschriften.

Geschichtliche Notizen:
Johann Nikolaus Guyard, Freiherr v. Saint Julien, Reichsgraf von und zu Wallsee, geboren 1676, gestorben am 12. (17.) Februar 1728, und dessen Gattin, Susanna Ludovika Gräfin von Hohenfeld, geboren 1678, gestorben 16. Jänner 1754 und vermählt am 26. Juli 1700, waren die Stifter der schönen Mariensäule in Wallsee.
Die Familie Guyard v. Saint Julien stammte aus der Provence in Südfrankreich. Der Großvater des obgenannten Stifters, Heinrich Guyard v. Saint Julien, war, im Jahre 1609 aus Frankreich kommend, in Österreich eingewandert, um in kaiserliche Dienste zu treten. Zunächst Privätsekretär bei Kaiser Rudolph II., dann in gleicher Eigenschaft bei Kaiser Matthias, trat er unter Ferdinand II. in kaiserliche Kriegsdienste, wo er zunächst unter Wallenstein seine großen Fähigkeiten bewies und durch seine Kaisertreue auch nach dem Sturz Wallensteins in die höchsten Stellen aufstieg. In den Reichsfreiherrenstand erhoben, kaufte er 1560 die Herrschaft Nieder-Wallsee und wurde schließlich von Kaiser Ferdinand II. in den Reichsgrafenstand aufgenommen. Sein obgenannter Enkel war Besitzer von Wallsee und hatte insgesamt von seiner Gattin 11 Kinder, von welchen 7 im Kindesalter starben. Im Winter 1709/1710 war nun einer der Söhne so schwer erkrankt - wir wissen nicht welcher, doch kann es sich in erster Linie um Johann Julius, damals achtjährig, vielleicht aber auch um Johann Leopold, erst knapp zweijährig, gehandelt haben -‚ dass man um sein Leben fürchtete. In der Überlieferung spricht man immer wieder von der Pest, wofür aber keinerlei Anhaltspunkt besteht, was doch wohl in diesem Falle bestimmt erwähnt worden wäre. Jedenfalls gelobte Graf Johann Nikolaus, der damals schon 2 Kinder verloren hatte, zur Errettung seines Sohnes in Wallsee eine Marienstatue zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis errichten zu lassen. Als nun tatsächlich die Genesung eintrat, kam es auch zum Abschluss eines Vertrages de dato 17. März 1710 mit dem Wiener Bildhauer Benedikt Schober zur Errichtung dieses Standbildes. Es war ein Preis von 340 Gulden ausgemacht, welcher jedoch um 8 Gulden überschritten wurde. Die Ausführung erfolgte in weißem Eggenburger Sandstein (in der Inschrift wird zwar immer von Marmor gesprochen), der aber leider ziemlich empfindlich ist.
Da Graf Johann Nikolaus überhaupt gern Gedichte und Sprüche in verschiedenen Sprachen schrieb, verfasste er auch die lateinischen Inschriften persönlich.
Vor Errichtung des Denkmales erbat sich der Graf bei dem damals zuständigen Diözesanbischof von Passau ausdrücklich die Erlaubnis, dieses Denkmal zu errichten, die Genehmigung hierfür ist im Wallseer Archiv noch vorhanden, woher auch alle anderen Angaben dieser Niederschrift stammen.

Die Inschriften der Mariensäule
habe ich nun zum allgemeinere Verständnis ins Deutsche übersetzt und die Versform beibehalten:
1.     Nordwest-Seite: 
Mit Deinen Füßen zertrittst Du,
o Königin, Evas, der Todbringenden, Schuld.
Pforte des Heils, sei gegrüßt!
O Jungfrau ohn' Makel, Mutter ohn' Schuld.
Der Unbefleckt-Empfangenen Antlitz herrlich erglänzt,
Jungfrau, auch nach der Geburt bleibst Da Jungfrau
Du schimmerst im Glanze! Reinerer Glanz als sie
wird niemals auf Erden erstrahlen!
Halt ein Deine Schritte, o Wanderer,
wenn Du vorübergehst an heiliger Stätte,
und bringe der Jungfrau von Herzen
stets in Liebe Gebete auch dar!
2.     Nordost-Seite: 
O glücklich und ersehnt zugleich war die Stunde des Heils
da Du, Jungfrau, Du hehre, uns Elenden brachtest DEN TAG!
Sie ist das Heil, sie hat aller Menschen Geschlechter erlöst.
Allen bisher Verdammten ist nun die volle Gnade eröffnetes
Dich verehrt ebenso der Himmlischen Schar,
Dich preis der Erdkreis!
Des Lebens Grund bist Du, o herrliche Himmelsbraut!
Die Leiber, mächtiger Stern, uns're Patronin, bewahre, so bitt ich, die Kranken stärke, beschütze sie, verscheuche das Unheil!
3.     Südost-Seite: 
Andächtig habe ich Dir die gemachten Gelübde erfüllt!
Als Dank für empfangene Gnade preist Dich in Marmor das Werk.
Daher weihe ich Dir meine Wohlerhaltenen Kinder.
Gleichzeitig bitte ich auch: Erhalt meine Habe!
Um das bitt' ich von Herzen: Bleib Patronin des Schützlings,
Deine Gnade allein beglückt den,
der auf Dich seine Hoffnungen setzt!
Das, Du vorn Himmel Erwählte, verleihe:
Dass durch dies hier vollendete Schaustück
das Herz ewiglich die geheiligten Feste begehe.
4.     Südwest-Seite:
O Königin, mit unzähligen Zeichen des Sieges
wärest Du zu umgeben!
Wer aber kann alle Dir gebührenden Ehren erweisen?
Das fast zerstörte Lebensgewebe des Kindes hast Du bewahrt.
Die Fäden des schon aufgegeben Lebens kannst Du wieder knüpfen.
Daher weiht der Vater, Dank sagend für seinen Sohn,
Dir, o Hehre, diese Statue aus Marmor!
Ehrfürchtig setz ich Dir hier, meine heilige Mutter,
die Zeichen des Sieges!
Dank bring ich Dir dar, diese Geschenke weihe ich Dir!


Von der Motorisierung und der Entwicklung des motorisierten Verkehrs im Bezirk Amstetten

Nr. 73 - 1 April 1978 - 7. Jahrgang

VON DER MOTORISIERUNG UND DER ENTWICKLUNG DES MOTORISIERTEN VERKEHRS IM BEZIRK AMSTETTEN
(verfasst von Bürodirektor a. D. Anton Rohrhofer)

So berichtet das "Amstettner Wochenblatt" zum 28.8.1904: Ein Militärautomobil mit zwei "angehängten Lastwagen" (Anhängern) fuhr langsam und mit furchtbarem Getöse auf der Reichsstraße durch den Ort. Im Automobil saßen Offiziere, in den Lastwagen Unteroffiziere und Infantristen. Es besaß 12 Pferdestärken. Die Steigung des Krautberges schuf es dennoch nicht aus eigener Kraft. Man befestigte beim Wirt am Berg an einem elektrischen Mast ein Drahtseil und zog unter reger Anteilnahme der Bevölkerung das Gefährt hinauf.

1904 besaßen schon drei Amstettner ein Auto: offene dunkelrote Zweisitzer, auf hohen Holzspeichenrädern. Der kühne Unternehmer Maurermeister Johann Schreihofer hatte schon 1900 als erster in Österreich ein kohlengeheiztes Auto, ein "Dampflokomobil" erworben. Er war damit wohl nicht sehr zufrieden, denn meistens fuhr er sein weißes Motorrad.

Bis zum Ersten Weltkrieg waren nur etwa 5 - 10 PKW angemeldet. Verständlich, dass beim Auftauchen eines solchen Vehikels das Gefährt wie auch auf hohem Sitz der stolze Lenker Aufsehen erregten. Manchmal rannte die Jugend hinterher, was bei der bis 1930 erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 25 Studenkilometern leicht möglich war. Das Kennzeichen 1 von Niederösterreich hatte sich 1908 der Buchdruckereibesitzer Carl Queiser zu sichern gewusst. Er war in seiner Jugend ein vieldekorierter Meister im Radfahren und nun ein rasanter Autofahrer. Schließlich musste er seine ausgezeichnete Nummer dem Erzherzog Salvator auf Schloss Wallsee überlassen.

Lastkraftwagen waren ebenfalls nur wenige in Betrieb. Bereift mit Vollgummi und mitunter sogar mit Eisen, waren sie eine wahre Landplage mit ihrer großen Lärm- und Staubentwicklung, besonders bei Ortsdurchfahrten, die mit großen Granitwürfeln gepflastert waren. Erst in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg tauchten die ersten Luftbereifungen auf.

Ende des Jahres 1918 waren fahrbereite Kraftfahrzeuge eine Seltenheit, man konnte ihre Zahl an den Fingern abzählen. Aber schon kurz nach Kriegsende war der Trend zur Motorisierung zu erkennen, und Ende 1919 zählte man schon 74 angemeldete Kraftfahrzeuge. Ihre Zahl erhöhte sich innerhalb von 10 Jahren auf 503, und 1938 waren es etwas mehr als 3000. Zwar ging die Zahl während des Zweiten Weltkrieges auf 2151 zurück, stieg aber dann unaufhaltsam bis Ende 1977 bis auf 51020!

Der politische Bezirk Amstetten war und ist einer der meistmotorisierten in Österreich. In der letzten Zahl sind alle Fahrzeuge enthalten, also auch Zugmaschinen, Anhänger und Mopeds laut Amtsblatt 2/1977. 1919 wurde im Bezirk der erste Dienstkraftwagen eingestellt, der Wagen der Bezirkshauptmannschaft, ein "Kulissenschaltungs"-auto. Chauffeur war zeit seiner gesamten Beamtenlaufbahn, in der er zugleich Kanzleidienste versah, Franz Fadler. Fadler war schon in jungen Jahren als Chauffeur zu einem russischen Großfürsten in den Kaukasus gekommen. Im Wagen des Großfürsten hatte er 1912 auch den Zaren gefahren. Während seiner Dienstzeit in Amstetten war ihm, wie er später erzählte, ein starkes Erlebnis die Fahrt mit Bundeskanzler Dr. Dollfuß am 1.7.1934; der Kanzler besuchte eine Bauernkundgebung auf dem Sonntagberg und belobte ihn, Fadler, um seiner umsichtigen Fahrweise willen. Nur 3 Wochen
später wurde Dr. Dollfuß Opfer eines politischen Anschlags.

1921 begann auch die Motorisierung der Feuerwehren: Die freiwillige Stadtfeuerwehr Amstetten kaufte um den Preis von 950 000 Kronen eine motorisierte Autospritze. Das Geld wurde durch eine allgemeine Sammlung aufgebracht. Die großen Feuerwehren des Bezirkes folgten dem Beispiel alsbald nach.

Mit der Motorisierung eng verbunden war auch das Straßenwesen.
Die Fernstraßen waren mit dem Aufkommen des Bahnverkehrs ziemlich verödet. Aber 1911 schrieb das "Amstettner Wochenblatt": Durch den Automobilverkehr sind die Straßen wieder bedeutsam geworden. Hohe Herrschaften fahren nur mehr mit ihrem eigenen Kraftfahrzeug; in den ersten Hotels steigt ein internationales Publikum ab.

Aber die Straßen waren bis lange nach dem Ersten Weltkrieg in desolatem Zustand, im Besonderen die "Reichsstraße". Bei und nach Regenwetter gab es mit Ausnahme mancher Ortsdurchfahrten eine Unmenge von wassergefüllten Schlaglöchern, die das Fahren zu einer Art Slalom machten und an den Lenker größte Anforderungen stellten. Eine Fahrt Amstetten-Wien dauerte unter Umständen 3 1/2 bis 4 Stunden Die Schlaglöcher selbst wurden zumeist mit spitzem Schotter und Sand notdürftig ausgefüllt und waren nach kurzer Zeit wieder so schlimm wie vorher. Von den Kraftfahrern unbeliebte Strecken waren die bis zu ihrem Umbau sehr steilen Strengberge, der Engelberg bei St. Valentin, viele Stellen im Ybbstal, besonders im Bereich von Waidhofen a.d. Ybbs, die Große und Kleine Kripp bei St. Georgen a. R. und der Klosterberg bei Stift Ardagger. Sie sind nun alle ausgebaut. Gefürchtet war der Krautberg in Amstetten wegen seines starken Gefälles direkt ins Stadtgebiet hinein. Selbst nach der Entschärfung gab es hier zwei beträchtliche Unfälle: Ein mit Geschirr beladener Lastwagen zertrümmerte am Haus Dunkl; der Steueramtsdirektor Markus Piger fand dabei den Tod. Ein anderer verunglückter Lastwagen hatte 200 000 finnische Eier geladen; verletzt wurde niemand, der Schreiber dieser Zeilen rettete aber damals durch einen Sprung auf die andere Straßenseite sein Leben! Die zerdrückten Eier flossen als Bächlein in Richtung Hauptplatz und wurden von der Feuerwehr weggespült.

Vor der Fertigstellung der Autobahn war der Fernverkehr auf der Bundesstraße 1 bedeutend, 2000 Wagendurchfahrten in der Stunde waren Ostern 1966 die Spitze. Heute ist im Bereich von Amstetten der lokale Quell- und Zielverkehr beinahe ebenso groß! Auch die Straßen im Westen des Bezirkes sind sehr frequentiert.

Die Führerscheine für Autos hießen seinerzeit Lenkerzertifikate, für Motorräder brauchte man eine Fahrlizenz. Prüfungen wurden lange Zeit nur in Wien, St. Pölten und Amstetten abgehalten. Die erste "Privatanstalt zur Ausbildung von Kraftfahrzeugfühern" wurde 1934 Herrn Wilhelm Henke genehmigt. Das erste Automobiltaxameter hatte ab 1925 Mechaniker Richard Pazelt in Amstetten inne. Nach dem Ersten Weltkrieg schossen die Tankstellen aus dem Boden. Allein auf dem Hauptplatz von Amstetten zählte man vier. Sie mussten schließlich wegen Verkehrsbehinderung aufgelassen werden. Obligate Haftpflicht gab es seit 1908.


Die Gemeinde Biberbach

Nr. 76 - 1. August 1778 - 7. Jahrgang

Die Gemeinde Biberbach
(von Volksschuldirektor Adolf Schnaubelt)

Lage und Größe:
Die Gemeinde Biberbach liegt zwischen der mittleren Ybbs und Url, umfasst etwas über 23 km² und hat etwa 350 Häuser mit rund 1800 Einwohnern, gehört zum Gerichtsbezirk St. Peter in der Au und wird heute von den Gemeinden Aschbach, Kematen, Sonntagberg, Waidhofen und Seitenstetten umgeben. Die Post wird hauptsächlich von Seitentetten, im östlichen Teil der Gemeinde aber auch von Aschbach-Markt und Hilm-Kematen und im südlichen Teil vom Postamt Rosenau am Sonntagberg zugestellt.

Entstehung und Geschichte:
Der Kirchort Biberbach wird erstmals 1116 genannt. Damals wurde die Mutterpfarre Aschbach mit ihren Filialkirchen Allhartsberg, Krenstetten und Biberbach dem neugegründeten Stift Seitenstetten übergeben, das seither für die Seelsorge in Biberbach zuständig ist. Die Kirche ist dem hl. Stephanus geweiht. An ihrer Gründung hat also wohl das Bistum Passau mitgewirkt, dessen Domkirche ebenfalls den hl. Stephan zum Patron hat. Da fast zur gleichen Zeit auch die Stephanskirchen Amstetten und Stephanshart erstmal genannt werden, ist es wahrscheinlich, dass die Bischöfe von Passau, die ja auch an der Gründung des Stiftes Seitenstetten beteiligt waren, vor und um 1100 im Bezirk Amstetten eine Welle von Kirchengründungen eingeleitet haben, die auch zur Gründung der Kirche in Biberbach führte.

Eine Kirchengründung setzt schon eine gewisse Besiedlung voraus. Wann aber Biberbach besiedelt wurde ist schwer zu sagen. Bedenkt man aber, dass 933 das nahe Gleiß erstmal sgenannt wird, wobei ausdrücklich vom Beginn der Rodung die Rede ist, und dass damals in Gleiß der Grund gelegt wurde für die späteren Besitzungen der sächsischen Grafen von Seeburg, zu denen auch mindestens zehn Bauernhöfe Biberbachs gehörten, so wird man als Beginn der Besiedlung Biberbachs die Zeit um das Jahr 1000 annehmen dürfen. In den höher gelegenen Gebieten zog sie sich wohl noch länger hin, doch um 1300 muss die Rodung auf dem ganzen Gebiet der heutigen Gemeinde Biberbach einigermaßen abgeschlossen gewesen sein, denn in den Besitzverzeichnissen von Seitenstetten, dem damals schon der Hauptteil von Biberbach unterstand, und von Freising, dem der Südteil gehörte, finden sich um diese Zeit bereits die meisten Hof- und Weilernamen von Biberbach. 1312 wird es daher auch bereits als selbstständige Pfarre bezeichnet.

Eine Katastrophe bedeutete der Türkeneinfall 1529, bei dem Kirche und Dorf angezündet und 43 Personen ermordet wurden. Die Reformationszeit führte zu einem argen Priestermangel, wodurch Biberbach seinen eigenen Seelsorger verlor und nun vom Stift Seitenstetten aus mitbetreut wurde. Es blieb aber Pfarre. Daher beginnen auch in Biberbach die pfarrlichen Matrikenbücher bereits 1620. Von da an ist es möglich, die Besitzerliste der Bauernhöfe und die Familiengeschichte der alt-eingesessenen Geschlechter konsequent zu verfolgen. Ab 1757 hatte Biberbach auch wieder einen ortsansässigen Pfarrer. Unter den Franzoseneinfällen 1800, 1805 und 1809 hatte natürlich auch Biberbach zu leiden, ebenso unter beiden Weltkriegen. Gegen Ende des 2. Weltkrieges gelobte die Pfarre Biberbach eine jährliche Wallfahrt auf den Sonntagberg, wenn im Pfarrgebiet selbst niemand gewaltsam ums Leben komme. Diese Wallfahrt wird bis heute gehalten.

Kultur und Sehenswürdigkeiten:
Biberbach liegt am Übergang von den letzten Ausläufern der Voralpen zum sanft gewellten Alpenvorland und besitzt schon durch diese Lage, vor allem aber durch den bunten Wechsel von Feldern und Wiesen, größeren und kleineren Wäldern viel landschaftlichen Reiz. Im Ort selbst lenkt die Kirche sofort den Blick auf sich. Das Chorhaupt (Priesterraum) hat ein einfaches Kreuzrippengewölbe und stammt aus dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Über dem Hauptraum stützen auf nahezu quadratischem Grundriss achteckige Säulen ein reiches Rippengewölbe der Zeit um 1500. Bald darauf wurde auch die Orgelempore eingezogen. Im Westen wurde ein massiver Turm angebaut, der im 18. Jh. eine barocke Zwiebelhaube erhielt. Die Kircheneinrichtung ist größtenteils spätbarock. Den Hochaltar schmückt ein hervorragendes Bild des Kremser Schmidt (1792), das die Steinigung des Kirchenpatrones Stephanus darstellt. Die zwei Seitenaltäre zieren Gemälde des Malers Johann Georg Staindorfer aus Garsten bei Steyr (1681),

Sehenswert ist auch der Pfarrhof, 1760/1763 nach einem Entwurf des Seitenstettner Kämmerers P. Joseph Schaukegl erbaut. Seine schlichte Fassade mit dem betonten Dreiecksgiebel zeigt deutlich eine Abkehr vom Barockstil und eine Hinwendung zur "edlen Einfalt und stillen Größe" der Klassik.

P. J. Schaukegl entwarf auch die Nebengebäude zum Pfarrhof, von denen heute nur mehr ein Schuppen steht, und eine Schule, die 1762 in nächster Nähe der Kirche erbaut wurde. 1795 wurde das alte Mesnerhaus als Schule eingerichtet. Es brannte aber 1864 ab, worauf das heutige, seither freilich oft umgebaute Schulgebäude errichtet wurde. Heute nimmt es vier Klassen der Volksschulunterstufe auf, während die Oberstufe 1970 aufgelassen wurde. Seither besuchen die 10- bis 14- jährigen Schüler die Hauptschule in Aschbach, Rosenau, Gleiß und Seitenstetten. Inzwischen wurde auch ein Kindergarten erbaut.

In Biberbach ist auch ein Arzt ansässig. Es hat eine Feuerwehr und Musikkapelle. Heute zählt es auch zwei Künstler zu seinen Bürgern, die weit über ihre Heimat hinaus bekannt sind: den Mundartdichter Rudolf Alberer am Rechtlehen, dessen Gedichtband "Herentern Sunntaberg" 1973 in Wels erschien und dessen Weihnachtsspiel auch das Fernsehen zeigte, und den Akademischen Maler Professor Adalbert Schlager an der Oismühle, den Obmann des Bundes der Künstler und Kunstfreunde des Bezirkes Amstetten, dessen Werke schon in vielen Ausstellungen zu sehen waren und in Museen Aufnahme fanden.

Landwirtschaft und Gewerbe:
Die Landwirtschaft verliert auch hier an Bedeutung und wird oft nur mehr als Nebenerwerb betrieben. In höheren Lagen wurde der Ackerbau fast ganz aufgegeben. Dass aber die Landwirtschaft immer noch eine große Rolle spielt, zeigt der große Neubau der Genossenschaftsfiliale am Ostrand des Ortes. Als Industriebetrieb kann man nur die Papierfabrik Sonnberger in der Oismühle bezeichnen, die mit rund 30 Arbeitern jährlich etwa 2.000 Tonnen Spezialpapier erzeugt. Viele Biberbacher aber suchen Arbeit in auswärtigen Betrieben, vor allem im Ybbstal. Damit sie nicht ganz abwandern, fördert die Gemeinde sehr den Wohnbau. Auch der Fremdenverkehr spielt in dem schmucken Ort eine zunehmende Rolle. So wird sogar der Seitenstettner Maturaball in Biberbach gehalten.


Samstag, 24. Dezember 2011

Die schweiß- und segensreiche Getreideernte sowie die Druscharbeiten in der vorindustriellen Zeit im Mostviertel

Nr. 77 - 1. September 1978 - 7. Jahrgang

Die schweiß- und segensreiche Getreideernte sowie die Druscharbeiten in der vorindustriellen Zeit im Mostviertel
(von Insp.Rat Hans Zarl, Ulmerfeld)

Ein "Mandlfeld" unseres Brotgetreides im Vordergrund wählten schon unzählige Künstler und Maler als Motiv für Landschaftsbilder bzw. solche Stiche.

Nach altem Herkommen wurden die "Korn-Mandl" - in bergiger Gegend auch: als "Bogerl" bezeichnet - so lange auf dem Feld belassen, bis sie wettergrau und mit "Spinnhäut" behaftet waren. Das war Voraussetzung für eine längere Lagerungszeit in der Scheune bis zum Drusch. Dies wurde beim Weizen nicht so gehandhabt.

In wind- und niederschlagsreichen Lagen verwendete man gerne "Mandl-Stecken" zum "Aufmandln" und setzte - sobald das "Mandl" (durch pyramidenförmiges Aufstellen der Garben) gut stand, den Hut auf. Der Hut war eine schöne, etwas stärkere Garbe, welche man mit den Ähren nach unten über den Ährenbuschen des Mandels stülpte. Dieser Arbeitsgang wurde mit "Hüatln" bezeichnet.

Im Grenzgebiet zu den Bezirken Gaming und Scheibbs werden andere Arter von "Mandl" gemacht, nämlich die "Schöber"; diese sind dem Unterbau nach den "Mandln" gleich, doch werden dann - diesfalls sind Mandl-Stecken unbedingt erforderlich - mehrere Lagen von Garben kreuz und quer rund um den Mandlstecker noch aufgelegt und eine schöne Garbe sollte dann die "Wetter-Garbe" bilden.

Dass es während bzw. zum Abschluss des Schnittes auch "Schnitter-Krapfen" gab, war Tradition. Die Bäuerin trug diese in einer großen, ausgesucht schönen und bemalten Tonschüssel am Stubentisch auf, und diese mussten in heißem Zustande vom Herde kommen. Selbstverständlich durfte dazu ein Krug Most nicht fehlen.

Das "Einführn"

Ist nun die Zeit gekommen, wo der Bauer anordnete: "Heut dama einfuhren" wurden am Hofe emsig und umsichtig alle Vorbereitungen dazu getroffen. Alle Hausleute machten sich dazu bereit. Der Hausknecht kümmerte sich um die Einsatzbereitschaft der großen Leiterwagen und dazugehörigen "Troad-Plochen". Letztere wurden innerhalb der Leitern - am "Bodenladen" aufliegend - angebracht und sollten unvermeidlicher Weise ausfallende Körner (Körndl) auffangen. Die Gespannstiere wurden vorsichtshalber noch mit dem "Bremer-Öl" (stark riechendes Mittel gegen die Fliegen- und Bremsenplage und die "Bissmandln") ‚ eingeschmiert. An die "Fasserinnen" (Weiberleut) und die "Aufroacher" (Mannerleut) stellte das Einführen größte Anforderungen, besonders auch an die Zugtiere. "Trabig" (sehr eilig) konnte es dazu noch werden, wenn "a Weda owa schaut" (Gewitter heraufzieht), da ja der Erntesegen trocken in die Scheune gelangen sollte.

Bei einer solchartigen besonderen Eile oder bei "leitigen" (stark abschüssigen) Feldern kam es zuweilen vor, dass eine mit Garben beladene Fuhr, ein "Fahrl" umfiel oder ein großer Scherz (Teil) abrutschte. Dies brachte natürlich zusätzliche Arbeit, Ärger und auch Spott von Nachbarn. Eine solche Unbill wurde als "Bär'n-Bratl" bezeichnet, und man trachtete, diese um- oder zerfallene Fuhre schleunigst auf einen herbeigeholten Ersatzwagen umzuladen, welcher Vorgang mit: "Aushäuten" in unserem Mundartwortschatz seinen Niederschlag findet. Dem Brauch gemäß kamen dann am Abend die Nachbarinnen zu dem betroffenen Hof und baten um "a Bärnbratl"; die Bäuerin tat das damit ab, dass sie in die mitgebrachten Taschen eine gute Menge von "Ungenießbarem" gab, etwa: faule Kartoffeln bzw. solche Krauthäuptl oder gar Kuhfladen.

War das Feld abgeräumt, zog der Stallbub den großen Halmrechen über das so entstandene Stoppel-Feld und barg damit die meisten der verstreut liegenden Halme. Kurze darauf kamen aber noch ortsbekannte Arme und Inwohnerleut, die nun das Stoppelfeld sehr genau nach doch noch zurückgebliebenen Ähren absuchten: es waren dies die "Ächerklauber". Aus der auf diese Weise gesammelten Körnerfrucht - insbesondere von der Gerste - wurde Kaffee (durch Rösten) gemacht, oder sie wurde in der Mühle auf Mehl umgetauscht.

In der Scheune

Ehe die ersten Fuhren des Getreides zum Hof kamen, scheuerte der Hausknecht schon vorsorglich Tenne und Bansen (Barren und Halbbarren). Auf den Bansenboden (aus Lehm oder Holz) wurden 3 Kreuze aus frischen, belaubten Haselnussstecken gelegt und diese dann mit "Weihbrunn" besprengt. Die neue Ernte - ein Geschenk Gottes - sollte hier gut lagern und beim Drusch recht ergiebig sein. Die Fruchtarten wurden dann alle gesondert - je nach Menge - im Bansen von den Weiberleuten auf einen "Stock" gelegt, was als Stockfassen galt. War ein Abteil (Barren bzw. Halbbarren) voll kam der Hausknecht mit der Sense und säuberte den Stock tennseitig schön glatt. Streng geachtet wurde auch darauf, dass auf der Tenne anfallendes "Körndl" raschest in Körbe oder Säcke gesammelt wurde, um nicht zertreten zu werden. Man wusste dazumal überhaupt mit der Gabe Gottes "kluag" (bedacht und sparsam) umzugehen. Fahrlässig Brotgetreidefrucht umkommen zu lassen war darüber hinaus sündhaft, weil ja die Weizenkörndl sichtbar in einem kleinen Oval die Gottesmutter tragen. Die Steigsäulen auf der Tenne erleichterten den Stocklegerinnen das Herunterkommen vom Stock.

Der Drusch

In der früheren Zeit (etwa bis 1916) wurden in der hiesigen Gegend Korn und Weizen auf der hölzernen Tenne mit der "Drischel" (dem Dreschflegel) aus den Ähren geschlagen (gedroschen). Dazu verwendete man den Spätherbst bzw. die ersten Wintermonate; ausgenommen davon war jene Menge, die zur Herbstaussaat benötigt wurde. Je nach Größe des Hofes bzw. der Getreidemenge waren 2 - 6 Leute mit dem "Dreschen" beschäftigt. Wegen des Taktes (Rhythmus) und zur Verhinderung einer eventuellen Eintönigkeit wurden dabei originelle Sprücherl aufgesagt bzw. gesungen; z.B. : "I 'amoi - Du 'amoi (2 Drescher); Kropfa san scho bocha (4 Drescher)"; stich Kotz o/ häng d'Haut auf / und beiß o (3 teilig für 3 Drescher), usw. Das Drusch- gut (die Garben) waren auf der Tenne, mit den Ähren zueinanderschauend, vom Stallbuben aufgelegt und mit dem Taschenfeit'l aufgeschnitten worden. Das bedroschene Stroh wurde dann gut durchgeschüttelt und mit vorsorglich schon vorbereiteten Strohbandln (von doppelter Länge) zu "Schwaben" gebunden, welche dann das Volumen von ca. 3 - 4 Garben hatten.

Die Schwaben wurden vorerst auf einen Haufen vor der Scheune und dann auf den "Schwaben-Boden" oberhalb der Stallung gebracht. Der aufgezeigte Verlauf des "Dreschens" wiederholte sich analog bis zu den letzten Garben in der Scheune.

Zu unserer Groß- und Urgroßväters Zeiten waren die Bauernhöfe in Regionen mit Wintergetreidebau (insbes. Korn) zumeist noch mit Stroh eingedeckt; demnach musste in jedem Hof ein bestimmter Vorrat an Dachstroh, d.s. "Schaube", angelegt werden. Damit dieses Dachstroh lange Lebensdauer hatte und gut zum "Decken" war, durften die Halme nicht zerquetscht bzw. zerzaust sein. Schon beim "Schnitt" achtete man darauf und band eine entsprechende Menge von Garben mit dem "Knöbel" (Knebel, einem Stück rundes "Zwetschkenbaumer's Holz" ca. 30 cm lang und ca. 4 cm dick, das an einem Ende zu einer Spitze verläuft). Solche Garben wurden dann auch besonders ausgedroschen, und zwar ausgeschlagen: Auf der Tenne wurde ein großes Wagenrad liegend auf einem "Dri-Bock" befestigt, und auf dieses Rad wurde mit den Garben so lange eingeschlagen, bis die Ähren leer waren. Mancherorts wurde anstelle des Wagenrades eine umgekippte "Radltrag" verwendet. Solcherart gewonnenes Stroh wurde auch zum "Bandlmachen" für die Schwaben verwendet. Eine "Burd" solcher Bandl hatte 100 Stück, dagegen nur 60 Stück eine "Burd" zum "Schöber-binden". Kornstroh war länger als jenes von Weizen.

Hafer und Gerste hingegen wurden "tret'n", d.h. über eine entsprechende Schichte davon (ca. 50 cm hoch) wurden Jungtiere so lange darüber getrieben, bis die Frucht aus den Ähren und Flirschen herausgetreten war; darum die Bezeichnung "Treten". Vorsorge wurde auch dahingehend getroffen, dass für das "Misten" der Tiere eine Stallschaufel und ein Eimer zur Hand waren.

Als allmählich eine bescheidene Technisierung aufkam, sah man fallweise auf einem Bauernhof einen "Stiften-Drescher". Diese Maschine musste mit händischer Kraft in Bewegung gesetzt werden und hatte keine Reinigungseinrichtungen für das "Körndl". Ab und zu gab es dann auch schon einen "Göpel" mit vorgespannten Zugtieren. Dieser trieb die Dreschmaschine an.

Auch beim "Dreschen" gab es Krapfen. Diese waren den schon erwähnten Schnitterkrapfen gleich und werden in der übrigen Zeit mit dem herkömmlichen Namen "Bauern-Krapfen" bezeichnet.

S' Troad putzen

Die im "Am" (Spreu)- bzw. Tennkammerl nach dem Drusch gelagerte Frucht wurde vorerst händisch durch die "Hafer-Reiter" (hölzernes großlöchigeres Sieb) und anschließend durch die engmaschigere "Kornreiter" geschüttelt; wodurch der größte Teil von Spreu u. dgl. abgesondert wurde. Die endgültige Reinigung erfolgte dann erst mit der "Windmühl"; ein händisch betriebenes großes Wirtschaftsgerät, ganz aus Holz, eine ganz gediegene Konstruktion. Die für die Herbstsaat benötigte Menge an Korn und Weizen wurde schließlich noch mit dem "Trieur" gereinigt, ein gegen Ende des 19. Jhdt. entwickeltes eisernes Reinigungsgerät - ebenfalls mit Handantrieb. Das "Saatgut" sollte nur aus dem schönsten und unverletzten

"Körndln" bestehen, und man bediente sich besonderer Reinigungsgeräte, welche die letzverbliebene Spreu ("Am") und das "Afterne" auszuscheiden hatte. Das für den Schüttboden, den "Troadkost'n" bestimmte Getreide wurde von den Männern des Hauses, den "O'Trogern" in Jutesäcken dorthin gebracht. (Teils gab es auch eigene Feldkasten für das Getreide)

Hinter der "Hoh-Bodenstiege" fanden die "O-Troga" fallweise ein Glas'l Tee mit Schnaps vor - der meistens ziemlich "scharf" war (mit viel Schnaps) - welchen die Bäuerin, als Anerkennung für diese starke Arbeit, präsentierte.

Der "Troad - Kost'n"

Dieser befand sich in der Regel im I. Stock des Wohnhaustraktes bzw. im Dachgeschoß desselben; er wird auch Schüttkasten genannt. Je nach Umfang des Getreidebaues waren dies 1-2 große, luftige Räume mit Holzfußboden und hölzernen "Schalu"-Fenstern (Jalousien-Fenstern). Vereinzelt gab es für die endgültige Getreidelagerung den sogenannten "Feld-Kasten" einen freistehenden Holzbau.

Jede Fruchtgattung wurde auf einen eigenen "Haufen" oder in ein gezimmertes Abteil geschüttet. Wenn erforderlich, wurde der eine oder andere Haufen mit einer eigenen hölzernen "Troad-Schaufel" umgeschaufelt, damit etwaige Feuchtigkeit durch die Luft entzogen wurde.

Dann fuhr der Bauer mit der flachen Hand durch den Haufen und ließ schließlich eine Handvoll Körner durch die Finger rieseln. Mit dieser Handlung prüfte er die endgültige Trocknung.

War er von diesem Zustand überzeugt, dann glättete er mit der oben erwähnten Schaufel den Haufen (bzw. das Abteil) und machte mit dem Schaufelstiel 3 mal ein Kreuzzeichen oder das Zeichen JHS (Jesus Heil und Seligmacher) sichtbar in die Oberfläche der Frucht hinein: Der Ausdruck der Dankbarkeit an den Herrgott für diesen Segen für ihn und die Seinen; aber auch stellvertretend für alle Menschen, die das tägliche Brot benötigen, des Öfteren aber das Dankgebet vergessen.

Dass im geschilderten "Troad-Kost'n" manchmal auch das "Haus-Brot" auf der "Brot-Leiter" aufbewahrt wird, hat zwei Gründe: zum Ersten, weil der Raum trocken und kühl ist, und zum Zweiten, weil es sich dabei um das hauptsächlichste Endprodukt des Getreides handelt. In diesen Räumen, die - neben den Stallungen - den Stolz des Bauern bilden, finden wir auch andere einschlägige Gerätschaften vor, z.B. die "Troad-Metz'n" (hölzerne Hohlmaße) wie auch den üblichen "Salz-Stock" (vorrätiges festes Salz) und auf den Wänden luftig auf langen Stangen hängend die "hanfernen" Troad-Säck wie auch die grobleinernen weißen "Mehl-Säcke" (Drizipfat) auch "d' Molta-Säck" genannt. Das Mehl, das man vom Müller für das Getreide zurückbekommt, hieß dazumal "S' Molta", und diese Säcke trugen in schöner Druckschrift - auch noch zuweilen mit Zierat -den Namen des Bauern bzw. des Hofes. Auf Stangen hingen auch die "Troad-Plachen" und an der Wand die verschiedenen "Reitern'n".

Schließlich wurde gerne von den Kindern des Hofes am "Korn-Hauf'n" nach dem Mutterkorn Ausschau gehalten. Die Apotheker kauften diese seltene Frucht (sie kommt nur vereinzelt in den Kornähren vor) gerne, und das war dann ein kleines, "g'fundenes" Taschengeld.


Unsere Vierkanthöfe

Nr. 79 - 1. November 1978 - 7. Jahrgang

UNSERE VIERKANTHÖFE
(verfasst von Ob.Insp. Hans Hintermayr, Kustos des Mostviertelmuseums in Stadt Haag)

Über die Entstehung des Vierkanthofes gibt es einige Theorien. Sicher war es ein langer Werdegang, bis sich jener ausgereifte Bautypus ergab, wie er sich heute darstellt. Es mag verschiedene Vorstufen, ähnliche Höfe im In-. und Ausland geben, der Vierkanter jedoch ist nur im ober- und niederösterreichischen Raum, und zwar vorwiegend in den fruchtbaren Flach- und Hügelgebieten südlich der Donau, als die vollkommenste Gehöfteform anzutreffen. Über die geschichtliche Entwicklung der Vierkanthöfe gibt es nur Theorien und keine handfesten Beweise:
1.     Die Wehrtheorie: der Vierkanter sei etwa mittelalterlichen Schlössern und Burgen nachgebaut worden. Der Typus der Abgeschlossenheit könnte dieser Theorie als ein möglicher Beweis dienen.
2.     Die Funktionstheorie: der Vierkanter biete die beste Betriebs- und Arbeitsfunktion für die mittelalterliche Naturalwirtschaft.
3.     Die Evolutionstheorie: der Vierkanter ist das Ergebnis einer Entwicklungslinie, die ihren Anfang nahm im mittelalterlichen Gruppen- (=Haufen-)hof mit der innewohnenden Tendenz zur Ausbildung zum Regelhof. Die weitere Station auf dem Wege zur Endform bildete dann der Vierseithof, der noch keine einheitliche Firstlinie aufweist.
Diese freistehenden und für sich abgeschlossenen mächtigen Gehöfte erinnern auch in mancher Hinsicht an die barocken Klosterbauten, von denen Einflüsse auf das bäuerliche Bauen gewirkt haben mögen.

Die aus vielfältigen praktischen Erfahrungen gereifte Bauform bietet bei der täglichen Arbeit in Haus und Hof zu jeder Jahreszeit arbeitsmäßig Vorteile gegenüber weitläufigen Anlagen. Die vielen Arbeitsvorgänge zwischen Haus- und Wirtschaftsräumen sind, im Vergleich etwa zum offenen Innviertler Vierseithof, wesentlich kürzer, und man ist besser gegen die Unbill der Witterung geschützt.

Die These von der Evolution des Gruppenhofes zum Vierkanter als überprüfbare Theorie ist heute am wenigsten umstritten. Sie wird vertreten von A. Klaar, O. Moser, V. H. Pöttler.

Die Ausmaße der Vierkanter sind, von der Konzeption her gesehen, auf die Größe des betreffenden Grundbesitzes abgestimmt. Wirtschaften ab rund 20 Joch werden zur Kategorie der mittleren Betriebsgrößen gezählt.

Ab 40 Joch Grund sind die Besitzungen in die Kategorie der Großvierkanter einzureihen. Diese Höfe erreichen einen Umfang von 180 bis 220 Meter.

Zum Hauptmerkmal dieser Gehöfttype gehört der viertraktige Bau mit der ringsum geschlossenen Firstlinie; Wohngebäude und Wirtschaftstrakte sind miteinander in einer Anlage vereinigt.

Rudolf Heckl umreißt in der OÖ Baufibel" das wesentliche des Vierkanthofes mit folgenden Worten: Das Charakteristische des Vierkanters ist sein Streben nach Geschlossenheit, das Burgähnliche und kristallisch Vollendete."

Ursprünglich waren diese Gehöfte ebenerdig. Beim Aufstocken behielt man - mit Ausnahme von Erweiterungen - die Grundkonzeption jedoch vielfach bei. Aufschlussreich ist die Tatsache, dass überraschend viele Stallfronten südlich situiert sind, während dies bei Wohntrakten weniger häufig vorkommt. Mit der daraus abzuleitenden Annahme, dass die Südseite bei kälterer Jahreszeit eben die geschütztere, die warme- und windstillere Seite ist, die echte Vorteile für das Vieh bot, wird man sicher nicht fehl gehen. Die Räume für das Vieh genossen immer schon einen Vorrang gegenüber den Wohnräumlichkeiten. So hat man ursprünglich bei der Anwendung von festen Baustoffen zuerst mit den Stallungen begonnen. Nach und nach kamen die anderen Trakte an die Reihe. Der Wohntrakt war deshalb bei unseren Vierkantern erst das letzte Vorhaben. So konnte man noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts manche Bauernhöfe sehen, bei denen der Hausstock eingeschossig war, während alle anderen Gebäudeteile Zweigeschossigkeit aufwiesen.

Als große Bauepoche für die Vierkanter (Aufstockung) kann man die
Zeit zwischen 1850 bis 1870 bezeichnen. Die Jahreszahlen an den steinernen Haustürgerichten sind Beweis dafür. Der heimische Lehmboden lieferte das wertvolle Rohprodukt für das noch nach über 100 Jahren so prächtig wirkende Ziegelmauerwerk. Die hauseigenen Ziegelbrennereien begünstigten die rege Bautätigkeit. Die Besitzer der Höfe Samhub in Reichhub, Katzwimmer in Haidershofen und Huber in Hofkirchen wissen von ihren Vätern genau den ehemaligen Standort der Ziegelöfen. Baggerarbeiten fördern fallweise Reste solcher Öfen zu Tage. Das händische "Ziegelschlag'n" und das Brennen besorgten Gastarbeiter aus Italien.

Als Bindemittel für den Ziegelbau wurde ein mit Wasser, Spreu und Grät'n vermengter Lehm ("Loahmsupp'n") verwendet. Dieser bereits körnerfreie Mörtel verlangte für das Mauerhandwerk große Genauigkeit und bewirkte durch die erzielten schmalen Fugen einen gediegenen Gesamteindruck.

Bewundernswert sind die rohbelassenen Ziegelfassaden durch die "Stürze" über den Fenstern, weiters durch das zwischen dem Erd- und Obergeschoß ausgelegte Zierband-Element in verschiedenen Variationen und durch die Gesimsgestaltung. Diese Mauerzier wurde erhöht durch weiße Fensterputzfaschen. Echte Steinmetzkunst beweisen die steinernen Gewände bei Haustür- und Hoftorrahmen. Auf eine sinnbildhafte und schmuckbetonte "aufgedoppelte" Haustür wurde großer Wert gelegt. Von den verschiedenen Türornamenten (Malzeichen, Rauten, Sonnen und Sterne) zählten die Sternentüren zu den beliebtesten. Durch Anbringung an Fresken und bemalten Bildern über den Haupteingängen - vornehmlich über der Haustüre - wurde bildhaft das Haus unter den Schutz von Heiligen gestellt.

Die Vierkantfassaden künden von der handwerklichen Fertigkeit der Erbauer, von ihrer Lebensauffassung, von einem guten Formgefühl und nicht zuletzt auch von einem bestimmten Schmuck- und Zierbedürfnis. Die Erhaltung dieser profanen Baudenkmäler sollte jedem Besitzer Verpflichtung sein. Nach einem ungeschriebenen Gesetz obliegt es jeder Generation, auf dem Hof einen der vier Trakte neu instandzusetzen, sodass sich der Hof innerhalb von etwa 100 Jahren immer wieder erneuert.

(Entnommen aus der soeben erschienenen Publikation "Das Mostviertel und sein Museum in Haag"; Eigentümer, Herausgeber und Verleger Ob. Insp. Johann Hintermayr.)


Unser Volkslied - Die Seele des Volkes

Nr.91 - 1. November 1979 - 8. Jahrgang

UNSER VOLKSLIED - DIE SEELE DES VOLKES
(verfasst von Prof. Josef Biberauer)

Um die Jahrhundertwende schrieb der Schriftsteller K. Bormann folgende Gedanken nieder: "Einst war in deutschen Landen das Volk so reich an Sang, dass dir auf Weg und Stegen sein Lied entgegenklang. Im Liede hat's gebetet, im Liede hat's geweint, beim Mahle wie bei Gräbern zum Sange sich vereint. Der Bauer hinterm Pfluge, der Hirt im Wiesental, die Mädchen an dem Spinnrad, sie sangen allzumal; und wo die Kinder spielten, da lenkt' ein Lied die Lust, und wo die Burschen zogen, da klang's aus voller Brust!" So hieß es in einer Zeit, in der es noch kein Radio und kein Fernsehen gab und das Kino die ersten Gehversuche machte. Ungefähr zur gleichen Zeit schrieb Bischof Keppler in seinem Buche "Mehr Freude" - "Weil das Volkslied ausstirbt, ist wieder ein Stück Freude am Volksleben dahin, und weil die Freude im Volksleben fehlt, will das Volkslied nicht mehr gedeihen." Fürwahr, ein tragischer Teufelskreis.

Wie stehen wir heute zum Volkslied, hat es uns schnelllebigen Menschen im Zeitalter der Technik noch etwas zu sagen?

Singen ist gehobene Sprache und ist so alt wie die Menschheit selbst. Wissenschaftler haben festgestellt, dass es zu allen Zeiten neben dem kultischen Gesang den Volksgesang gegeben hat.

Das Bild der Mutter, die ihr Kindlein mit einem Schlummerlied einschläfert, ist uralt. Liedforscher haben festgestellt, dass beispielsweise die Melodie des - auch heute noch volkstümlichen - Wiegenliedes "Heidi pupeidi" sich viele Jahrhunderte zurückverfolgen lässt. Zum ersten Mal 1819 als Wiegenlied aus Niederösterreich in Noten aufgezeichnet, scheint nach Angaben von Dr. Josef Klima die Melodie unter der Bezeichnung "Aria" bereits in einer Lautentabulatur des Stiftes Seitenstetten aus dem Jahre 1730 auf.

Neben vielen Kinder- und Reigenliedern, die von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden, nimmt das Liebeslied im Volke wohl den breitesten Raum ein, konnte man sich doch, gleichsam durch die Blume, im Lied viel leichter ausdrücken als im Sprechen. Wer kennt nicht die vielen Lieder des Mädchens am Spinnrad, die erfüllt sind von der Sehnsucht nach dem Liebsten? Zahllos sind die Volkslieder, welche die innigen Beziehungen zwischen Bursch und Mädel besingen. Aus urwüchsiger Lebensfreude entwickelten sich schon vor Jahrhunderten die vielen Jodler, Jauchzer und Almschreie. Aus dem bunten Zusammensingen kam es zu einer alpenländischen Mehrstimmigkeit, die in ihrem Aufbau älter als die Mehrstimmigkeit in monastischen und höfischen Kunstkreis ist. Die Terz, welche in der ars antiqua als Dissonanz verpönt war, ist zusammen mit ihrer Umkehrung, der Sext, ein wesentlicher Zusammenklang in der Mehrstimmigkeit des alpenländischen Volksliedes, die sich wie folgt gestaltet: Eine erste Stimme beginnt, eine zweite folgt in der Unterterz, dazu übersingt eine dritte Stimme, meist eine Männerstimme, und ergänzt damit den Dreiklang; eine reizvolle Dreistimmigkeit damit gegeben. Singt dazu noch ein Bass die Fundamentalbässe, so ist die beliebte Vierstimmigkeit gegeben.

Groß ist auch die Zahl der Lieder um den Jahreskreis um Frühling, Sommer und Herbst. Das Volkslied besingt aber auch Vergänglichkeit und Tod, und es gibt eine unüberschaubare Zahl von Totenliedern, Litaneien und Gesängen über die armen Seelen.

Zahlreiche Volkslieder beziehen sich auf den Beruf und die Arbeit. Jäger, Holzknechte, die Almwirtschaft mit der hübschen Sennerin, aber auch das Wild und die Vogelwelt (Nachtigall), sie alle kommen im alpenländischen Volkslied immer wieder vor. Daneben gibt es die vielen Spottlieder über einige Berufe, beispielsweise die Schuster, Schneider, Maurer.

Ein besonders sangesfreudiges Volk waren auch die Schiffer und Flößer auf der Donau (Wachauer Schifferlied), sie brachten viele Lieder aus der westlichen Bergwelt Osterreichs nach Wien. Die Wiener Volksmusiker Josef Lanner, Johann und Josef Strauß wurden dort angeregt, das wertvolle Liedgut zu verarbeiten; aus dieser Inspiration entwickelte sich dann der berühmte Wiener Walzer. Das Volkslied wurde auch von großen Komponisten in ihr Schaffen einbezogen. So finden wir ein burgenländisches Volkslied in Haydns großem Oratorium "Die Schöpfung". Johannes Brahms umkleidete zahlreiche Volkslieder musikalisch mit köstlichen Einfällen. Unser Volkslied bewegt sich also in bester Gesellschaft; und wir können uns stolz zu ihm bekennen.

Wie stehen nun wir zum Volkslied, hat es auch heute noch Wert und Berechtigung? Ein Druck auf einen Knopf genügt, und wir können Musik, auch unser bescheidenes Volkslied, in perfektester Ausführung über Radio, Fernsehen, Kassette und Schallplatte hören; hat unser oft unvollkommenes Singen da noch einen Sinn?

Der aufmerksame Beobachter wird merken, dass einer musikalischen Berieselung durch die Massenmedien, mögen sie noch so raffiniert manipuliert sein, doch etwas fehlt, die Seele. Welche seelische Ausstrahlung empfinden wir dagegen beim Anhören des Gesanges froher, unbelasteter Kinder! Man wird natürlich die Tonkonserve bejahen, sie kann ein wertvolles Erziehungsmittel sein, sie kann uns den richtigen Weg weisen zu aktivem Singen; ein beseeltes Singen kann aber nur der Mensch ausführen.

Immer weitere Kreise suchen über das Volkslied wieder musikalisch aktiv zu werdend. Ein Sichfinden in einer singenden Gemeinschaft führt zu einem musikalischen Erlebnis, welches an die Quellen reiner Freude und echter Lebenswerte führt.

Die Rundfunksendung "Sing mit" bringt viele wertvolle Anregungen und hat einen weiten Hörerkreis, Volkslieder aus dem ganzen Bundesgebiet werden in den verschiedensten Besetzungen dargeboten. Spontan, ohne zu proben, wird mit beneidenswerter Begeisterung echtes Liedgut vorgestellt.

Das österreichische Volksliedwerk und das niederösterreichische Heimatwerk veranstalten Kulturwochen, welche größtenteils auf das Volkslied abgestimmt sind. Zwei Familiensingwochen in Hohenlehen waren überbesucht, und man will nächstes Jahr noch eine dritte veranstalten. Jung und Alt, teilweise ganze Familien finden sich dort zu einem wertvollen Erlebnis um das Volkslied zusammen.

Die Früchte der Bemühungen um die Rettung des Volksliedes werden bereits deutlich sichtbar. Sowohl in der Stadt wie auch auf dem Lande bilden sich immer mehr Kreise, besonders unter der Jugend, welche die Freude am gemeinsamen Singen mit dem Volkslied finden.
Besonders wertvolles Liedgut entwickelte sich um die kirchlichen Festkreise. Die stille Zeit um den Advent und ganz besonders das Weihnachtsfest mit seiner Mystik gaben die Anregung zu vielen Volksliedern.