Sonntag, 8. Januar 2012

Unsere Agrarwirtschaft im Wandel der letzten 50 Jahre (Teil 3)

Nr. 140 - 1. Dezember 1983 - 12. Jahrgang

UNSERE AGRARWIRTSCHAFT IM WANDEL DER LETZTEN FÜNFZIG JAHRE
(verfasst von Museumsleiter Amtsrat Johann Hintermayr, Haag)

3. Teil

Erntemaschinen

Noch Mitte der zwanziger Jahre wurde das Getreide überall mit der Sense abgeerntet. In der Folgezeit kamen die Mähmaschinen, zuerst als Grasmähmaschinen, auf den Markt. Diese Mähgeräte entwickelten sich rasch von der selbsttätigen Ablegevorrichtung über den Mäher mit Garbenbindevorrichtung, auch Binder genannt, hin zum Mäh-Dresch-Binder. Das Abernten aller Getreidearten mit dem Mähdrescher setzte erst richtig nach 1960 ein. Ab dieser Zeit verschwanden die Getreidemandln auf dem Felde, und die über siebzig Jahre im Betrieb befindlichen Dreschmaschinen, die von den Dampfkesseln angetrieben wurden, verloren allmählich ihre einstige Bedeutung. Der Maschinendrusch gehörte früher zu den arbeitsintensivsten Höhepunkten im Arbeitsablauf eines Bauernjahres. Er war auf eine traditionelle Nachbarschaftshilfe aufgebaut, denn man brauchte beim maschinellen Dreschen 12 bis 20 vollwertige Personen. Die für fachliche Bedienung der Dreschanlage erforderlichen Arbeiter, wie Heizer und Maschinisten, kamen aus dem Kleinlandwirtestand, waren für die ganze Druschsaison von ca. drei Monaten fix engagiert und wanderten so von Hof zu Hof, bis alle zur Druschgemeinschaft gehörigen Betriebe ihre Ernte ausgedroschen hatten.

Die rasche Fortentwicklung der Erntemaschinen, die viele frühere Arbeitsvorgänge vereinfachte, brachte folglich auch finanzielle Probleme mit sich. Die Maschinenringe, die einen rationellen Einsatz ermöglichen, setzten sich bei uns noch nicht voll durch.

Zwischen Ende 1937 bis Anfang 1939 versuchten schon einige Bauern anstelle der Pferde, Traktoren zum Zuge zu verwenden. Anfangs war man gegen diese Umstellung und meinte, ganz ohne Ross - man müsste zumindest eines behalten - lassen sich nicht alle Zugarbeiten bewältigen. Erst ab 1950 trennte man sich dann rasch von den Zugpferden.

Vater-Sohn-Betrieb

Die Abwanderung aus dem bäuerlichen Bereich erfasste in den letzten zehn Jahren auch die Kinder der Bauersleute. Vermehrt machen sie von der Möglichkeit Gebrauch, sich für einen anderen Beruf ausbilden zu lassen; sehr viele davon interessieren sich für einen längeren schulischen Bildungsgang. Es wird zur Regel, dass vom bäuerlichen Nachwuchs sich nur mehr ein Kind für die landwirtschaftliche Berufsausbildung entscheidet. Der in den fünfziger Jahren von einem Referenten anlässlich einer Bauernversammlung prophezeite Vater-Sohn-Betrieb trat wider Erwarten sehr rasch ein.

Veränderungen in Ackerbau

Mehr als heute wechselten früher auf den Äckern in regelmäßiger Folge Roggen, Weizen, Hafer, Gerste, Klee, Rüben und Kartoffeln. Während früher die Felder überwiegend mit Stallmist und die Wiesen mit Jauche gedüngt wurden, verwendet der Landwirt von heute hauptsächlich Kunstdünger und erzielt dadurch höhere Ergebnisse. Nach dem Ersten Weltkrieg lag noch das Schwergewicht bei folgenden Getreide- und Futtermittelarten:

Der Roggen wurde überwiegend auf das vorher abgeerntete Kartoffelfeld gebaut. Die Getreidesorten wurden vor rund fünfzig Jahren noch händisch gesät. Der Säer bediente sich hierzu des "Saasumpers". Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das Saatgut bei vielen Bauern maschinell gesät. Mangels geringeren Hektarertrages bei Roggen und durch die Anfälligkeit des "Auswinterns" nahm allmählich dessen Anbaufläche zugunsten des Winterweizens bedeutend ab.

Hier nun einige Beispiele aus dem Gemeindebereich der Stadt Haag:
Im Jahre 1959 gab es eine Roggenfläche von 342 Hektar bzw. 15,05 Prozent des damaligen Ackerlandes. Zwanzig Jahre später war die Roggenfläche auf 11 Hektar geschrumpft. Mitte der sechziger Jahre erreichte der Weizenbau mit rund 60 Hektar (24 % des Ackerlandes) seinen Höhepunkt. Man erzielte mit dem Weizen gute Ernteerträge, und er galt als stabile Einnahmesicherung. Für eine wirksame Steigerung der Milch- und Fleischproduktion wurde schon seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts der Anbau von geeigneten Kleesorten gefördert. Inzwischen löste der seit ca. zehn Jahren zur Hauptfrucht gewordene Mais den Futterklee, die Kartoffeln und andere Ackerfrüchte ab; auch die Wiesenflächen reduzierten sich zugunsten des Maisanbaues. Der Ernteertrag beim Mais übersteigt jene der herkömmlichen Getreide- und Futtermittelsorten und ermöglicht nun die vermehrte Tierhaltung.

Viehhaltung

Man hält das Rind zum Zweck der Milch Zweck der Milch- und Fleischgewinnung. Früher diente es auch als Zugtier, wobei die verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten selten voneinander getrennt waren.

Im Bezirk Amstetten ist die Anzahl der gehaltenen Rinder in den letzten 47 Jahren (1934 - 1981) um 89 Prozent gestiegen. Bei der Schweinehaltung ist der Steigerungsanteil mit 80,77 Prozent ziemlich ähnlich, dagegen sind Pferde und Ochsen als Zugtiere bereits ausgestorben. Die Hühner haben im Betrachtungszeitraum einen Zuwachs von 94 Prozent (!) zu verzeichnen. Aus diesen Zahlen kann man am deutlichsten die grundlegende Veränderung, die sich in der landwirtschaftlichen Produktionsweise vollzogen hat, ablesen.

Es gibt Betriebe, die anstelle der Kühe nur Jungstiere oder nur Schweine mästen. Manche auf Hühnermast spezialisierte Höfe liefern jährlich je über 100.000 Stück Junghenderl auf den Markt.

Viele, in dieser Abhandlung aufgezeigte Veränderungen erfassten gleichartig das gesamte Bundesgebiet.
Die eingetretene Abwanderung von Erwerbstätigen setzte sich auch in den letzten zwei Jahrzehnten weiter fort.
So gab es 1951 in Österreich noch 1,080.000 Erwerbstätige in der Landwirtschaft, während 1979 diese Zahl auf 626.055 (Grüner Bericht 1980) war. Trotzdem ist die Produktivität in der Landwirtschaft stärker gestiegen, zum Beispiel in der Industrie.


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