Sonntag, 8. Januar 2012

Unsere Agrarwirtschaft im Wandel der letzten 50. Jahre (Teil 1)

Nr. 138 - 1. Oktober 1983 - 12. Jahrgang

UNSERE AGRARWIRTSCHAFT IM WANDEL DER LETZTEN FÜNFZIG JAHRE
(verfasst von Museumskustos Amtsrat Johann Hintermayr, Haag)

Der technische Fortschritt in den letzten fünf Dezennien brachte auch für die Landwirtschaft tiefgreifende Veränderungen. Denken wir zum Beispiel an die Mähmaschinen, die anstelle der Sensen traten, oder an die Traktoren, die unsere Zugtiere ablösten. Es ist daher angebracht, andeutungsweise darüber zu schreiben, wie vor rund fünfzig Jahren maßgebliche Arbeitsabläufe vor sich gingen, die man heute nicht mehr kennt oder die in ganz veränderter Weise erfolgen.

Der bäuerliche Arbeitstag

Der Bauer mit einer Hofgröße ab zirka 20 ha war lange nicht so von persönlich zu leistender Arbeit beansprucht als etwa sein Nachbar mit der Hälfte dieses Grundausmaßes. Die Besitzer größerer Wirtschaften wurden vereinzelt mit "Herr" anstatt mit "Veda" (=Vetter) angesprochen und waren im Sozialstatus ungefähr den Inhabern mittlerer Gewerbebetriebe gleichzusetzen.

Der damalige Kinderreichtum und das Überangebot an hausfremden Arbeitskräften erlaubte den größeren Bauern zu bestimmten Jahreszeiten einen gemütlicheren Tagesablauf. Dagegen gab es für die Ehefrauen dieser Bauern wenig ähnliche Ruhepausen. Die tägliche Arbeitszeit vieler Bauersfrauen war oft länger als die ihrer Dienstboten. Dieser für die Frau des Hauses erschwerende Umstand leitet sich von der einstigen patriarchalischen Hausordnung ab, wonach den Arbeitsgebieten der Männer in der Regel größere Bedeutung beigemessen und daher mehr Arbeitshilfen beigestellt wurden.

Bei kleineren Wirtschaften kannte man diese Unterschiede weniger; hier wurde das partnerschaftliche Modell durchwegs praktiziert, das heißt, dass der Ehemann damals schon weibliche Arbeiten wie etwa Tierfütterung, Entmistung etc. verrichtete. Auch bei den Feldarbeiten war ein ideales Zusammenarbeiten üblich. Das gegenseitige Beistehen hat sich inzwischen überall durchgesetzt und verbesserte wesentlich die Situation der Bäuerin.

In den dreißiger Jahren war die Miteinbeziehung der Kinder zu landwirtschaftlichen Arbeiten gang und gäbe; sie waren in vielen Fällen eine wertvolle Stütze zur Bewältigung mancher Arbeitstage. Neben der Mithilfe bei der Futterzubereitung für die Haus- und Zugtiere konnte man den zwölf- bis vierzehnjährigen Schülern auch bei den Feld- und Erntearbeiten begegnen. Dies besonders dort, wo es an Dienstpersonal mangelte. Das Interesse für manuelle Leistungen wurde schon in früher Schulzeit geweckt - besonders dadurch, weil man die Bauernarbeit stark idealisierte - und so entstand eine sehr persönlich bejahende Einstellung zur frühen Mitarbeit am Hof.

Der Arbeitstag begann am frühen Morgen (zwischen 4 und 5 Uhr im Sommer und zwischen 5 und 6 Uhr im Winter) mit den Arbeiten im Stall, da jede Wirtschaft die Nutz- und Zugtierhaltung pflegte. Besonderes Augenmerk legte man auf eine ertragreiche Milchgewinnung und Schweinehaltung.

Das tägliche Futtermähen mit der Sense - von Mai bis November - war Mannesarbeit und erfolgte zur selben Zeit, als das Stallpersonal (Stalldirn, Schweizerin oder Schweizer, Saudirn und Roßknecht) die Tiere betreuten. Nach dem "Heimführen" des Grünfutters, das bei mittleren und größeren Wirtschaften der Pferdeknecht mit dem Hausknecht und weiteren Hausleuten besorgte, war der erste bedeutende Tagesabschnitt abgeschlossen, und man setzte sich zum wohlverdienten Frühstück. Sehr gebräuchlich war am Morgen die Brotsuppe, teils auch die Rahm- bzw. die "Sto(ß)suppn", aber auch eine Schüssel Kaffee mit eingebröckeltem Brot kannte man in vielen Häusern.

Der weitere Tagesverlauf war nach Jahreszeit saisonbedingt und verlief innerhalb eines Jahres unterschiedlich. Die allseits beliebte "Halbmittagsjause" mit dem Speck oder dem gekochten Geselchten, mit Kartoffeln, Brot und Most sowie Topfen, Butter, Eiern und Molkereiprodukten an Fasttagen, blieb in den letzten fünfzig Jahren stets das unumstößliche Jausengericht.

Das Mittagessen wurde inzwischen wesentlich abwechslungsreicher und ausgiebiger. Seinerzeit bevorzugte man für den Mittagstisch überwiegend hauseigene Produkte. Beliebt waren die Fleischspeisen mit dem eigenen Gemüse. Während der gemüsearmen Zeit wurden als Beilage das Sauerkraut und die eingesäuerten Rüben serviert. Der Speisezettel kannte auch eine große Auswahl von Mehlspeisen, worunter neben Nockerln und Knödeln die verschiedenen Strudelarten nirgends fehlten. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich der Haushalt mit dem Bäckerbrot vertraut, und man nahm rasch Abschied vom hausgebackenen Schwarzbrot.

Das Melken in der Mittagszeit war neben einer normalen Fütterung der Rinder und Schweine seinerzeit durchwegs gebräuchlich. Heute werden die Kühe nur morgens und abends gemolken; auch die Mittagsfütterung entfällt bei diesen Tieren. So reduzierte sich die Arbeit auf zwei Mahlzeiten. Dies stellt eine spürbare Entlastung zugunsten des weiblichen Hauspersonals dar.

Während der Winterszeit war der Tag vorwiegend ausgefüllt mit der Holzbringung (Holzschneiden, -klieben und .-schlichten)‚ der Tierfutterzubereitung (Futterschneiden, Rüben- und Kartoffeldämpfen u.ä.m.) für Rinder, Pferde und Schweine, teils mit der Flachsverarbeitung und der Schaubstroherzeugung. Weiters musste vieles, was zur Erhaltung des Hausrates gehörte, während des Winters angefertigt werden. Hierzu zählten zum Beispiel auch das Besenbinden und das Simperlflechten. Die Nachmittagsarbeit, selbst an Erntetagen, wurde durch die Nachmittagsjause zwischen 15 und 16 Uhr, die in der Regel aus denselben Speisearten wie der Vormittagsjause bestand - eventuell zusätzlich mit einem Häferl Kaffee - , für eine Viertelstunde unterbrochen. Abends, zwischen 19 und 20 Uhr, gab's nur mehr leichtere Kost, wie das beliebte Grießkoch, im Herbst das Apfel- und Zwetschkenkoch, weiters die Einbrennsuppen und andere suppenähnliche Speisen. Heute wird durchwegs die Nachmittagsjause unmittelbar vor der abendlichen Tierfütterung eingenommen und dient meistens auch als Abendessen. Diese Umstellung ergibt sich dadurch, dass die Bäuerin heutzutage
wegen der Stallarbeit keine Zeit für die Zubereitung eines eigenen Nachtmahles erübrigen kann.



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