Sonntag, 8. Januar 2012

Quellen für Ahnenforscher in Österreich, Bayern, Tschechien

Pfarren

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Matriken und kirchliche Quellen

http://www.matricula-online.eu/
Pfarrbücher der Diözesen Linz, St. Pölten und Wien (Matriken über Taufen, Trauungen, Todesfälle)

http://www.portafontium.de/
Bayerisch-tschechisches Netzwerk digitaler Geschichtsquellen (Matriken, Chroniken, Urkunden, Fotos) 

http://www.actapublica.eu/
Matriken aus dem tschechischen Bereich


http://www.vla.findbuch.net
Vorarlberger Matriken

http://matriky.soalitomerice.cz
Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz (Tschechien, Nordböhmen)

Urkunden

http://www.monasterium.net/

Kirchenschematismen

1850 - http://books.google.de/books?id=VqoAAAAAcAAJ&pg
1868 - http://books.google.de/books?hl=de&id=8s4pAAAAYAAJ&q

Aschbach – „Landts-Firstlicher-Marcht“

Nr. 143 - 1. März 1984 - 13. Jahrgang

Aschbach – „Landts-Firstlicher-Marcht“
von HOL Hans Gugler

Im Herzen des Mostviertels liegt die älteste Gemeinde des Bezirkes Amstetten: Aschbach Markt. Knapp 3200 Einwohner leben in dieser Marktgemeinde auf einer Fläche von 37 km2. Diese Ausdehnung erlangte Aschbach durch den Zusammenschluss mit den Gemeinden Krenstetten und Mitterhausleiten im Jahre 1971, nachdem sich nach dem Zweiten Weltkrieg schon die Gemeinden Dorf Aschbach, Oberaschbach und Abetzberg mit dem Markt vereinigt hatten. Auf einem Hügel, umwunden von der Url im Süden, dem Kumpfmühlbach im Westen und dem Zierbach im Osten, entwickelte sich das Marktgebiet zur heutigen Größe, während sich die übrige Fläche vom Ybbstal über die Hügel des Alpenvorlandes bis hin zum Tal der Donau erstreckt.

Der Name Aschbach wird vom Fisch "Äsche" abgeleitet. Deshalb zeigt das Aschbacher Wappen den Doppeladler mit einem Fisch in der Mitte. Historiker meinen aber, dass der Name eher auf die "Espe", die Zitterpappel, zurückzuführen sei.

Die Geschichte des Marktes reicht weit in die Vergangenheit zurück. Dass einst Kelten in unserem Gebiet wohnten, ist anzunehmen, ist doch die Bezeichnung "Url" keltischen Ursprungs, was soviel wie "Gewundene" heißt. Aschbach dürfte schon als Römersiedlung bestanden haben. Grabsteinfragmente, Tonscherben und Münzen wurden gefunden. Schon damals führte der später so genannte Flötzersteig über Aschbach gegen Steyr; eine Verbindungsstraße ging zur Limesstraße auf der Höhe der heutigen Autobahn, und eine Straße ybbsaufwärts. Im Mittelalter durchzog die sogenannte Salzstraße - vom Ybbs- zum Donautal - Aschbach. Der Ort ist also am Schnittpunkt bedeutender Verkehrswege entstanden.

Zum ersten Mal scheint der Name Aschbach in einer Bestätigungsurkunde über Schenkungen Kaiser Karls des Großen an das Domstift Passau im Jahre 823 als "asbahe" auf. Wenngleich auch die Echtheit dieser Urkunde nicht völlig gesichert ist, stellt sie doch einen Beweis für das hohe Alter des Ortes dar. Als weiterer Beweis dafür gilt unsere Martinskirche. Aschbach war Urpfarre! Das Pfarrgebiet erstreckte sich nach Norden bis zur Donau und nach Süden über das ganze Ybbstal bis an die steirische Grenze. Natürlich haben sich nach und nach um entstandene Siedlungen neue Pfarren gebildet und von der Mutterpfarre abgespalten. Im 12. und 13. Jahrhundert erlebte Aschbach unter den Babenbergern seine mittelalterliche Blüte. Der Salz- und Eisentransport wurde über Aschbach abgewickelt. Das Meilenrecht und das Privileg des Straßenzwanges, das Stapelrecht und das Niederlagsrecht war Aschbach zueigen und unterschied es von vielen Orten. Den Höhepunkt an Bedeutung erreichte Aschbach, als der Babenbergerherzog Leopold VI. Aschbach das Marktrecht verlieh, das dem Recht der Stadt Enns gleich war. Er wollte aus Aschbach einen landesfürstlichen Mittelpunkt schaffen und ihm auch das Stadtrecht verleihen.

Aber aus Geldnot musste der Landesfürst Aschbach immer wieder dem Bischof von Freising verpfänden. Der benachteiligte den Ort, wie er nur konnte, um den Aufstieg seiner eigenen Stadt, Waidhofen an der Ybbs, zu fördern. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts schwindet die Bedeutung Aschbachs. Unter der Türkenzeit wurde Aschbach oftmals geplündert. Der Dreißigjährige Krieg laugte den Markt weiter aus. Durchziehende Heere mussten verköstigt werden. Die Bevölkerung wurde drangsaliert. Den Rest gab die Pest im Jahre 1679, die Aschbach heimsuchte. Wiederholt brannte der Markt - im Jahre 1708 39 Häuser. Im Österr. Erbfolgekrieg wurde der Markt vom Feind wieder gebrandschatzt, die österr. Truppen des Generalfeldmarschalls Khevenhüller, die in Aschbach stationierten, mussten verköstigt werden. Unter Kaiser Joseph II. wurde Aschbach - bis dahin "OÖ Einlagsuntertan" - an Niederösterreich angegliedert. Napoleons Truppen plünderten unseren Markt. Der Bau der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn, mit dem Spatenstich am 1. Mai 1857, belebte die Wirtschaft Aschbachs wieder. Noch einmal brannte Aschbach, 25 Häuser würden im Jahre 1885 ein Raub der Flammen. Die beiden Weltkriege trafen Aschbach nicht unmittelbar, obwohl viele Söhne der Gemeinde ihr Leben lassen mussten. Das Ende des Zweiten Weltkrieges brachten die Russen, die am 9. Mai 1945 in unserem Markt einmarschierten. Noch einmal wurde Aschbach Metropole des Mostviertels: Aschbach wurde russische Divisionsküche. Fünfzig Bäcker arbeiteten in drei Schichten, täglich wurden 20 Rinder geschlachtet. Die russische Besatzung zwischen Enns und Sankt Pölten wurde von Aschbach aus versorgt.

Auch diese Zeit wurde überwunden. In Aschbach packte man mit beiden Händen zu. Man baute auf, verschönerte, schuf Neues. Unser Markt ist ein Zentrum des Mostviertels, ein Mittelpunkt der Landwirtschaft, und Handel und Gewerbe blühen.

Landwirtschaftlich gesehen, stellt Aschbach ein Muster von Umsicht, Fleiß und Investitionsfreudigkeit dar. Die Bauern haben sich zwar in den letzten Jahren spezialisieren müssen, aber ob sie Milchwirtschaft, Geflügel-, Schweine- oder Rindermast betreiben, beinahe jeder führt seinen Vierkanter mustergültig - und ist stolz darauf, ihn herzeigen zu können. Zweifellos haben Gründung und Ausbau des Genossenschaftswesens den Bauern zwischen Enns, Donau und Ybbs eine gesicherte Milch-, Fleisch- und Getreideerzeugung und -verwertung ermöglicht. Molkerei und Lagerhaus schufen darüber hinaus für viele Aschbacher entsprechende Arbeitsplätze. Nicht unerwähnt darf der Geflügelhof Fehringer bleiben, der 104 Bauern in Aschbach und Umgebung als Lohnmäster eine interessante und einträgliche Produktionssparte ermöglicht. Rund 300 Arbeitnehmer verdienen in diesem Betrieb ihr tägliches Brot.

Wenn man sagt, dass Handel und Gewerbe blühen, so lässt sich feststellen, dass in den letzten Jahrzehnten zwar einige Gewerbebetriebe verschwunden sind, aber andere dazukamen. Aschbach kann heute auf 58 Erzeugungs- und Dienstleistungsbetriebe zählen. Rund 550 Aschbacher finden Arbeit in der eigenen Gemeinde, nur ein Teil pendelt mit der Westbahn bzw. mit dem PKW aus.

Das Kulturleben in Aschbach wird durch das Kulturreferat, die Musikschule der Gemeinde mit über 200 Schülern und von den zahlreichen äußerst aktiven Vereinen geprägt. Durch das ganze Jahr wird der Bevölkerung von Aschbach und Umgebung eine breite Palette an Kursen, Vorträgen, Konzerten und viel Unterhaltung geboten. Nicht zuletzt versuchen die Verantwortlichen der Gemeinde, in wirtschaftlicher und kultureller Sicht Traditionen weiterzupflegen und dem Fortschritt offen zu sein.

Aus der Geschichte und der neuen Zeit von Gemeinde Behamberg

Nr. 142 - 1. Februar 1984 - 13. Jahrgang

Aus der Geschichte und der neuen Zeit von Behamberg
von Josef Fuchshuber

Behamberg ist eine der westlichsten Gemeinden des Bezirkes Amstetten. Gegen Oberösterreich bildet - das Gebiet Steyr-Münichholz ausgenommen - die Enns und der Ramingbach die Gemeinde- und damit die Bezirks- und Landesgrenze. Das Flächenausmaß der Gemeinde Behamberg beträgt 20 Quadratkilometer und 63 Hektar.

Der Ortsname Behamberg ist von Böhaimb abzuleiten und ist somit als "Berg der Böhmen" zu erklären. Dabei wird angenommen, dass diese Bezeichnung aus dem Ende des 10. Jahrhunderts stammt. In dieser Zeit siedelten Böhmen vereinzelt in Niederösterreich südlich der Donau. Der Besiedlung, die dem Ort den Namen gab, ging eine Besiedlung durch Slawen zwischen 600 und 700 n.Chr. voraus. Der markanteste Beweis dafür ist der in der Gemeinde liegende Wachtberg, früher Zobelsberg genannt. Er zeugt vom Sitz eines slawischen Zupans auf dieser Anhöhe, die einen Überblick über das damals mehrfach mit Slawen besiedelte Ramingtal bietet.

Die Kirche am Behamberg war einst eine Eigenkirche der Herren von Steyr, der Otakare. Eine Tauschurkunde mit der Jahreszahl 1082 kündet vom Tausch Otakars II. von Steyr mit dem Bischof Altmann von Passau, bei dem Behamberg an den Bischof von Passau kam.

In sehr enger Verbindung zueinander standen einst die heutige Pfarre Weistrach und die Pfarre Behamberg. Weistrach war bis in das 19. Jahrhundert Vikariat von Behamberg. Diese bis ins 15. Jahrhundert zurück belegte Tatsache weist mit ihrer rechtlichen Wurzel auf eine Abhängigkeit der Kirche Weistrach von Behambrg in ihren Ursprüngen hin. Große grundherrschaftliche Besitzungen des Pfarrers von Behamberg im Orte Weistrach bis zur Aufhebung der Grundherrschaften im Jahre 1848 verstärken diese Annahme. Das Kirchengebäude am Behamberg, das mit seinem Martinspatrozinium auf einen sehr frühen Ursprung verweist, stammt in seiner heutigen Form aus der Zeit um 1500. Die nördliche Hauptmauer und der Turm sind aber aus einem Kirchenbauwerk etwa aus der Mitte des 14. Jahrhunderts erhalten.

Die Verleihung der Pfarre stand einst dem Bischof von Passau zu. 1785 wurde Behamberg in den landesfürstlichen Patronat übernommen. Seit 1939 steht dem Bischof von St. Pölten das freie Verleihungsrecht zu.

Von einer Schule ist die Rede im Zusammenhang mit der Sekte der Waldenser erstmals 1311, und zwar in der Gegend der Plenklgasse, Steyr-Münichholz, die damals zur Pfarre Behamberg gehörte. Ebenso ist 1577 dort ein Schulmeister Heygraber genannt. Im 17. Jahrhundert finden sich gelegentlich Aufzeichnungen von "Schulmeistern". In Kirchenrechnungen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist erstmals von einem "Schulhaus'' die Rede. Ab der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die Schulmeister durchgehend bekannt. Nach einigen Schulerweiterungen im 19. Jahrhundert erfolgte im Jahre 1913 ein Schulbau, der noch heute den Erfordernissen entspricht.

Behamberg besaß einst zwei "Herrensitze". Der bedeutendste war das noch heute bestehende Schloss Ramingdorf. Eine erste Erwähnung dieses Sitzes findet sich um 1300. Ab der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts waren durch 200 Jahre die Händl Inhaber von Ramingdorf. Der erste von ihnen, Wolfgang, war durch lange Jahre Bürgermeister der Eisenstadt Steyr. Das Schloss hatte in Behamberg und in Ölling über 40 Grundholden. Vom kleineren Sitz Steinbach, das ebenfalls um 1300 bereits genannt ist, sind die bekanntesten Inhaber die Pernauer von Perney. Drei Grabsteine an der Außenmauer der Pfarrkirche Behamberg künden von diesem Geschlecht. Das Schloss Steinbach ist um 1800 verfallen.

Angrenzend an die Stadt Steyr, hatte Behamberg in allen kriegerischen Auseinandersetzungen durch die Jahrhunderte stark zu leiden, gab es doch an diesem Ennsübergangspunkt stets heftige Kämpfe.
Der erste Weltkrieg brachte zwar keine unmittelbaren Kampfhandlungen, aber zur Kriegsnot kamen 28 Gefallene und 20 Vermisste in der Gemeinde.

Der 2. Weltkrieg brachte neuerlich viel Leid für Behamberg. Zum Schutz der Stadt Steyr befand sich im Gemeindegebiet von Behamberg eine FLAK-Stellung. Behamberg war somit wie Steyr der Bombardierung ausgesetzt. Im Jahre 1944 waren 5 Tote durch Bomben zu beklagen. Außerdem richteten die Bomben an einigen Häusern Totalschaden und an vielen Häusern Teilschäden an. Ein ungeheures Ausmaß nahmen die Flurschäden an. Zwischen 700 und 800 große Sprengbomben fielen auf Behamberger Gemeindegebiet. Aber nicht nur die riesigen Bombentrichter mit mehreren Metern Tiefe richteten in den Feldern und Wiesen großen Schaden an, auch eine Unzahl abgeworfener Brandbomben und Phosphorkanister bedeuteten große Flurverwüstungen und nach dem Krieg ein paar Jahre währende Aufräumungsarbeit. Außerdem hatte die Gemeinde Behamberg durch den 2. Weltkrieg 54 Gefallene und 41 Vermisste zu beklagen.

Auf die Bombenzeit folgte die Russenzeit. Als Grenzgemeinde zwischen der russischen und der amerikanischen Zone hatte die Gemeinde Behamberg durch Jahre eine große Anzahl russischer Soldaten zu beherbergen, mit all den oft tragischen Begleitumständen für die Bevölkerung. In der ersten Zeit kam zu der argen Bedrängnis durch manche russische Soldaten noch, dass die Insassen der an der Gemeindegrenze liegenden KZ-Nebenstelle teilweise plündernd durch die Gemeinde zogen.

Im Jahre 1938 erlitt die Gemeinde Behamberg einen empfindlichen Gebietsverlust. Bis dahin war durchgehend der Ramingbach und die Enns die westliche Gemeindegrenze. Am 15. Oktober 1938 wurde durch das nationalsozialistische Gesetz über die Gebietsveränderungen im Lande Österreich vom 1. Oktober 1938 das Gebiet Münichholz, das seit eh und je zu Behamberg gehört hatte, nach Steyr eingemeindet. Dadurch kam dieses Gebiet auch zum damaligen Gau Oberdonau. Mit Inkrafttreten des Österreichischen Staatsvertrages 1955 hatten innerhalb Österreichs wieder die Grenzen zu gelten, wie sie vor 1938 bestanden hatten. Behamberg hatte damit wieder den rechtlichen Anspruch auf das Gebiet Münichholz.


Unsere Agrarwirtschaft im Wandel der letzten 50. Jahre (Teil 1)

Nr. 138 - 1. Oktober 1983 - 12. Jahrgang

UNSERE AGRARWIRTSCHAFT IM WANDEL DER LETZTEN FÜNFZIG JAHRE
(verfasst von Museumskustos Amtsrat Johann Hintermayr, Haag)

Der technische Fortschritt in den letzten fünf Dezennien brachte auch für die Landwirtschaft tiefgreifende Veränderungen. Denken wir zum Beispiel an die Mähmaschinen, die anstelle der Sensen traten, oder an die Traktoren, die unsere Zugtiere ablösten. Es ist daher angebracht, andeutungsweise darüber zu schreiben, wie vor rund fünfzig Jahren maßgebliche Arbeitsabläufe vor sich gingen, die man heute nicht mehr kennt oder die in ganz veränderter Weise erfolgen.

Der bäuerliche Arbeitstag

Der Bauer mit einer Hofgröße ab zirka 20 ha war lange nicht so von persönlich zu leistender Arbeit beansprucht als etwa sein Nachbar mit der Hälfte dieses Grundausmaßes. Die Besitzer größerer Wirtschaften wurden vereinzelt mit "Herr" anstatt mit "Veda" (=Vetter) angesprochen und waren im Sozialstatus ungefähr den Inhabern mittlerer Gewerbebetriebe gleichzusetzen.

Der damalige Kinderreichtum und das Überangebot an hausfremden Arbeitskräften erlaubte den größeren Bauern zu bestimmten Jahreszeiten einen gemütlicheren Tagesablauf. Dagegen gab es für die Ehefrauen dieser Bauern wenig ähnliche Ruhepausen. Die tägliche Arbeitszeit vieler Bauersfrauen war oft länger als die ihrer Dienstboten. Dieser für die Frau des Hauses erschwerende Umstand leitet sich von der einstigen patriarchalischen Hausordnung ab, wonach den Arbeitsgebieten der Männer in der Regel größere Bedeutung beigemessen und daher mehr Arbeitshilfen beigestellt wurden.

Bei kleineren Wirtschaften kannte man diese Unterschiede weniger; hier wurde das partnerschaftliche Modell durchwegs praktiziert, das heißt, dass der Ehemann damals schon weibliche Arbeiten wie etwa Tierfütterung, Entmistung etc. verrichtete. Auch bei den Feldarbeiten war ein ideales Zusammenarbeiten üblich. Das gegenseitige Beistehen hat sich inzwischen überall durchgesetzt und verbesserte wesentlich die Situation der Bäuerin.

In den dreißiger Jahren war die Miteinbeziehung der Kinder zu landwirtschaftlichen Arbeiten gang und gäbe; sie waren in vielen Fällen eine wertvolle Stütze zur Bewältigung mancher Arbeitstage. Neben der Mithilfe bei der Futterzubereitung für die Haus- und Zugtiere konnte man den zwölf- bis vierzehnjährigen Schülern auch bei den Feld- und Erntearbeiten begegnen. Dies besonders dort, wo es an Dienstpersonal mangelte. Das Interesse für manuelle Leistungen wurde schon in früher Schulzeit geweckt - besonders dadurch, weil man die Bauernarbeit stark idealisierte - und so entstand eine sehr persönlich bejahende Einstellung zur frühen Mitarbeit am Hof.

Der Arbeitstag begann am frühen Morgen (zwischen 4 und 5 Uhr im Sommer und zwischen 5 und 6 Uhr im Winter) mit den Arbeiten im Stall, da jede Wirtschaft die Nutz- und Zugtierhaltung pflegte. Besonderes Augenmerk legte man auf eine ertragreiche Milchgewinnung und Schweinehaltung.

Das tägliche Futtermähen mit der Sense - von Mai bis November - war Mannesarbeit und erfolgte zur selben Zeit, als das Stallpersonal (Stalldirn, Schweizerin oder Schweizer, Saudirn und Roßknecht) die Tiere betreuten. Nach dem "Heimführen" des Grünfutters, das bei mittleren und größeren Wirtschaften der Pferdeknecht mit dem Hausknecht und weiteren Hausleuten besorgte, war der erste bedeutende Tagesabschnitt abgeschlossen, und man setzte sich zum wohlverdienten Frühstück. Sehr gebräuchlich war am Morgen die Brotsuppe, teils auch die Rahm- bzw. die "Sto(ß)suppn", aber auch eine Schüssel Kaffee mit eingebröckeltem Brot kannte man in vielen Häusern.

Der weitere Tagesverlauf war nach Jahreszeit saisonbedingt und verlief innerhalb eines Jahres unterschiedlich. Die allseits beliebte "Halbmittagsjause" mit dem Speck oder dem gekochten Geselchten, mit Kartoffeln, Brot und Most sowie Topfen, Butter, Eiern und Molkereiprodukten an Fasttagen, blieb in den letzten fünfzig Jahren stets das unumstößliche Jausengericht.

Das Mittagessen wurde inzwischen wesentlich abwechslungsreicher und ausgiebiger. Seinerzeit bevorzugte man für den Mittagstisch überwiegend hauseigene Produkte. Beliebt waren die Fleischspeisen mit dem eigenen Gemüse. Während der gemüsearmen Zeit wurden als Beilage das Sauerkraut und die eingesäuerten Rüben serviert. Der Speisezettel kannte auch eine große Auswahl von Mehlspeisen, worunter neben Nockerln und Knödeln die verschiedenen Strudelarten nirgends fehlten. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich der Haushalt mit dem Bäckerbrot vertraut, und man nahm rasch Abschied vom hausgebackenen Schwarzbrot.

Das Melken in der Mittagszeit war neben einer normalen Fütterung der Rinder und Schweine seinerzeit durchwegs gebräuchlich. Heute werden die Kühe nur morgens und abends gemolken; auch die Mittagsfütterung entfällt bei diesen Tieren. So reduzierte sich die Arbeit auf zwei Mahlzeiten. Dies stellt eine spürbare Entlastung zugunsten des weiblichen Hauspersonals dar.

Während der Winterszeit war der Tag vorwiegend ausgefüllt mit der Holzbringung (Holzschneiden, -klieben und .-schlichten)‚ der Tierfutterzubereitung (Futterschneiden, Rüben- und Kartoffeldämpfen u.ä.m.) für Rinder, Pferde und Schweine, teils mit der Flachsverarbeitung und der Schaubstroherzeugung. Weiters musste vieles, was zur Erhaltung des Hausrates gehörte, während des Winters angefertigt werden. Hierzu zählten zum Beispiel auch das Besenbinden und das Simperlflechten. Die Nachmittagsarbeit, selbst an Erntetagen, wurde durch die Nachmittagsjause zwischen 15 und 16 Uhr, die in der Regel aus denselben Speisearten wie der Vormittagsjause bestand - eventuell zusätzlich mit einem Häferl Kaffee - , für eine Viertelstunde unterbrochen. Abends, zwischen 19 und 20 Uhr, gab's nur mehr leichtere Kost, wie das beliebte Grießkoch, im Herbst das Apfel- und Zwetschkenkoch, weiters die Einbrennsuppen und andere suppenähnliche Speisen. Heute wird durchwegs die Nachmittagsjause unmittelbar vor der abendlichen Tierfütterung eingenommen und dient meistens auch als Abendessen. Diese Umstellung ergibt sich dadurch, dass die Bäuerin heutzutage
wegen der Stallarbeit keine Zeit für die Zubereitung eines eigenen Nachtmahles erübrigen kann.



Unsere Agrarwirtschaft im Wandel der letzten 50. Jahre (Teil 2)

Nr. 139 - 1. November 1983 - 12. Jahrgang

UNSERE AGRARWIRTSCHAFT IM WANDEL DER LETZTEN FÜNFZIG JAHRE
(verfasst von Museumsleiter Amtsrat Johann Hintermayr, Haag)

2. Teil

Die Feld- und Heuarbeit

Die Feldarbeit beginnt von ehedem mit den ersten Frühjahrstagen und endet kurz vor dem Wintereinbruch. Mehr als früher werden nun die Sommergetreidearten bevorzugt. Es sind das jene Futtermittelsorten, deren Saat nicht im Herbst, sondern erst im Frühjahr in den Ackerboden gelangt. Als Wintergetreide hat lediglich der Weizen nicht allzu viel an Anbaufläche verloren. Dagegen starb der Roggen gebietsweise bereits aus. So hat sich auch die seinerzeitige Getreideerntearbeit, die Schnittzeit, zeitlich verändert. Begann doch allerorts der Schnitt anfangs Juli mit dem Winterroggen - denn "Kilian führt die Schnitter an" -‚ dem dann in der Regel nach zwei bis drei Wochen die Weizenernte folgte; dies trifft heute nur mehr vereinzelt zu. Erstens wird nicht mehr "geschnitten", wie früher mit der Sense, sondern in einem Vorgang gemäht und gedroschen, und zweitens verschiebt sich wegen des Zuwartens bis zur Todreife das Abernten mit dem Mähdrescher um einige Wochen. Weil sich nun der Körner- und Silomaisanbau seit rund zwanzig Jahren stark eingebürgert hat, verlagert sich anteilsmäßig die frühere Schnitt- und Druschzeit vom Sommer um die nunmehrigen Maisanbauflächen auf den Herbst. Der Silomais wird Ende September bis anfangs Oktober, der Körnermais manchmal erst in den Novembertagen abgeerntet.

So wie vor mehreren Generationen bleibt man in der Regel bei uns weiterhin bei der Stallfütterung, das heißt, dass die Rinder tagsüber nicht auf den Wiesen weiden. Daher werden die Wiesen gemäht und das Futter - in der Vegetationszeit vorwiegend Grünfutter, in der übrigen Zeit Heu und Silofutter - wird den Tieren in den Stall gebracht.

Für die Schweinemast hatte man bis in die siebziger Jahre noch relativ viel Kartoffeln verwendet. Anstatt, wie es früher üblich war, die Kartoffeln nach der Ernte im Keller zu lagern, hatten in der Nachkriegszeit viele Betriebe die für Futterzwecke gedachte Menge im Herbst gedämpft und in eigenen Silos aufbewahrt. Inzwischen liegen diese mangels Kartoffelanbau brach. Dafür nehmen die Gärfutterbehälter zu.

Bei vielen Höfen wird ein Teil des Wiesengrases einsiliert. Es ist dies ein ziemlich rascher Arbeitsvorgang, denn nach einem kurzen Vortrocknen des gemähten Grases erfolgt die Lagerung im Silo. Dadurch verringert sich der Heuernteanfall, und man ist in dieser Hinsicht weniger auf anhaltende Sonnentage angewiesen. Allgemein war das Heuen noch in der Zwischenkriegszeit eine große Prozedur, angefangen vom händischen Mähen über das Zerstreuen der Heumand, das Wenden, das "Scheubelrechen" und das "Schöbern", bis zum nochmaligen Wenden und dem "Heuzammtuan" am zweiten Tag. Schließlich war das "Fachtlfassn" auch noch sehr arbeitsaufwendig. Bei größeren Wiesenflächen waren hierzu vier bis sechs Personen nötig. Heute vereinfachen die Mähmaschine, der Heuwender, der Greifer oder das Gebläse und besonders der Ladewagen die Heuernte.

Weit verbreitet waren die Heinzen ("Kleehülfer") und die Vierböcke ("Heukrax'n"). Klee und Heu wurden auf den Hülfsprißeln aufgeschichtet und so von Bodennähe und Feuchtigkeit bewahrt und durchlüftet. Speziell im Herbst, wenn die Sonnenbestrahlung täglich schwächer wurde, machte man von dieser Lufttrocknung öfters Gebrauch, und man konnte einer schlechten Witterung getrost entgegensehen. Der Klee oder das Heu verschlechterte sich dabei keineswegs. Weil diese Trocknungsart ziemlich zeitaufwendig und kaum mechanisierbar ist, wird davon immer weniger Gebrauch gemacht.

Die Dienstboten

Anfangs des 20. Jahrhunderts waren annähernd 50 Prozent der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt. Inzwischen sank der Anteil österreichweit bis auf neun Prozent. In die Zeitspanne dieser Rückschau fällt die Chance zur eigenen Hausstandsgründung für nie nicht selbständige Bevölkerung. Dies ermöglichte einerseits der technische Fortschritt, der die landwirtschaftliche Handarbeit durch den Maschineneinsatz ersetzte, und andererseits fanden die in der Landwirtschaft frei werdenden Kräfte nun im gewerblichen und industriellen Bereich günstigere Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten vor. Der Umstellungsprozess wurde ab 1938 durch die stark forcierte Rüstungsindustrie beschleunigt. Damit setzte die erste Landflucht ein, die sich aber nach dem Krieg durch die allgemein gute Beschäftigungslage infolge des Wiederaufbaues noch steigerte. In Haag gab es zum Beispiel im Jahr 1981 nur mehr einige Dienstboten.

Bestimmte Tätigkeiten der Dienstboten waren regional ziemlich einheitlich geregelt. Neben dem Schweizer oder der Schweizerin, die nur für die gesamte Arbeit im Rinderstall (wie füttern, melken, reinigen, Pflege der Jungtiere) verantwortlich waren, hatte der Hausknecht eine gewisse Vorrangstellung. Er war von den Dienstboten die erste Kraft, sozusagen der Polier des Betriebes. Zur Arbeitseinteilung wurde er von den Bauersleuten miteinbezogen. Bei Abwesenheit des Landwirtes regelte der Hausknecht den besprochenen Arbeitsablauf. Dies drückte sich selbst auch beim täglichen Tischgebet aus, wo ihm anstatt des verhinderten Chefs die Vorbeterstelle oblag. So war es auch er, der die Zeit der Mittagspause bestimmte; mit seinem Erheben vom Tisch nach dem Essen begann unausgesprochen für alle der Ruf zur weiteren Tagesarbeit.

Die Jüngsten unter dem Dienstpersonal begannen ihre "Berufslaufbahn" mit vierzehn Jahren als Stallbub oder als "Kuchlmadl". In der Regel kannten sie schon viele Arbeitsvorgänge aus der Mitarbeit während der Schulzeit. Der Stallbub wurde mehr dem Arbeitsbereich des Rossknechtes zugeteilt, das Küchenmädchen diente zur Mitarbeit der Bäuerin in Küche und in anderen hauswirtschaftlichen Bereichen. In einzelnen Höfen besorgte das junge Mädchen auch den Milchtransport vom Hof in den Markt mit einem Hundegespann. Für derartige Kleinfuhrwerke, wie für das "Marktfahren", spannte man nicht gern ein Pferd ein; hierzu ein Pferd zu verwenden hätte man als unwirtschaftlich bezeichnet. Das allgemein bekannte Wort "Ross verrecken - großer Schrecken, Weibersterben - kein Verderben" spiegelte sich im hohen Stellenwert des Pferdes.



Unsere Agrarwirtschaft im Wandel der letzten 50 Jahre (Teil 3)

Nr. 140 - 1. Dezember 1983 - 12. Jahrgang

UNSERE AGRARWIRTSCHAFT IM WANDEL DER LETZTEN FÜNFZIG JAHRE
(verfasst von Museumsleiter Amtsrat Johann Hintermayr, Haag)

3. Teil

Erntemaschinen

Noch Mitte der zwanziger Jahre wurde das Getreide überall mit der Sense abgeerntet. In der Folgezeit kamen die Mähmaschinen, zuerst als Grasmähmaschinen, auf den Markt. Diese Mähgeräte entwickelten sich rasch von der selbsttätigen Ablegevorrichtung über den Mäher mit Garbenbindevorrichtung, auch Binder genannt, hin zum Mäh-Dresch-Binder. Das Abernten aller Getreidearten mit dem Mähdrescher setzte erst richtig nach 1960 ein. Ab dieser Zeit verschwanden die Getreidemandln auf dem Felde, und die über siebzig Jahre im Betrieb befindlichen Dreschmaschinen, die von den Dampfkesseln angetrieben wurden, verloren allmählich ihre einstige Bedeutung. Der Maschinendrusch gehörte früher zu den arbeitsintensivsten Höhepunkten im Arbeitsablauf eines Bauernjahres. Er war auf eine traditionelle Nachbarschaftshilfe aufgebaut, denn man brauchte beim maschinellen Dreschen 12 bis 20 vollwertige Personen. Die für fachliche Bedienung der Dreschanlage erforderlichen Arbeiter, wie Heizer und Maschinisten, kamen aus dem Kleinlandwirtestand, waren für die ganze Druschsaison von ca. drei Monaten fix engagiert und wanderten so von Hof zu Hof, bis alle zur Druschgemeinschaft gehörigen Betriebe ihre Ernte ausgedroschen hatten.

Die rasche Fortentwicklung der Erntemaschinen, die viele frühere Arbeitsvorgänge vereinfachte, brachte folglich auch finanzielle Probleme mit sich. Die Maschinenringe, die einen rationellen Einsatz ermöglichen, setzten sich bei uns noch nicht voll durch.

Zwischen Ende 1937 bis Anfang 1939 versuchten schon einige Bauern anstelle der Pferde, Traktoren zum Zuge zu verwenden. Anfangs war man gegen diese Umstellung und meinte, ganz ohne Ross - man müsste zumindest eines behalten - lassen sich nicht alle Zugarbeiten bewältigen. Erst ab 1950 trennte man sich dann rasch von den Zugpferden.

Vater-Sohn-Betrieb

Die Abwanderung aus dem bäuerlichen Bereich erfasste in den letzten zehn Jahren auch die Kinder der Bauersleute. Vermehrt machen sie von der Möglichkeit Gebrauch, sich für einen anderen Beruf ausbilden zu lassen; sehr viele davon interessieren sich für einen längeren schulischen Bildungsgang. Es wird zur Regel, dass vom bäuerlichen Nachwuchs sich nur mehr ein Kind für die landwirtschaftliche Berufsausbildung entscheidet. Der in den fünfziger Jahren von einem Referenten anlässlich einer Bauernversammlung prophezeite Vater-Sohn-Betrieb trat wider Erwarten sehr rasch ein.

Veränderungen in Ackerbau

Mehr als heute wechselten früher auf den Äckern in regelmäßiger Folge Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, Klee, Rüben und Kartoffeln. Während früher die Felder überwiegend mit Stallmist und die Wiesen mit Jauche gedüngt wurden, verwendet der Landwirt von heute hauptsächlich Kunstdünger und erzielt dadurch höhere Ergebnisse. Nach dem Ersten Weltkrieg lag noch das Schwergewicht bei folgenden Getreide- und Futtermittelarten:

Der Roggen wurde überwiegend auf das vorher abgeerntete Kartoffelfeld gebaut. Die Getreidesorten wurden vor rund fünfzig Jahren noch händisch gesät. Der Säer bediente sich hierzu des "Saasumpers". Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das Saatgut bei vielen Bauern maschinell gesät. Mangels geringeren Hektarertrages bei Roggen und durch die Anfälligkeit des "Auswinterns" nahm allmählich dessen Anbaufläche zugunsten des Winterweizens bedeutend ab.

Hier nun einige Beispiele aus dem Gemeindebereich der Stadt Haag:
Im Jahre 1959 gab es eine Roggenfläche von 342 Hektar bzw. 15,05 Prozent des damaligen Ackerlandes. Zwanzig Jahre später war die Roggenfläche auf 11 Hektar geschrumpft. Mitte der sechziger Jahre erreichte der Weizenbau mit rund 60 Hektar (24 % des Ackerlandes) seinen Höhepunkt. Man erzielte mit dem Weizen gute Ernteerträge, und er galt als stabile Einnahmesicherung. Für eine wirksame Steigerung der Milch- und Fleischproduktion wurde schon seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts der Anbau von geeigneten Kleesorten gefördert. Inzwischen löste der seit ca. zehn Jahren zur Hauptfrucht gewordene Mais den Futterklee, die Kartoffeln und andere Ackerfrüchte ab; auch die Wiesenflächen reduzierten sich zugunsten des Maisanbaues. Der Ernteertrag beim Mais übersteigt jene der herkömmlichen Getreide- und Futtermittelsorten und ermöglicht nun die vermehrte Tierhaltung.

Viehhaltung

Man hält das Rind zum Zweck der Milch Zweck der Milch- und Fleischgewinnung. Früher diente es auch als Zugtier, wobei die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten selten voneinander getrennt waren.

Im Bezirk Amstetten ist die Anzahl der gehaltenen Rinder in den letzten 47 Jahren (1934 - 1981) um 89 Prozent gestiegen. Bei der Schweinehaltung ist der Steigerungsanteil mit 80,77 Prozent ziemlich ähnlich, dagegen sind Pferde und Ochsen als Zugtiere bereits ausgestorben. Die Hühner haben im Betrachtungszeitraum einen Zuwachs von 94 Prozent (!) zu verzeichnen. Aus diesen Zahlen kann man am deutlichsten die grundlegende Veränderung, die sich in der landwirtschaftlichen Produktionsweise vollzogen hat, ablesen.

Es gibt Betriebe, die anstelle der Kühe nur Jungstiere oder nur Schweine mästen. Manche auf Hühnermast spezialisierte Höfe liefern jährlich je über 100.000 Stück Junghenderl auf den Markt.

Viele, in dieser Abhandlung aufgezeigte Veränderungen erfassten gleichartig das gesamte Bundesgebiet.
Die eingetretene Abwanderung von Erwerbstätigen setzte sich auch in den letzten zwei Jahrzehnten weiter fort.
So gab es 1951 in Österreich noch 1,080.000 Erwerbstätige in der Landwirtschaft, während 1979 diese Zahl auf 626.055 (Grüner Bericht 1980) war. Trotzdem ist die Produktivität in der Landwirtschaft stärker gestiegen, zum Beispiel in der Industrie.


Die Öhlermüllerin - Volkserzählung und geschichtliche Realität (Teil 2)

Nr. 137 - 1. September 1983 - 12. Jahrgang

Die Öhlermüllerin - Volkserzählung und geschichtliche Realität
von OSR Franz Steinkellner

FORTSETZUNG DES 1. TEILS

Anders als die Sage sind die geschichtlichen Tatsachen

Kurz zusammengefasst ergibt sich folgendes Bild:
Martin Pilsinger, ein Sohn des am 9.1.1674 verstorbenen Hans Pilsinger zu Pilsing, hatte am 6. Mai 1649 in erster Ehe die Veronika Praunshofer aus der Pfarre Euratsfeld geheiratet. Er wurde Müller in der Haslaumühle zu Euratsfeld. Seine erste Gemahlin, Veronika, starb am 21.3.1681. Am 4.11.1681 heiratete Martin die Susanna Resch (Posch ?) von Litzellach, Pfarre Euratsfeld, und übersiedelte kurz darauf an die Öhlermühle, wo Susanna 1683 von den Türken entführt wurde. 1690 war sie bereits in die Heimat zurückgekehrt und stiftete mit ihrem Mann ein Votivbild zur Hl. Dreifaltigkeit auf dem Sonntagberg, aus Dank für ihre glückliche Heimkehr. Ihr Mann, Martin Pilsinger, starb am 30.6.1705, und Susanna heiratete am 25. Oktober 1705 in zweiter Ehe den Martin Neydorffer. Sie starb am 20.12.1729 im Alter von etwa 72 Jahren.

Was über diese Tatsachen hinaus erzählt wird, ist nicht mehr Geschichte, sondern ist eine Geschichte, eine geschichtliche Legende, ist erfundenes Beiwerk späterer Jahrhunderte.

Die zwei anderen in der Sage genannten Frauen

Nun, der Erzählung nach waren es aber drei Frauen, die heimkehrten. Wer waren die beiden anderen?

Eingangs sagten wir, dass die zweite als "Reintaler Tini" bezeichnet wird. Alte Leute wußten weiter zu berichten, dass sie vom "Dürerhaus" in Reintal genesen sein soll. In meiner "Hof- und Familiengeschichte von Zeillern" finden sich über diese Frau folgende aus der Zeillerner Matrik stammende Angaben:

Das Dürerhaus zu Reintal trägt heute die Nummer 47 (früher Reintal 5) und ist nach dem Vorbesitzer Alois Dürer so bezeichnet. Der jetzige Besitzer heißt Peireder. Auf diesem Haus läßt sich ab 27.1.1692 eine Christine Zeiner nachweisen. Sie mussdie gesuchte Reintaler Tini sein, denn es läßt sich um diese Zeit keine andere Tini (Christine, Leopoldine) im Reintal feststellen. Außerdem stimmt das von der Bevölkerung angegebene Haus damit überein.

Christine wurde am 21.6.1656 in Zeillern als Tochter des Schneidermeisters Stefan Gassner und seiner Ehefrau Susanna vermutlich auf der Weingrub (heute Zeillern 36) geboren. 1683, zur Zeit der Gefangennahme, war sie daher 27 Jahre alt. Erst nach ihrer Rückkehr aus der türkischen Gefangenschaft kam sie nach Reintal, wo sie, wie schon erwähnt, am 27.1.1692 den Witwer Johann Georg Zeiner, Weber zu Reintal, ehelichte, dessen erste Gemahlin, Barbara, am 5.12.1691 gestorben war. Christine gebar ihrem Manne noch drei Kinder, Johannes (30.10.1692) der den Stamm fortsetzte, Katharina (13.11.1696) und Barbara (22.10.1700). Sie starb am 24.5.1727.

Über die dritte der geraubten Frauen, die "Empfinger Lisi", führten die Nachforschungen zu keinem Erfolg. Sie soll vom Gatterbauernhof zu Empfing abstammen; daher müssten eigentlich die Matriken von Stephanshart Auskunft geben können.

GR Pfarrer Spring nahm mich gastfreundlich auf. Mehrere Tage verbrachte ich mit der Suche. Es gelang mir, aus der Matrik die Familien der Besitzer auf dem Gatterbauernhof zu Empfing (heute Nr. 110) für die in Frage kommende Zeit zu erforschen. Hier ein kurzer Abriss darüber:

Am 5. Juli 1665 heiratete Johannes Haider, der Sohn des Matthias Haider vom Gatterbauernhof zu Empfing, eines gewisse Magdalena Pründtner von Neustadtl. Ich hoffte, unter den Kindern kurz nach der Heirat des jungen Paares eine Elisabeth zu finden. Es war keine dabei.

Am 3.1.1667 wurde Maria geboren, am 28.9.1668 Michael, am 28.10.1670 Barbara, am 1.4.1673 Stefan, der noch als Kind starb, und am 28. Juni 1674 Sabine. Dann starb am 7.4.1776 der Besitzer Johannes Haider im Alter von ca. 40 Jahren. Am 7. Juli des gleichen Jahres heiratete seine Witwe den Matthias Hausleitner aus Pfaffenberg, Pfarre Stift Ardagger. Es kam zur Geburt weiterer Kinder. Am 9.8.1677 wurde Susanna geboren, am 1.7.1680 Magdalena, am 21.2.1683 Rosina. Im gleichen Jahr - es war das Jahr des Türkeneinfalls, und am 12. September errang das Entsatzheer vor Wien seinen grandiosen Sieg - war Magdalena, die Mutter der Kinder, Taufpatin bei der befreundeten Familie der Stingel in der Au und hob das Kind Katharina aus der Taufe (5.10.1683). Am 2.10.1685 gebar sie ihr letztes Kind, das ebenfalls den Namen Katharina erhielt.

10 Jahre später, am 6.4.1695, starb Magdalenas zweiter Mann, und nachdem sie ihn begraben hatte, schritt sie am 30. Mai 1695 zur dritten Ehe mit Jörg Mayrhofer.

Aus dieser Zusammenstellung ist keine Elisabeth ersichtlich, die sich mit der gesuchten "Lisi" identifizieren ließe, ja es kommt überhaupt keine Elisabeth vor. Natürlich wäre es möglich, dass die Gesuchte gar nicht der Familie angehört hat, dass sie etwa Magd am Gatterbauernhofe gewesen ist. Dann ist sie durch die Matrik nicht auffindbar. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, dass nämlich der Name Elisabeth (Lisi) gar nicht stimmt. Die Erzählung bezeichnet die Öhlermüllerin ja auch als Kathl und als Patenkind des Moarwirtes in Öhling, während sie in Wirklichkeit Susanna hieß und von Litzellach in der Pfarre Euratsfeld abstammte. Man kann also in Bezug auf den Taufnamen Lisi ebenfalls sehr skeptisch sein. Dann käme aus der Familie der Besitzer des Gatterbauernhofes etwa auch die 1667 geborene Maria, die zur Zeit der Invasion schon 16 Jahre alt war, eventuell sogar noch ihre damals 13-jährige Schwester Barbara in Frage. Die Mutter Magdalena selbst kann auf keinen Fall mit der Gesuchten ident gesetzt werden, da sie ja kurz nach der Türkeninvasion als Taufpatin aufscheint und 1685 ihr letztes Kind geboren hat.

Die 1667 geborene Maria heiratete am 9.4.1693 den Jakob Kienast von Oberzeillern (heute Nr. 135) und starb am 23.5.1698 kinderlos. Am ehesten wäre die Gesuchte mit ihr gleichzusetzen, allein es gibt keinen Beweis.

Frauenraub in der Türkenzeit

Die Tatsache, dass man heute die Geschichte der Öhlermüllerin so erzählt, als habe sich ihr Mann während ihrer Abwesenheit wieder vermählt, und die Heimkehrerin habe, todkrank, ihrer Nachfolgerin freiwillig das Feld überlassen, lässt sich mit analogen Fällen teilweise aufhellen.

Frauenraub war in den Türkenkriegen weit häufiger, als wir heute annehmen. Nur selten gibt eine Chronik darüber Auskunft. In den Matriken der Pfarren finden sich Eintragungen nur dann, wenn Bewohner durch die Türken getötet wurden. Frauenraub aber war kein Matrikenfall. Daher gibt es auch keine Eintragungen darüber. Manchmal aber haben Männer, deren Ehefrauen geraubt worden waren, wieder geheiratet. Die Zeillerner Matrik vermerkt zwei Fälle dieser Art aus dem Jahre 1687, wo die Männer mit besonderer bischöflicher Erlaubnis wieder heiraten durften, nachdem von den vier Jahre früher geraubten Frauen nichts mehr bekannt geworden war. Hier die beiden Fälle:

1. Ursula Witzmannstorffer, Tochter des Bartholomäus Nabegger und seiner Ehefrau Katharina von Oberzeillern, hatte am 9.2.1670 den Benedikt Witzmannstorffer, Zimmermeister zu Schörghof, geheiratet. Ursula wurde von den Türken verschleppt. Benedikt heiratete am 5. Oktober 1687 neuerdings, nachdem er dazu eine bischöflich-passauische Heiratserlaubnis erhalten hatte. Die Zeillerner Matrik vermerkt dazu: "Cujus Benedicti Witzmannstorffer uxor nomine Ursula a Barbaris gentibus capta est anno 1683, qui postmodum ex speciali licentia quae data est Anno 1687, 27.7. a Celsissimo Principe nostro in Ida copulatus est."

2. Katharina Lauer von Luppenberg (heute Nr. 204) war seit 23.11.1670 die Ehefrau des Matthias Lauer. Sie hatte das gleiche Schicksal wie Ursula Witzmannstorffer. Auch Matthias durfte mit bischöflicher Erlaubnis 1687 wieder heiraten.

Und dann passierte es, dass drei von den Türken geraubte Frauen plötzlich wieder heimkehrten. Was liegt näher, als dass man sich ausgemalt hat, wie es denn wäre, wenn eine der Heimkehrerinnen einen wiederverehelichten Mann vorgefunden hätte.

Unsere Volkserzählung hat also die zwei an sich getrennten Komponenten a) der Rückkehr der drei geraubten Frauen aus der türkischen Gefangenschaft und b) die mögliche Wiederverehelichung des Mannes mit besonderer Erlaubnis des Bischofs und der daraus sich ergebenden möglichen Konsequenzen miteinander verwoben und dabei langsam auch die tatsächliche Jahreszahl verwechselt.

Was an der Erzählung von der Öhlermüllerin Wahrheit ist, sei durch diese Zeilen für die kommenden Geschlechter festgehalten.

Die Öhlermüllerin - Volkserzählung und geschichtliche Realität (Teil 1)

Nr. 136 - 1. August 1983 - 12. Jahrgang

Die Öhlermüllerin - Volkserzählung und geschichtliche Realität
von OSR Franz Steinkellner

Die Sage und die Gedenkmarterl

Eine der bekanntesten geschichtlichen Erzählungen des westlichen Mostviertels ist jene von den drei Frauen, die angeblich anno 1529 von den Türken geraubt wurden. Nach mehrjähriger Gefangenschaft in Konstantinopel konnten sie fliehen und wieder in ihre Heimat zurückkehren. Die Titelheldin der Geschichte ist die Öhlermüllerin. Der Name kommt von der Öhlinger- oder Öhlermühle, Pfarre und Gemeinde Öhling. Beim Herannahen der berittenen türkischen Streifscharen lief sie in ihrer Angst und Verzweiflung zur nahen Kapelle, wo sie von den aus der Richtung Neuhofen kommenden Türken ergriffen wurde. Zwei weitere Frauen, die "Reintaler Tini" (Reintal, Pfarre und Gemeinde Zeillern) und die "Empfinger Lisi" (Empfing, Pfarre Stephanshart) wurden damals ebenfalls von den Türken verschleppt und geraubt. In Konstantinopel wurden sie auf dem Sklavenmarkt an einen vornehmen Herrn verkauft. Nach langen Jahren der Gefangenschaft ergab sich bei einem Erdbeben die Möglichkeit zur Flucht, die von den drei Frauen zusammen mit einer schwarzen Dienerin namens Zoe ergriffen wurde. Die Rückkehr in die Heimat dauerte 1 Jahr. Zoe starb dabei an den Strapazen. Der Öhlermüller soll sich in der Zwischenzeit wieder verheiratet haben. Die zweite Frau wollte der Heimkehrerin sofort den Platz räumen, doch diese habe im Hinblick auf ihren geschwächten Gesundheitszustand und auf ihr nahes Ende auf ein weiteres Zusammenleben mit ihrem Mann verzichtet, sei zu ihrer Freundin gezogen und bald darauf gestorben. Angeblich soll sie in Zeillern begraben worden sein.

In dieser und in ähnlicher Form wird die Geschichte bis heute erzählt. Dass es dabei im Volksmund verschiedene Varianten gibt, ist nicht verwunderlich. Die Erzählung ist als Kalendergeschichte zweimal im Druck erschienen und wurde auch zweimal zum Stoff eines gleichnamigen Bühnenstückes erwählt, einmal von dem ehemaligen Pfarrer Geistl. Rat Brückler von Winklarn und ein zweites Mal von Josef Schadenhofer aus Zeillern. Beide Stücke wurden wiederholt in der Umgebung aufgeführt und haben das Interesse an der Erzählung immer wieder geweckt.

Auch zwei Gedächtnisstätten erinnern an die Begebenheit: das Türkenmarterl bei Ludwigsdorf und die Öhlermüllerkapelle in Öhling.

Das Marterl bei Ludwigsdorf besteht aus einem Holzpfahl mit einem Holzrahmen. Darin ist eine bemalte Blechtafel, die letztmalig nach 1945 durch die Amstettner Malerin Anna Tschadesch renoviert wurde, weil die alte Tafel mehrere Einschüsse einer russischen MP aufwies. Die Tafel zeigt die Sonntagberger Dreifaltigkeit, darunter drei Frauen an einem Waldrand und schließlich folgenden Text: "Im Jahre 1529 wurden 3 Frauen, darunter die oftmals genannte Öhlermüllerin, von den Türken verschleppt und in Konstantinopel 6 Jahre zurückgehalten. Es gelang ihnen, zu fliehen, und nach einjähriger Wanderung erreichten sie die Heimat. An dieser Stätte erblickten sie wieder, tief erschüttert, die Stätten ihrer Kindheit und Jugend. Hier schieden sie voneinander. Zwei von ihnen erlagen bald den Folgen der schweren seelischen und körperlichen Leiden". (Siehe dazu die Abbildung in "Österreichs Wiege" I).

Die Öhlermüllerkapelle steht hinter dem Öhlinger Musikheim an der Abzweigung der Straße nach Aschbach. Sie weist an der Vorderseite oben ein kleines Bild von der Gefangennahme der Müllerin auf. Darunter steht in schwarzen Ziffern die Jahreszahl 1529. Letztmalig dürfte dieses Bild von dem Lehrer Wickenhauser aus Mauer nach dem 2. Weltkrieg renoviert worden sein. Soweit die Vorgeschichte.

Die richtige Jahreszahl der türkischen Gefangennahme 

Vor längerer Zeit machte mich Direktor OSR Karl Stiefelbauer aus Ulmerfeld darauf aufmerksam, dass die Jahreszahl 1529 nicht stimme, sondern dass sich die Geschichte erst 1683 zugetragen habe. Der Name der Öhlermüllerin sei Susanna Pilsinger gewesen. Ich möge in der Zeillerner Matrik diesbezüglich Einblick nehmen.

Am 20. April 1971 teilte mir der Stiftsarchivar von Seitenstetten, Dr. P. Benedikt Wagner, die gleiche Ansicht mit und führte in seinem Schreiben aus, dass das Stiftsarchiv zu dem Ereignis ein zeitgenössisches Beweismittel, das Sonntagberger Gnadenbüchl vom Jahre 1716, habe. Das Büchlein führt den Titel: "Fortsetz= und Beschreibung Etlicher Wunderbarlichen Gnaden und Würckungen, So Die allerheiligiste Dreyfaltigkeit Auf den Sontagberg . . . . Denen Nothleydenden in unterschiedlichen Begebenheiten gnädig erwisen hat. Von 1690 biß 1715. Steyr, Gedruckt bey Joseph Grünenwald". Hier heißt es auf S. 14-15: "Anno 1690. Auß 5 Jähriger Gefangenschafft kombt wunderbarlich in die Freyheit ein Müllnerin. Susanna Pilsingerin ein Müllnerin, wird in der Tartarischen Invasion, so geschehen als man zehlete 1683. In die strenge Dienstbarkeit hinweggeführt, welche auf die 5. Jahr hat getauret ... Seufftzete demnach zu dem gnadenquellenden Brunn der allerheiligisten Dreyfaltigkeit auf den Sontagberg, macht dahin ein Gelübd, und sehet! auß disen Brunnen fliesset ihr reichlich das verlangte Gnaden Wasser, und komt hierdurch auß der langwürigen Gefangenschaft auf freyen Fuß, und Gang. Zum Danck hat sie sambt ihren Mann Martin Pilsinger, in der Oelling-Müll auß Aßpöcker Pfarr ein Opffer-Gemähl anhero machen lassen."

Daraus geht nun eindeutig hervor, dass die Jahreszahl 1529 nicht stimmen kann, sondern dass die Öhlermüllerin erst 1683 in Gefangenschaft geriet.

Ich selbst hatte bis dahin keine Veranlassung, an der Jahreszahl 1529 (1. Belagerung Wiens) in Bezug auf die Geschichte der Öhlermüllerin zu zweifeln. Zwar erinnere ich mich, dass in einer Kalendergeschichte von Adalbert Queiser aus dem Jahre 1889 zwei Begriffe in Zusammenhang gebracht wurden, die zeitlich nicht zusammengehörten, nämlich die Jahreszahl 1529 und die Nennung Kara Mustapha Paschas als türkischen Anführer. Der Satz lautete: "Als die Türken unter der Führung ihres tapferes Großveziers Kara Mustapha im Jahre 1529 gegen die Hauptstadt Wien zogen, ....". Da beide Denkmäler, Marterl und Kapelle, die Jahreszahl 1529 aufwiesen, nahm ich den Kara Mustapha als falsch an, denn 1529 befehligte Sultan Soliman II. das Osmanenheer. Aus dem Sonntagberger Gnadenbüchl ist aber die Jahreszahl 1683 zu ersehen. Ich war aber immer noch ein bisschen skeptisch. Wenn 1683, so sagte ich mir, dann müssen doch die "handelnden Personen" der Erzählung in den Matriken der betroffenen Pfarren aufscheinen.

So machte ich mich daran, in mehrere Pfarrhöfe der Umgebung auf Spurensuche nach der Öhlermüllerin und ihren Gefährtinnen Unruhe zu bringen.

Der Öhlermüller, seine 1. Frau Veronika und seine 2., von den Türken geraubte Frau Susanna
. . . . nach der Pfarrmatrik von Aschbach

Mein erstes Opfer war P. Notker Wieser, der Pfarrer von Aschbach, zu dessen Pfarre Öhling damals noch gehörte. Er wappnete sich dankenswerterweise mit Geduld und ließ mich in den Schätzen seiner Matrik wühlen.

Ein erster Erfolg stellte sich ein, als ich den im Gnadenbüchlein genannten Öhlermüller, Martin Pilsinger, in der Heiratsmatrik fand. Demnach heiratete am 6. Mai 1649 Martin Pilsinger, Sohn des Hans Pilsinger zu Pilsing, Veronika, eine Tochter des Stefan Praunshofer aus der Pfarre Euratsfeld.

Dann kam die zweite Entdeckung; diesmal in der Sterbematrik, auch wieder den Müller selbst betreffend: Am 30. Juni 1705 "ist begraben worden Martin Pilsinger an der Ölling Müll seynes alters bey 79 Jahren".

Und dann fand ich die erste Spur Susannas:
"Den 25. (Oktober 1705) ist copuliert worden in Aspach Martin Neydorffer seines Handwerchs ain Müllerjunge, den Ehrnf. Mathias Neydorffer Müllermaister an der Gruebmüll, Maria dessen Ehewürtin beider ehelicher Sohn. Mit Susanna, des Martin Pilsinger an der Ölling Mühl seel. hinterlaßener Wittib. Testes Adam Poxhauer an der Haydtmühl, Andre Plankch Bürgerlicher Päckh alhier. Hannß Haimberger zu Wimpassing, Stephann Dorffmayr zu Öhling."

Pilsingers erste Frau, Veronika, war wohl schon verstorben. Ich suchte weiter. Schließlich fand ich im Totenbuch Susannas Ableben eingetragen. "Eodem die (20.12.1729) ist conducierth worden Frau Susanna Neydorfferin an der Öllingmühl, in der Bruderschaft zu Krenstötten, alt 72 Jahre." Unter der angeführten Bruderschaft ist die Rosenkranzbruderschaft zu Krenstetten gemeint, die so wie alle anderen Bruderschaften unter Kaiser Josef II. aufgelöst wurde. (Siehe dazu "Österreichs Wiege" I, S. 182).

Ein halbes Jahr später, am 27. Juni 1730, heiratete Neydorfer eine Anna Maria Halb.

Nun hatte ich zwar Susanna, die Öhlermüllerin, zweimal in der Matrik aufgespürt; aber wer war sie? Wo kam sie her? Unglücklicherweise fehlt in Aschbach die Trauungsmatrik um 1680. So suchte ich denn die Taufmatrik durch. Vielleicht, so hoffte ich, waren Martin und Susanna oder Veronika irgendwo als Taufpaten eingetragen, wenn schon keine eigenen Kinder da waren. Vergeblich!

Dann suchte ich in der Zeillerner Totenmatrik weiter. Doch meine Hoffnung, hier auf eine Eintragung zu stoßen, war gering; hatte ich doch vor Jahren die Zeillerner Matrik Eintragung für Eintragung für meine "Hof- und Familiengeschichte von Zeillern" ausgewertet. Eine Susanna und eine Veronika Pilsingerin waren mir dabei nicht untergekommen. Es war wirklich nichts zu finden. So ging ich wieder nach Aschbach und suchte in der Sterbematrik weiter. Dabei stieß ich zwar nicht auf Veronika, die ich suchte, wohl aber trat der Name der Öhlermühle öfters in Erscheinung. So fand ich 1661 (17.2.) den Sterbefall einer Margarete Straußin "geweste Öhlingmüllerin", und in der Heiratsmatrik fand ich für den 9.2.1647 deren Vermählung mit dem Müller Simon, bzw. Siegmund Strauß an der Öhlermühle zu Öhling. Schließlich bezeugten die Sterbematriken ab 10.1.1677 bis 23.11.1681 einen Paul Distelberger auf der Öhlermühle.

Da wurde mir nun klar, warum ich bisher vergeblich gesucht hatte: Weder Martin Pilsinger noch eine seiner Frauen, Veronika und Susanna, konnten in der Aschbacher Matrik zwischen 1649 und 1681 aufscheinen, weil Pilsinger damals gar nicht im Besitz der Öhlermühle war, sondern weil die Mühle frühestens nach dem Tode Paul Distelbergers am 23.11.1681 von Pilsinger erworben worden sein konnte. Und weiters wurde mir klar, dass er sich von seiner Verheiratung anno 1649 an bis 1681 gar nicht in Öhling oder einem anderen Teil der damaligen Pfarre Aschbach aufgehalten haben konnte.

Wo sollte ich weitersuchen? Den einzigen Hinweis lieferte die Trauungsmatrik vom 6. Mai 1649, wo Pilsingers erste Frau Veronika als aus der Pfarre Euratsfeld stammend angegeben wurde. So beschloss ich, dort weiter zu suchen.

Der Vollständigkeit halber will ich noch erwähnen, dass ich in Aschbach noch auf das Sterbedatum von Martin Pilsingers Vater, Hans Pilsinger zu Pilsing, stieß, der am 9.1.1674 "bey 100 Jahren" alt gestorben war.

. . . nach der Pfarrmatrik von Euratsfeld

Was ich kaum zu hoffen wagte, in Euratsfeld hatte ich Glück. Pfarrer Hirner legte mir die älteste Matrik der Pfarre vor und eine halbe Stunde später hatte ich die zwei lange gesuchten Eintragungen. In der Sterbematrik stand: "Den 21. dieses (März 1681) ist Veronika Pilsingerin zu Hasellau ihres Alters bei 50 Jahren begraben worden;" und in der Trauungsmatrik fand ich "Den 4. dieses (November 1681) ist copuliert worden Marthin Pilssinger ein Wittiber zu Hasselau mit Susanna des Hannß Resch (oder Posch?) zu Lizellach . . . Tochter..."

Damit war der matrikenmäßige Beweis für die Angaben des Sonntagberger Gnadenbuches erbracht.


Neuhofen an der Ybbs und Ulmerfeld im Türkenjahr 1683

Nr. 135 - 1. Juli 1983 - 12. Jahrgang

NEUHOFEN AN DER YBBS UND ULMERFELD
IM TÜRKENJAHR 1683
von Gerhard Smekal

Als der ehrgeizige Osmanenführer Kara Mustapha 1683 einen neuen Vorstoß gegen das Abendland unternahm, kam er am 14.7.1683 mit 200.000 Mann der tüchtigsten türkischen Truppen vor Wien an und begann die Belagerung. Während die Hauptmacht des Heeres wieder Wien umschloss, zogen einige tausend Tartaren in kleinen Haufen durch das Land, am rechten Donauufer aufwärts, über Neumarkt an der Ybbs gegen Amstetten. Am 18. Juli 1683 kam "das Mordbrenner Gesindel, die türkischen Hund und Rebellen", so wurden die Türken von der Bevölkerung damals bezeichnet, auch nach Neuhofen an der Ybbs.

Der damalige Schulmeister von Neuhofen "der edle und kunstreiche" Ferdinand Michael Pfeiffer, der selbst am Tage vorher mit seiner Familie nach Waidhofen an der Ybbs geflüchtet war, schrieb die Ereignisse in allen Einzelheiten nieder, welche noch überliefert sind. Zuerst stürmten die Türken in die Kirche: Da jedoch die Türen fest verschlossen waren, kletterten sie bei den Fenstern hinein. Das Frauenbild wurde beraubt und ausgezogen (Neuhofen war damals ein vielbesuchter Marienwallfahrtsort. Das Gnadenbild war wohl eine
Statue, die man, wie das Mariazeller Gnadenbild, überkleidet hatte); es wurden die Orgel beschädigt, zwei Fahnen gestohlen, an die 20 Truhen mit dem Hab und Gut der Marktbürger, das man zum Schutze vor den "Mordbrennern" in der Kirche sicher verwahrt glaubte, aufgebrochen und daraus alles gestohlen. Der Schaden betrug bei 800 Gulden. Die Sakristeitür, eine massive Eichentür, mit einem Querbalken verriegelt (diese ist heute noch vorhanden), konnten sie nicht aufbrechen, so blieben die Paramente erhalten. In den Pfarrhof, damals der Meierhof der Pfarrherrschaft, sind sie hineingeritten, haben die Türen eingehaut und in den Zimmern die Truhen und Kästen aufgebrochen. Ins Haberfeld des Herrn Pfarrers haben sie die Pferde getrieben und alles vernichtet. In mehreren Markthäusern haben sie großen Schaden angerichtet.

Schonungslos haben sie jeden, den sie erwischen konnten, ermordet oder in die Gefangenschaft abgeführt. Den Bader Thomas Lichtl schleiften sie aufs Feld mit, sie haben ihn ausgezogen und "blößen gehaut"; nach einigen Stunden ist er gestorben. Der Totengräber Mathias Haberreither wurde bis zur Haidenlachmühle zu Tode geschleift und ist dort begraben worden. Auch in den umliegenden Dörfern von Markt Neuhofen an der Ybbs wurden große Schäden angerichtet: in Niederneuhofen, Schlickenreith, Trautmannsberg, Miesberg, Staudenmühle, Ober- und Unterhömbach und Dippersdorf wurden Frauen und Männer von den Türken erschlagen oder in die Gefangenschaft verschleppt. Ein Bauer und eine Bäuerin von Abschleifing wurden in Fachwinkl an Bäume gebunden und mit Pfeilen getötet. Die Bäuerin Magdalena Erndl am Witzelsberg wurde von den Türken bis Wien mitgeschleppt und dort von ihrem Ehemann aufgefunden, sie ist auf dem Heimweg in Kemmelbach verstorben und in Neuhofen an der Ybbs beerdigt.

Von Neuhofen an der Ybbs sind die Türken über St. Leonhard am Walde nach Randegg weitergezogen. Überall bezeichneten ihr Weg Blut, Feuer und barbarische Grausamkeit Das Türkenmarterl in Fachwinkl, Gemeinde Neuhofen an der Ybbs, erinnert an diese schrecklichen Ereignisse vor 300 Jahren. Ulmerfeld selbst konnten die Türken wenig anhaben, da es durch die mächtige Burg und die Befestigungsmauern geschützt war. Außerdem hielten die Türken wegen der tagsüber im Markte gerührten Trommel Ulmerfeld für eine mit guter Besatzung versehene Festung, mit der sie sich als bloße Streifpartie nicht in Benennung einlassen konnten.

Aus dieser Zeit stammt die folgende "SAGE VON WILDEN GRABEN":
Zwischen Ulmerfeld und Winklarn zieht sich gegen die Ybbs ein Graben hin. Er ist mit Tannenbäumchen und Sträuchern bewaldet. Auf seinem Grund fließt ein Bächlein. Früher soll dasselbe unterirdisch geflossen sein. Im Jahre 1683 wurde die Frau des Turmwartes auf dem Turme bei der Fabiansleite als Hexe angeklagt, weil sie mehrere neugeborene Kinder in Wechselbälge verwandelt haben sollte. Auch viele Leute sollen sie, auf einem Besen sitzend, aus dem Schornstein herausfliegen gesehen haben. Die Angeklagte wurde zum Tode verurteilt und sollte tags darauf verbrannt werden. Als außerhalb der Ringmauer schon der Scheiterhaufen bereit stand und die angebliche Hexe an den Pfahl angebunden war, kamen Boten daher gerannt, drängten sich durch die gaffende Menge und berichteten, dass die Türken im Anzuge seien. Ein furchtbarer Tumult entstand. Die Hexe hatte man ihrem Schicksal überlassen. Doch die versprach, wenn sie freigelassen werde, die Türken zu verhexen. Sie wurde freigelassen und ging sogleich in der Richtung, wo der heutige Wilde Graben ist. Schon hörte man wildes Schreien, das von den Türken hergekommen sein soll. Jetzt gereute es die Richter, die Hexe freigelassen zu haben, denn sie meinten, sie habe aus Rache den Türken alles verraten. Doch auf einmal vernahm man ein fürchterliches Getöse und Lärmen, das nach einigen Minuten erst wieder verstummte. Als man in die Gegend, von wo der Lärm kam, ging, sah man, dass der Boden eingesunken war. Auf dem Boden des Grabens lagen viele Türkenleichen umher. Dieses soll das Werk der Hexe gewesen sein. Die Hexe wurde aber nie mehr gesehen.

Quellen:
Ernestine Angrüner: Die Türkenzeit im Bez. Amstetten in Österreichs Wiege S. 209
Alois Herbst: Gedenkschrift VS Ulmerfeld S. 36
G. Smekal Neuhofen/Y. S. 59

Freimaurer und Rosenkreuzer des 18. Jahrhunderts - Teil 1

Nr. 123 - 1. Juli 1982 - 11. Jahrgang

FREIMAURER UND ROSENKREUZER DES 18. JAHRHUNDERTS - IHRE WIRKSAMKEIT IN UNSEREM HEIMATLICHEN RAUM – TEIL 1
verfasst von Dr. Leopoldine Pelzl

Die Freimaurerbewegung, bis heute lebendig geblieben, entstammt der Epoche der Aufklärung des 18. Jh. Kant nannte die Aufklärung "den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Das Streben nach verstandesmäßiger Erkenntnis, auf der unsere heutige Wissenschaft und Technik beruhen, war zu dieser Zeit bereits zu einer Massenbewegung der gebildeten Welt geworden und führte u.a. zum Freimaurertum.

Dieses trug allerdings auch stark historisches Gepräge. Schon allein, was seinen Namen betrifft. Freimaurer nannte man im Mittelalter Maurer- besser gesagt Steinmetzgesellen, die sich freizügig bei Bauhütten verdingen konnten. Eine Bauhütte war das Werkszentrum bei Errichtung großer Gebäude, etwa der mittelalterlichen Dome, eine Stätte kochqualifizierter Technik und Geistigkeit. In den Bauhütten musste schließlich auch der Stil der Renaissance erarbeitet werden. Die Abwendung von der Gotik war in der Baukunst der Anbruch der neuen Geisteshaltung, die sich von der mittelalterlichen Gläubigkeit frei machte. Dieser hochbedeutsame stilistische Neubeginn interessierte allgemein, und gebildete Menschen aller Kategorien fanden sich in den Bauhütten ein. Die Erörterungen dort weiteten sich schließlich auf alle Probleme des neuen Zeitgeistes aus, und so entstanden am Beginn des 18. Jh. die "Logen" der Freimaurer. Die Bezeichnung Loge stammt von dem englischen Wort für Bauhütte, logde, denn von dort ging die Bewegung aus.

Vernunftbegründet waren ihre verbindlichen Grundsätze: Wahrheit, Selbstkritik, Menschenliebe, Duldsamkeit und Wohltätigkeit waren die ethisch-sozialen Forderungen; Gott verehrte man als den allmächtigen Baumeister aller Welten. In solchem Sinn wollten die Freimaurer eine erneuerte Welt aufbauen. Das Maurerwerkzeug Hammer, Kelle, Winkelmaß und Schurz wurde ihnen zum Symbol ihres weltumfassenden Unterfangens. Sie nannten und nennen sich untereinander Brüder. Frauen sind nicht zugelassen. Der Obrigkeit waren und sind sie gehorsam. In den Sitzungen sind parteipolitische und bekenntnisgebundene religiöse Erörterungen nicht gestattet.

Wer wollte sich nicht zu so hohen Zielsetzungen bekennen? Hier wehte der Atem der neuen Zeit. Erst war das Freimaurertum eine Bewegung des gebildeten Bürgertums, bald gesellte sich auch der Adel hinzu, und so manche Reformen der aufgeklärten Zeit beruhten auf freimaurerischem Ideengut. Allerorten in Europa wuchsen seit der Mitte des 18. Jh. Logen auf. Hier fand man anregendes Gespräch und zukunftsträchtige Ideen; mit den Einkünften aus den hohen Taxen schuf und unterstützte man Schulen, Kinder- und Altenheime, und schließlich waren die Logen für die Offiziere in den öden Kasernenorten ein besserer Geselligkeitsort als die Schenken.
Doch wo viel Licht, ist auch viel Schatten!

Die vernunftmäßige "Naturreligion", zu der sich die Freimaurer bekannten, stand in unvereinbarem Gegensatz zu den Offenbarungsreligionen. Je stärker die Freimaurerbewegung wurde und je mehr sie eigene religiöse Riten entwickelte, umso größer wurde die Gefahr für den christlichen Glauben. Schon 1738 sprach der Papst über die Freimaurerei den Bann aus, und fast 200 Jahre währte ein leidenschaftlicher Glaubenskampf, mit all seinen Schwierigkeiten für den einzelnen Menschen.

Die Logen waren lange Zeit Geheimbünde, untereinander aber in Über-, Untere und Nebenordnung verbunden. Sie bildeten also einen Block innerhalb des Staates, ja, über die Staaten hinweg, der der behördlichen Aufsicht gänzlich entzogen war. Das war für jedes Staatswesen unannehmbar, besonders aber für den Absolutismus, der Staatsform des 18. Jh. In Österreich kämpften Maria Theresia und Joseph II. dagegen an; 1785 erließ Joseph II. ein Freimaurerpatent, das die Maurer unter staatliche Kontrolle bringen sollte. Unter Maria Theresia waren sie zeitweise verboten, ebenso unter Franz I., als sich nämlich freimaurerisches Ideengut in den Parolen der Französischen Revolution vorfand. Heute entsprechen die Freimaurerbünde in allem den staatlichen Vereinsgesetzen.

Das Volk hatte Scheu vor dem geheimnisreichen Tun der Maurer und lehnte sie ab, zumal auch die katholische Kirche gegen sie einschritt. Man hielt sie für Atheisten, Teufelsbeschwörer, die in Selbstmord und ewiger Verdammnis enden.

Ein vornehmliches Gebot der Freimaurer war es, "leidende Brüder" zu unterstützen. So suchten Notleidende Aufnahme in eine Loge zu finden, einzig um solch tatkräftiger Hilfe teilhaftig zu werden. Zu weit ging die Unterstützung, wenn Unwürdige durch den Einfluss von Freimaurern auf Posten und Plätze gehievt wurden, nur weil sie "Brüder" waren.

So aufgeklärt sich die Freimaurer gaben, sie standen doch noch sehr im Banne des mystischen Denkens, das die Jahrhunderte zuvor geprägt hatte. Mystisch-symbolisch waren ihre Bräuche und Riten. Genaueres über sie ist nie in die Öffentlichkeit gedrungen. Nicht anders ihre "Lehre". Nur in drei Graden vermochte man in sie einzudringen, als "Lehrling", "Geselle" und schließlich als "Meister". Unbewältigter Mystizismus spielte den deutschen Freimaurern im 18. Jh. einen bösen Streich. Über die "Lehre" hinaus wollten sie zu Erkenntnis gelangen. Diese brennende Begierde nützten einige Schlaue. Sie gaben vor, im Besitz des geheimen Wissens zu sein, das die Rätsel der Welt löse. Von den Maurern am salomonischen Tempel, über spätantike Akademien und den Templerorden der Kreuzritterzeit sei es ihnen zugekommen. Sie wollten Eingeweihten "höherer Grade" die sie schufen, solcher Erkenntnis teilhaftig machen, allerdings mussten
sich die Logen ihrer Führung unterstellen und hohe Taxen abliefern. Dieses Geschäft ging sehr lange sehr gut. Schließlich kam der Schwindel auf, und die allzu Gutgläubigen waren dem Gelächter preisgegeben.


Freimaurer und Rosenkreuzer des 18. Jahrhunderts in Amstetten - Teil 2

Nr. 124 - 1. August 1982 - 11. Jahrgang

FREIMAURER UND ROSENKREUZER DES 18. JAHRHUNDERTS - IHRE WIRKSAMKEIT IN UNSEREM HEIMATLICHEN RAUM – TEIL 2
verfasst von Dr. Leopoldine Pelzl

Fortsetzung von Teil 1

Die Pseudomystik brachte die Freimaurer des 18. Jh. in Zusammenhang mit einem anderen Geheimbund, den Rosenkreuzern.

Geheimbünde, deren "Obere" verborgen, aber mächtig die Geschicke der einzelnen wie der Massen lenkten, waren eine Lieblingsvorstellung des 17. und 18. Jh. Immer wieder finden wir sie in der Dichtung verklärt, immer wieder entstanden in der Tat Geheimbünde. So machte sich Anfang des 17. Jh. ein deutscher Satiriker das Vergnügen, in einer Schrift "allen Gelehrten und Häuptern Europas" vorzugaukeln, es bestehe ein Geheimbund "für die dringliche allgemeine Weltverbesserung", den Ritter Christianus Rosencreutz, geboren 1378, gegründet habe. Gottesfurcht, Tugend und Menschenliebe fordere der Bund von seinen Anhängern. Die Wirkung dieser und anderer seiner Schriften war so nachhaltig und allgemein, dass sich der Satiriker schließlich selbst davon distanzierte. Umsonst. Der Geheimbund der Rosenkreuzer organisierte sich in der Tat mit einem Programm, das dem Neuplatonismus, der jüdischen Kabala und der Mystik entstammte. Er befasste sich vor allem mit Alchemie, der Goldmacherkunst und Magie der Geisterbeschwörung. Bedeutende Männer, wie Komenius, Leibniz und Goethe waren daran interessiert. Die Kirche verurteilte den Aberglauben, belegte aber die Rosenkreuzerbewegung nicht mit dem Bann. Die Folge war, dass sie im katholischen Österreich unter den Bessergebildeten eine ungemeine Verbreitung gewann. Bedachte, aufgeklärte Männer hatten ihr heimliches Goldmacherlabor, 20.000 sollen es in Wien zur Zeit Josephs II. gewesen sein. Heute wissen wir, dass sich aus solch obskuren Anfängen die großartige Wissenschaft der Chemie entwickelt hat.

Freimaurer und Rosenkreuzer, das waren die hauptsächlichen Geheimbünde des 18. Jh. Sie gingen zum Teil ineinander über und sind schwer auseinanderzuhalten. Denn auch die höheren Grade der Freimaurer befassten sich mit Alchemie, und den Rosenkreuzern wieder erschien es unerlässlich, höhere Grade der Freimaurerei zu gewinnen.

Welche Rolle spielten die Geheimbünde in unserm heimatlichen Raum? Ludwig Aigner berichtet darüber in seinem Werk "Geschichte der Freimaurerei in Österreich-Ungarn", 1897.

Sie fanden erst im letzten Drittel des 18. Jh. Eingang. 1776 entstand in St. Pölten eine "Großkomturei", ihr unterstanden im westlichen Niederösterreich die "Komptureien" St. Pölten, Krems, Spitz, Ybbs und Purgstall. Um 1780 bestand im Stift Melk eine rege Rosenkreuzerloge. 1783 gründete man in Linz die erste Freimaurerloge, "Zu den 7 Weisen" genannt.

Im politischen Bezirk Amstetten scheinen sich die Verhältnisse nicht gerade ideal entwickelt zu haben. 1783 berichtete ein Seitenstettner Benediktiner, P. Marianus Drosdeak, ein Rosenkreuzer, dem Wiener Obern des Geheimbundes: Gegen 200 Emissäre schwärmten unter dem Namen Freimaurer in Ober- und Niederösterreich und suchen verschiedene Personen, auch solche des niedrigsten Standes, durch Geldverleihungen an sich zu ziehen, und "der herrliche Name der Freimaurer wurde so misshandelt, dass er bereits dem größten Hohn und Gelächter des Pöbels ausgesetzt war".

Es lieferte auch Beispiele: Der Gastwirt Johann Dorn, Amstetten, im Untern Wörth 3, baute eben sein niedergebranntes Haus mit Schulden wieder auf. Innerhalb eines halben Jahres kamen zweimal Emissäre, bedauerten seine Notlage und versprachen ihm jedes Mal Geld auf die Hand und weiterhin kräftige Unterstützung, wenn er dem Freimaurerbund beitreten wolle. Bei einem Handwerker, ebenfalls in Amstetten, der vordem in größter Not gelebt hatte, herrschte nun Überfluss - in seinem Zimmer hatte er die Embleme der Freimaurerei, Kelle, Hammer, Zirkel und Schrottwaage, hängen. In einem andern Schreiben teilte P. Marianus mit, er wolle im Zuge der josephinischen Klosteraufhebungen seinen Orden verlassen.

Aigner nennt weiter einen Dr.med. Ignaz Hudelist, einstiges Mitglied zweier Wiener Rosenkreuzerlogen. Er trieb sich in den Achtzigerjahren als Missionar der Rosenkreuzer in der Gegend herum und lebte, wie es scheint, von den Taxen, die er vermögenderen Leuten für Freimaurer- und Rosenkreuzergrade abnahm, einige Zeit recht gut.

Er dürfte den Postmeister von Amstetten, Terpinitz, und in Waidhofen/Y. den Landschaftsphysicus Franz Neureiter geworben haben. 1782 schrieb Neureiter an die Wiener Rosenkreuzer, er und "alle hiesigen Brüder" seufzten "annoch im Vorhof" nach höheren Graden. Dennoch traten diese Brüder nicht der Linzer Loge bei. Aigner schließt daraus, dass sie im hiesigen Bereich eine eigene Loge oder einen Rosenkreuzerzirkel gegründet haben.

Eigentümliche Riten der Geheimbünde erstreckten sich auch auf Begräbnisse. Joseph II. hatte für solche "Mummereien" nichts übrig und verbot sie bei Beerdigungen. Dennoch ging bei uns ihre Übung weiter selbst unter den Augen des Kreishauptmannes in St. Pölten. Der Pfarrer von Sindelburg, selbst ein Rosenkreuzer, hielt sich daran und hatte deswegen Anfeindungen zu erdulden. Nun starb der Pfarrer von Strengberg und wurde mit allen Freimaurer-Zeremonien (Kutte, Stab) beigesetzt, der Dechant von Enns nahm sie selbst vor. Der zweite Kaplan von Sindelburg, Joseph Pockhinger, Ritter von Sonnegg, auch ein Rosenkreuzer, teilte es empört seinen Wiener Oberen mit und verlangte, dass sein Brief dem Kaiser selbst eingehändigt werde. Aigner schreibt, dass daraufhin in der Sache von oben durchgegriffen wurde. Auch Pockhinger war eine labile Persönlichkeit. Der Leiter des St. Pöltner Diözesanarchivs, Dr. Winner, dem hierfür herzlich gedankt sei, teilt mit, dass Pockhinger nie die Voraussetzungen geschaffen hat, selbst eine Pfarre zu übernehmen. Er war ein Trinker und wahrscheinlich auch ein Defraudant.

Die Welle der Geheimbünde scheint in unserem Bereich noch mit dem 18. Jh. abgeebbt zu sein, denn Aigner hat weiterhin hierüber nichts mehr zu berichten.