Sonntag, 26. August 2012

Der Töpfer oder Hafner - Arbeit und Leben der ländlichen Handwerker des Mostviertels in früheren Zeiten

Nr. 188 - 1. Dezember 1987 - 16. Jahrgang

Arbeit und Leben der ländlichen Handwerker des Mostviertels in früheren Zeiten
(von Anton Distelberger, Mostviertler Bauernmuseum)

10. Der Töpfer oder Hafner 

Hafner (der Name hat denselben Wortstamm wie "Häferl") gab es in späteren Jahrhunderten nicht in allzu großer Zahl; sie konnten ein viel größeres Gebiet betreuen als etwa ein Fassbinder und waren insofern wesentlich weiter verstreut. Im Großraum Amstetten sind zuletzt drei Hafner nachzuweisen, und zwar der Fuchsberger in Wolfsbach, der Glaser in Zeillern und der Karnholz in Neustadtl - Zwischenthann.
Haag war bereits im 16. Jahrhundert eines der bedeutendsten Hafnerzentren in ganz Niederösterreich und hatte vor allem für den angrenzenden oberösterreichischen Raum große Bedeutung. (Als hervorragende Meister werden in Haag beispielsweise Lazarus Loindl im Jahr 1580 und Leonhart Huebner 1582 erwähnt) Als ihnen 1629 allerdings der Geschirrverkauf in Oberösterreich verboten wurde, begann der Abstieg der Haager Hafner. (Der Wolfsbacher Hafner betreute später dieses Gebiet.)

Der Beginn der industriellen Erzeugung von gusseisernem Blech- und Emailgeschirr im 19. Jahrhundert löste naturgemäß den Niedergang des Hafnerhandwerks aus. Am längsten arbeitete noch der Glaser in Zeillern, der noch nach dem zweiten Weltkrieg Töpfe und Schüsseln herstellte.

Er erzählte mir, dass er noch ein letztes gutes Geschäft hatte, als auch niemand mehr sein Küchengeschirr kaufte, er konnte nämlich noch tausende Blumentöpfe an die Anstaltsgärtnerei Mauer-Öhling liefern. Doch plötzlich bot eine Fabrik die Töpfe wesentlich billiger an, und es war für ihn aus.

Der Neustadtler Hafner hatte sein Handwerk schon viel früher an den Nagel gehängt. Nur der Name Fuchsberger ist in diesem Wirtschaftsbereich auch heute noch ein Begriff. Dieser Betrieb stellte sich um auf Fließen legen, Ofensetzen und den Handel von Geschirr.

Die Hafner stellten das "irdene" oder "käterne" Geschirr her, wie man sagte. Das "Irdene" kommt von "Erde", das "Käterne" von "Kot", abgeleitet vorn Rohstoff, mit dem ein Hafner arbeitete. Es gab in der Umgehung nur wenige geeignete Tonerdevorkommen. Die Hafner im Raum Amstetten bezogen sie aus Neustadtl Ebenberg; die Haager hatten das beste Tonlager in der Erberspoint in der Haid.

Es war viel harte und mühsame Arbeit notwen­dig, bis die Tonerde verarbeitet werden konnte. Sie musste zuerst natürlich nach Hause gebracht werden. Dort wurde sie zum Trocknen aufgebreitet, später zerstoßen, mit einer großen Hand steinwalze zermahlen und mit Sieben fein gesiebt. Dann wurde sie wieder mit Wasser eingeweicht, eine Zeit stehengelassen und anschließend gut durchgeknetet und gestoßen, bis sie weich und homogen genug zur Verarbeitung war.

Der Hafner legte einen Batzen Ton auf seine Töpferscheibe und formte dort daraus das Geschirr. Je mehr Handfertigkeit und künstlerische Begabung er hatte, desto schöner wurden die Stücke. Jeder Hafner hatte seinen eigenen Stil. Ich habe In meinem Museum Geschirr von allen drei Hafnern im Raum Amstetten; man kann sofort erkennen, welches Stick vom Fuchsberger oder vorn Glaser gefertigt wurde; das vom Karnholz sieht wieder anders aus. Anschließend wurde das geformte Geschirr getrocknet und im Ofen gebrannt. Auch Ihren Ofen hatten die Hafner selbst gebaut. Er wurde nur mit Holz beheizt. Darum ist das Irdene Geschirr auch nur etwa so hart gebrannt wie Ziegel und relativ zerbrechlich. (Es wurden Temperaturen von 500 bis max. 800 Grad Celsius erreicht. Wäre dasselbe Material mit den heutigen Methoden bei 1000 Grad gebrannt worden, wäre gute Keramik entstanden.) Weil es schöner aussah und um sie wasserdicht zu
machen, wurden viele Stücke anschließend glasiert und ein zweites Mal gebrannt. Es ist nur ein einziger Töpfer in Österreich bekannt, der sein Geschirr mit Farbstempeln verzierte, das war der Glaser in Zeillern. Er hatte sich eine große Zahl hölzerner Stempel geschnitzt, mit denen er Farbe auf seine Töpfe, Schüsseln,
Krüge usw. auftrug. (Im Mostviertler Bauernmuseum sind einige sehr schöne Stücke sowie Stempel zu sehen).

Seit dem ausgehenden Mittelalter wurden in den Bauernstuben Kachelöfen aufgestellt; für die Hafner eröffnete sich ein neues Betätigungsfeld. Mit einfachsten Mitteln stellten sie auch hier Wohlgefälliges her. Ich habe etwa einen aus Holz geschnitzten Ofenkachelstempel, den der Hafner in den Lehm hineindrückte, sodaß ein Kachel wie der andere wurde. Sie machten sich auch schöne Formen, in denen sie die oft reichhaltigen Gesimsverzierungen für die Öfen herstellten.

Die Hafner stellten sehr viele verschiedene Dinge her und waren einfallsreich bei der Gestaltung. Im Mostviertler Bauernmuseum sind beispielsweise Hunderte Stücke zu bewundern, z.B. ein Mostkrug mit Bartbremse (damit ein vielleicht nicht ganz sauberer Schnurrbart nicht in den Most hineinhängen konnte), datiert 1866, ein "Jägerkrügel", wo das Begräbnis eines Jägers durch die Wildtiere dargestellt ist, verschiedenste Formen zum Kuchen backen, wie etwa die eines Wickelkindes, eines Osterlammes, eines Herzens mit IHS, eines Fisches oder eines Schweindls. Auch die Kessel zum Schnapsbrennen wurden früher von den Hafnern hergestellt und nicht von den Kupferschmieden.
Das irdene Geschirr war ursprünglich ungleich billiger als Metall, auch wenn es sehr leicht zerbrach und immer wieder nachgekauft werden musste.

Trotzdem waren die Hafner am Land keine wohlhabenden Leute. Sie mussten sehr viel arbeiten, und es war auch nicht so wie bei anderen Handwerkern, dass die Leute die Produkte abholten; ein Hafner musste sein Geschirr auf den Kirtagen und Märkten anbieten, auch ging er mit seiner Buckelkraxn zu den Häusern hinaus, um dort zu verkaufen.

Lange Zeit wurde kaum getöpfert, da das Handwerk von der Industrie und vorn Metall verdrängt worden war. Doch heutzutage werden beispielsweise an den Volkshochschulen Töpferkurse abgehalten. Man besinnt sich wieder der alten Technik und der Schönheit des Materials.


Historische Seuchen, Krankheiten, Epidemien

Darstellung der Brechruhr-Epidemie in der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien, wie auch auf dem flachen Lande in Oesterreich unter der Enns 1831/1832

http://books.google.de/books?id=ZJA_AAAAcAAJ

Pestepidemien im Europa der Frühen Neuzeit

http://kulturwissenschaften.academia.edu/FranzMauelshagen/Papers/1078547/Pestepidemien_im_Europa_der_Fruhen_Neuzeit

Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen

http://germa229.uni-trier.de:3000/

Die österreich-ungarische Monarchie in Wort und Bild

Die österreich-ungarische Monarchie in Wort und Bild
Komplett online, ca. 328 Seiten, erschienen in Wien, 1886
http://www.austria-lexikon.at/ebook/wbin/ambrosius.html

Mittwoch, 15. August 2012

Von der Kranzer-Mühle zur Shopping City

Nr. 325 - 1. November 1997 - 22. Jahrgang

Von der Kranzer-Mühle zur Shopping City
von Hans Bruckner

Im September 1991 wurde die SCA - die Shopping City Amstetten - eröffnet und dies sollte Grund genug sein, das jahrhundertelange Geschehen auf dem Areal an der Wörth- und Waidhofner Straße zwischen Mühlbach und Bahndamm - heute inmitten des pulsierenden Lebens der Stadt Amstetten - einer kleinen geschichtlichen Betrachtung zu unterziehen. Denn schon vor 300 Jahren begann hier auf der "Inneren Wieden" - so wurde dieses Gebiet außerhalb des Marktes Amstetten bezeichnet -eine überaus interessante und wechselvolle Geschichte von Handel, Gewerbe und Gastro­nomie. Wohl kaum ein anderer Teil Amstettens hat in der Vergangenheit. so einschneidende Veränderungen erfahren wie dieser.

Zur Zeit des zweiten Türkensturms (1683) stand „auf der Wieden", die Teil des Seisenegger Herr­schaftsbesitzes "auf der Steyermark" war, bereits eine Mühle und die Bewohner dürften von den Tartaren, die bis an die Ybbs vordrangen, nicht verschont geblieben sein, denn aus dem Seisen­egger "Amt Amstetten" wurde der Herrschaft im Besonderen gemeldet, eine Frau aus der „Steier­mark" und ihr Kind seien vom Feind entführt worden. Später führte diese Mühle nach dem Namen ihres Besitzers die Bezeichnung "Kranzer-Mühle" und nachdem die Liegenschaft 1881 in den Besitz von Anton und Katharina Breit übergegangen war, wurde sie den Amstettnern unter dem Namen „Breitmühle" geläufig. 1906 wurde sie von Thomas und Anna Paar erworben, aber schon zwei Jahre später an den Engländer Thomas Gramlick jun. verkauft, der hier eine kleine Hutfabrik errichtete. 1911 ging diese an Vinzenz Nohel über, der sie fünf Jahre später an Gustav und Ludwig Ita ver­äußerte. Erst ab 1919 gewinnt die Hutfabrik unter ihrem neuen Besitzer Heinrich Ita eine für Amstetten beachtliche industrielle Bedeutung. Das geht schon daraus hervor, dass die Firma bis zu Beginn der dreißiger Jahre an die 900 Arbeiter und Arbeiterinnen in Tag- und Nachtschichten beschäftigte, wobei fast die gesamte Produktion nach England exportiert wurde, bis durch zoll­politische Maßnahmen Großbritanniens die Aus­fuhr dorthin stark gedrosselt werden musste.

Wechselvoll war das Geschick des Unternehmens auch nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei gerade in der schwierigen Nachkriegszeit noch viele Amstettner - vor allem Frauen - in der Hutfabrik Ita Beschäftigung fanden. Schließlich musste der Betrieb aber doch eingestellt und das veraltete Fabrikgebäude und das Areal an die deutsche Bekleidungsfirma Bücking und die Stadtgemein­de Amstetten verkauft werden.

Im Haus Wörthstraße 18 traf sich ganz Amstetten

Bevor die Firma Heinrich Ita Ende des Jahres 1918 neben der "Breitmühle" auch das zwischen Mühlbach und Bahndamm gelegene Haus Wörthstraße 18 samt den dazugehörigen Grundstücken erwarb, spielte sich in diesem Gebäude zum guten Teil das "gesellschaftliche Leben Amstettens" ab: Im Gasthaus „Zum Goldenen Lamm".

Zur Zeit des Bahnbaues im Jahre 1858 wird ein Josef Jäger als Besitzer der Liegenschaft an der Allersdorfer Straße - so wurde die heutige Wörthstraße damals bezeichnet - genannt: 1879 erwarben Franz und Josefa Preuer das Gasthaus, die es nach einem Brand wieder aufbauten und darüber hinaus einen Stock mit Saal aufsetzten. Kurz nachdem Heinrich und Anna Ripka 1884 das Gebäude erworben hatten, bauten sie es neuerlich um. Aus dieser Zeit stammte auch die Toreinfassung aus Granit, die älteren Amstettnern vielleicht noch in Erinnerung ist, blieb sie doch noch einige weitere Jahrzehnte erhalten. Jeden­falls erfreute sich das neue "Hotel Goldenes Lamm" des Heinrich Ripka großer Beliebtheit und eines enormen Zuspruchs. Kein Wunder, fanden doch in dem im 1. Stock gelegenen repräsentativen Saal die meisten größeren Ballveranstaltungen Amstettens statt, aber auch Theater­vorstellungen und Konzerte, sowie die "Lieder­tafeln" des Männergesangsvereines, der im Erdgeschoß des Hauses sein Probenlokal hatte. Über eine hölzerne Mühlbachbrücke zwischen Hotel und Bahndamm gelangte man in einen aus­gedehnten, prächtigen Gastgarten, in dem viele alte Kastanienbäume Schatten spendeten und der bei den damals ziemlich häufigen Festlichkeiten von Vereinen und Verbänden überaus stark frequentiert war. Zum "Goldenen Lamm" gehörte auch das gegenüberliegende Gebäude, das als Gaststallung benutzt wurde und später dem bekannten Amstettner Kaufmann Hans Steer als "Krautlager" diente.

Das "Hotel Goldenes Lamm" war auch nach dem Besitzwechsel als Weinlokal-Brunner sehr be­liebt, zumal vor der Erbauung des Kinogebäudes in der Mühlenstraße (heute Bipa-Markt) und nachdem der aus Holz gebaute „Lifka-Kino-Palast" in der Preinsbacher Straße (neben dem Evangelischen Pfarrhaus) abgebrannt war, das Amstettner Kino in den Brunner-Saal über­siedelte. Im Gasthaus Brunner befand sich auch einige Jahre lang das Notenarchiv und Instrumen­tenmagazin der ehemaligen Stadtmusikkapelle Amstetten. Ferner hatte Fleischhauer Karl Kraus im Haus Wörthstraße 18 seine "Fleischbank" und nach dem Ersten Weltkrieg der Invalide Franz Lehner, dem auch das Gasthaus "Zur Linde" in der Jahnstraße gehörte, eine Tabak-Trafik. Zuletzt befand sich die Wäscherei Ita in dem Gebäude.

Bereits 1904 hatte die Wieselburger Brauerei das "Hotel Goldenes Lamm" erworben. 1909 ging die Liegenschaft in das Eigentum des Brauhauses Amstetten über, bis Heinrich Ita dem "geselligen Leben" im Haus Wörthstraße 18 ein Ende setzte und den Saal schließlich zu Wohnungen umge­stalten ließ.

Die "Innere Wieden" bekam in zwei Jahrzehnten zwei neue Gesichter

Die Raschlebigkeit in den letzten Jahrzehnten wird besonders in diesem Areal der früheren "Inneren Wieden" augenscheinlich: Innerhalb von 18 Jahren wurde dessen Aussehen zweimal nahezu total verändert.

Zu Beginn des Jahres 1972 fuhren an der Einmündung der Waidhofner- in die Wörthstraße Greifbagger und Schubraupen auf, um die Fabrikanlagen der ehemaligen Hutfabrik Ita und die dazugehörigen Gebäude zu schleifen. Die Amstettner Firma Offenthaler führte diese umfangreichen Abbrucharbeiten ohne wesentliche Behinderungen des Straßenverkehrs innerhalb kürzester Zeit durch. Schwaden von Ziegel- und Kalkstaub konnten zahlreiche Zuschauer nicht davon abhalten, Zeugen zu sein, als mit der Demolierung der Gebäude Wörthstraße 18/18A ein Stück "Alt-Amstetten" für immer ver­schwand, mit ihm auch der 34 Meter hohe Fabriksschlot - jahrzehntelang ein weithin sichtbares "Wahrzeichen" dieses Gebietes - der von der Stadtfeuerwehr mittels Drahtseilzug "umgelegt" wurde, da die Bundesbahn als Anrainer einer Sprengung nicht zustimmte.

Auf dem nun freigewordenen Platz errichtete die Bekleidungsfirma Bücking-Dreinaht, die ihren Stammsitz und Hauptbetrieb im hessischen Alsfeld hat - der Partnerstadt Amstettens in der BRD - ihre Verwaltungsgebäude und Werks­hallen. Für viele Menschen aus Amstetten und seiner Umgebung gab es neue Arbeitsplätze, wieder waren es vor allem Frauen, die hier - wie seinerzeit in der Hutfabrik - Beschäftigung fanden. Das Geschäft florierte vorerst, doch die Marktschwierigkeiten auf dem Bekleidungssektor, hervorgerufen durch Billigimporte, machten auch vor dem reell geführten Unternehmen nicht Halt. 1989 musste der Amstettner Zweigbetrieb nach einigen Rettungsversuchen endgültig schließen.

Wieder traten Greifbagger und Schubraupen in Aktion, wieder entstand Neues! Das neue Gesicht der alten „Inneren Wieden" scheint mir erfreulich und anziehend. Wieder werden es vor allem Frauen sein. die das Areal bevölkern, nicht um hier wie anno dazumal ein paar Kronen oder Schillinge zu verdienen, sondern um die viel­fältigen Möglichkeiten und Angebote unserer Konsumgesellschaft zu "genießen". Möglich­keiten, welche die Besucher des ehemaligen Gastgartens beim „Goldenen Lamm", zwischen Mühlbach und Bahndamm, kaum zu träumen gewagt hätten, sich aber heute an gleicher Stelle in der neuen "Shopping City" doch meist verwirklichen lassen. Und das ist gut so!

Quellen:
Dr. Leopoldine Pelzl "Heimatgeschichte Amstettens"
Josef Freihammer "Heimat Amstetten"
Alois Schabes "Geschichte der Stadt Amstetten"
Josef Freihammer/Gustav Pöschl: "Das Alte stürzt" aus "Amstettner Anzeiger" Nr. 9/1972


Das Schicksal der Amstettner Juden

Nr. 203 - 15. November 1988 - 17. Jahrgang

Das Schicksal der Amstettner Juden
(Josef Freihammer)

Die Gründung einer israelitischen Kultusgemeinde Amstetten erfolgte 1881. Die Rabbinerstelle war bis 1922 laufend besetzt, ab 1922 wurde die is­raelitische Kultusgemeinde Amstetten durch einen Stellvertreter in St. Pölten betreut, dann durch die Matrikelführer mit Sitz in Kemmelbach und Purgstall an der Erlauf. Ein Betraum befand sich an­fangs in der "Sommervilla" (Besitz der jüdischen Kaufmannsfamilie Sommer, jetzt Hamerlingstraße 6), später im Hause Ardaggerstraße 8 (damals Be­sitz des jüdischen Kaufmannes Schmitz aus Oed, heute Haus Funke). Dieser Betraum wurde bei den Ausschreitungen in der sogenannten "Reichskristallnacht" vom 9. zum 10. November 1938 in Brand gesteckt und verwüstet. Der Bau einer Synagoge war an der Ecke Eggersdorferstraße-Graben geplant, kam aber infolge der national­sozialistischen Machtergreifung nicht mehr zustande.

Der Antisemitismus war in Österreich vor hundert Jahren weitverbreitet, er hatte religiöse und wirtschaftspolitische (Lueger) und rassistische (Schönerer) Wurzeln. Diese Einstellung war auch in Amstetten in weiten Bevölkerungsschichten vorhanden. 1921 organisierte sich der Antisemitismus im Antisemitenbund, der von Mag. Wolfgang Mitterdorfer und Hans Höller gegründet wurde.

Ein Kaufvertrag vom 4.7.1877, der den Erwerb des Hauses Hauptplatz 38 durch Marcus und Sara Sommer nachweist, ist der erste dokumentarische Hinweis auf die Anwesenheit eines jüdischen Bewohners in Amstetten.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich am 12.3.1938 verschlechterte sich die Lage der Juden in Amstetten schlagartig. Schon am 13. 3. 1938 wurde Dr. jur. Kurt Kerpen, den man als Kommunisten bezeichnete, in Schutzhaft genommen. Der jüdische Ziegeleibesitzer Moritz Weiß, tschechoslowakischer Staatsbürger, wurde am 21. 3. 1938 nach Bratis­lava abgeschoben.

Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Kaufleute wurde angesichts der gegen sie verhängten Boykottmaßnahmen bald prekär. Arische Bewoh­ner, die in jüdischen Geschäften kauften, wur­den in der Lokalpresse schonungslos angeprangert.
Unter diesem Druck verkauften die jüdischen Kaufleute ihre Geschäfte und sonstigen Liegenschaften; die meisten Amstettner Juden wanderten aus.
Der erste war Dr. jur. Kurt Kerpen. Seine Eltern Samuel und Sopie Kerpen betrieben im Hause Schulstraße 6 einen Spirituosenhandel. Dr. Kerpen emigrierte bereits am 8.4.1938 in die USA, lebte dann in New York. Sopie Kerpen übersiedelte am 22.12.1938 nach Wien. Klementine Surkin hatte in der Linzerstraße 5 ein Herrenbekleidungsgeschäft. Sie emigrierte am 29.9.1938 mit ihrer Mutter (Pollak) und ihrer Schwester Dora Pollak nach England, wurde Stubenmädchen und Köchin bei einem englischen Lord. Sie lebt jetzt, 92-jährig, in Los Angeles.
Dora Pollak machte eine Karriere als Opernsängerin.
Leo Surkin, geschiedener Gatte von Klementine Surkin, emigrierte nach China und kehrte nach dem Krieg nach Wien zurück.
Ludwig Surkin, Sohn von Leo und Klementine Surkin, besuchte die Volksschule und Hauptschule in Amstetten und die Eisenfachschule in Waidhofen/Ybbs. Sommer 1938 wanderte er nach Palästina aus, wurde Hilfsarbeiter und Mechaniker in einer Orangenplantage, Hotelangestellter, Musiker (er leitet ein kleines Orchester), war 1948 als israelischer Untergrundkämpfer gegen die Araber im Einsatz. 1962 ging er nach den USA, lebt jetzt in Los Angeles, besitzt dort zwei Fabriken.
Max und Rosa Pialla, Linzerstraße 5, betrieben ein Restengeschäft und einen Maschinenhandel, Lewingstraße 5. ihre Emigration führte sie zunächst nach Bolivien, dann in die USA, zuletzt in Los Angeles.
Die Tochter Lieselotte emigrierte nach England, ihr Bruder Hainrich nach Palästina. Heinrich Pialla wurde von den Engländern in Eritrea zum Piloten ausgebildet und flog Bombeneinsätze nach Deutschland. Nach dem Krieg war er Flieger in Israel, dann 25 Jahre lang Flugpilot bei der AUA. Jetzt wohnt er in Los Angeles.

Siegfried und Ilka Geiduschek führten ein Schuhgeschäft, Rathausstraße 3. Beide emigrierten nach Tel Aviv, die Tochter Margarete nach England.
Die größte jüdische Familie in Amstetten waren die Greger. Adolf Greger (1862) und seine Frau Rosa (1870) übersiedelten mit ihrer Tochter Hermine (1894) am 1. 8. 1939 nach Wien. 1940 wurden sie in ein Konzentrationslager deportiert. Adolf und Rosa Greger wurden in Theresienstadt ermordet, Hermine Greger kam wahrscheinlich in Auschwitz ums Leben.
Die drei Söhne Wilhelm (1895), Anton (1900), Dr. med. Ernst (1902) und Friedrich Greger (1906) emigrierten.
Wilhelm ging nach Schanghai und machte dort einen Schuhhandel auf. 1946 kehrte er nach Wien-Döbling zurück, starb 1948. Anton emigrierte 1939 nach Palästina, kehrte 1949 nach Amstetten zurück und starb 1973.
Dr. Ernst Greger: Emigration nach den USA, Arzt in Los Angeles. Starb dort am 8.5.1986.
Friedrich Greger: Emigration nach Palästina, wurde Hilfsarbeiter im Straßenbau, war dann in einer Diamantenschleiferei tätig. Seine erste Ehe mit einer Christin wurde 1938 getrennt. Er heiratete in Palästina ein zweites Mal, Sara Bär aus Litauen. Am 17.8.1949 wurde ihnen Sohn Hermann (Zwi) geboren. Die Familie ging 1954 nach Amstetten. Sara Greger starb hier 1965, Friedrich Greger 1975. Hermann Greger wohnt in Amstetten, er ist in den Böhler-Ybbstal-Werken beschäftigt als gelernter Maschinenschlosser und Werkzeugmacher.

Hirschler Paul (1894, röm.kath.) betrieb im Hause Schulstraße 18 eine Dentistenpraxis. Er war jahrelang Chorleiter des Gesangvereins "Liederkranz". Er übersiedelte am 6.10 1938 zuerst nach Baden, dann nach Wien und betrieb in der Kochgasse eine Dentistenpraxis. Kurz vor Kriegsende wurde er denunziert und ins KZ Dachau gebracht, wo er umgekommen ist. Leopold Schlesinger hatte im Hause Hauptplatz 45 (Eigentum Rameder) ein Schuhgeschäft. Er wurde wegen fahrlässiger Krida verurteilt und am 25. 5. 1938 ins KZ Dachau gebracht. Nach einem Jahr emigrierte er nach China. Dort brachte er es zum Direktor einer Schuhfabrik. Nach dem Einmarsch der Kommunisten 1949 ging er nach Australien.

Rudolf Wozasek (1895) und sein Bruder Hermann (1896) betrieben in der Eggersdorferstraße einen Häute- und Fellehandeln. Hermann W ozasek emigriert mit seiner Gattin Maria (1901) in die USA. Nach schwierigen Jahren machten sie sich in der angestammten Branche in New York selbständig. Auch Rudolf Wozasek ging in die USA.
Der Sohn Georg Wozasek (1925) wurde 1938 vorerst nach Frankreich geschickt und folgte erst von dort den Eltern nach New York. Von 1943 bis 1945 war er bei einer amerikanischen Gebirgsjägerdivision in Italien im Einsatz. Nach dem Krieg studierte er Verfahrenstechnik an der Columbia-Universität in New York. 1951 kehrte er nach Österreich zurück. Derzeit ist Dipl. Ing. Georg Wozasek in führender Position bei der Neusiedler AG in Hausmening tätig. Er wohnt mit seiner Familie in Linz, ist Vorsteher der dortigen israelitischen Kultusgemeinde.
Rudolf Wozasek starb 1971 bei einem Besuch in Linz.

Iliya Karl Bolotinsky, geb. 21.3.1892 in Simferopol auf der Halbinsel Krim, soll mosaischen
Bekenntnisses gewesen sein. Seit 8.10.1918 war er in Amstetten als Kraftfahrer. Er ließ sich
am 30.10.1918 nach röm.kath. Ritus taufen. Im Oktober 1941 entdeckten die nationalsozialistischen
Behörden seine mosaische Herkunft. Die vom Landrat geführten Erhebungen erbrachten aber keinen Beweis für diese Tatsache. Bis Kriegsende war er beim Arbeitsamt als Kraftfahrer und Dolmetsch tätig. Nach dem Krieg verwendete ihn auch die sowjetische Besatzungsmacht als Dolmetsch. 1948 wurde er von der sowjetischen Besatzungsmacht außer Landes gebracht und starb laut Amtsvermerk auf der Meldekarte am 22.1.1951 in einem sowjetischen Gefangenenlager.

In Hausmening hatten vor 1938 die jüdischen Familien Mahler bzw. Schanzer ein Geschäft an der Bahnhofstraße 1 betrieben.
Friederike Schanzer, deren Tochter Trude Schanzer und die Schwester Friederike Schartzers, Auguste Leitner, sind in den Vernichtungslagern umgekommen.
Der Sohn Hermann Schanzer (1919) wurde 1938 zunächst zwei Monate inhaftiert, verbrachte dann ein Jahr in einem landwirtschaftlichen "Umschulungslager" in Schwadorf. Es gelang ihm dann die Flucht und die illegale Einreise nach Palästina. Dort verbrachte er eine sechsmonatige Haft durch die Engländer. Freiwillig machte er dann Kriegseinsatz in einem englischen Regiment im Fernen Osten und in Afrika. Am 1.1.1947 kehrte er nach Österreich zurück. Der Tod aller seiner Angehörigen in Minsk und Auschwitz betastete ihn seelisch außerordentlich. Sein depressiver Zustand verschlechterte sich so sehr, dass er am 7.12.1976 freiwillig aus dem Leben schied.


Hausmühlen im Mostviertel

Nr. 204 - 1. Dezember 1988 - 17. Jahrgang

Hausmühlen im Mostviertel
(Johann Hintermayr)

Das einst sehr weit verbreitete Volkslied "Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp klapp …“ ruft uns nicht nur die ehemalige Müllerromantik ins Bewusstsein, sondern erinnert uns an einen wichtigen bäuerlichen Berufszweig, der eine besondere Rolle im Leben der Bauern früherer Jahrhunderte spielte. Viele Dichter und Komponisten haben die Tätigkeit des Müllers und den Betrieb der Mühlen beschrieben und besungen. Auch die Maler haben mit Vorliebe die verschiedenen Mühlen als Motive herangezogen. Selbst in mehreren Sagen und Märchen begegnet man aufschlussreichen Aufzeichnungen über die Lebensgewohnheiten dieses Berufsstandes.

Analog dem Beginn der Getreidewirtschaft entstanden sehr primitive Mühlengeräte für den Hausgebraucht. Das Stampfen und Reiben wurde abgelöst von den Handmühlen. Die aus dem Mittelmehrraum übernommene Errungenschaft, Wasser für den Antrieb eines Räderwerkes zu nützen, fand auch bei den Mühlen zum Mahlen des Getreides praktische Anwendung.

Im Mittelalter verbreiteten sich in unserer Gegend allmählich mit Wasser betriebene Mühlen, doch wurden diese zuerst nur in klösterlichem bzw. herrschaftlichem Bereich verwendet. Sehr oft war die Nutzung der Wasserkraft ein Vorrecht des Landesherrn. Dieses Privilegium verlieh die Obrigkeit auch kleineren Grundherrn durch ein sogenanntes Mühlenpatent bzw. einer Mühlenordnung.

Im Laufe des Selbstständigwerdens des Bauernstandes entstanden landauf und landab viele Hausmühlen. So waren entlang des Kroißbaches, nach Mitteilung des Sägewerksbesitzers F. Wagner in Strengberg, insgesamt 17 Mühlen (Getreidemühlen und Sägemühlen) vorhanden.

Sowohl die Hausmühlen als auch die Sägemühlen waren hierzulande überwiegend mit einem oberschlächtigem Wasserrad ausgestattet. Der Vorteil bei diesem System gegenüber einem unterschlächtigem Wasserrad lag darin, dass bei entsprechendem Gefälle (Wasserzuführung durch Rinnen, Rohre oder freifließendes Wasser oberhalb des Wasserrades) auch geringere Wassermengen für den Betrieb genügten.

Bauern aus der Nachbarschaft, die ohne Mühle waren, konnten gegen Entrichtung einer Maut – 10 Prozent des Mahlgutes für den Mühlenbesitzer – in der danach benannten „Mautmühle“ ihr Getreide mahlen. Diese Verrechnungsart hat sich lange erhalten.

Mit Zunahme der mechanischen Mühlen (Kunstmühlen) dient die Haus- oder Hofmühle weiterhin dem Bauern. Nur mehr vereinzelt waren einige Bauern mitsammen an einer Hausmühle mit gleichen Rechten und Pflichten beteiligt.

Die früher zahlreich vorhandenen Hausmühlen waren zu Beginn dieses Jahrhunderts weit und breit noch in Verwendung. Nach dem Zweiten Weltkrieg hörte man nur mehr selten das Klappern der Mühlen. Die Turbine und der E-Motor lösten das Wasserrad ab, es war wegen des lange dauernden Mahlvorganges nicht rentabel.

Anlässlich einer Bestandsaufnahme früherer Hausmühlen konnte ich nur eine Mühle im westlichen Niederösterreich ausfindig machen, welche von einem Bauern immer noch bei günstigen Wasserbedingungen zum Mahlen seines Futtergetreides in Betrieb gesetzt wird.

Sofern die Hausmühle nur dem Eigenbedarf dient, wurde kein Dienstbote eigens als Müller eingesetzt; diese Arbeit behielt sich gewöhnlich der Bauer selbst vor, oder er beauftragte einen seiner Söhne. Es handelte sich hier um eine echte Männerarbeit, die häufig viele Arbeitsstunden hintereinander abverlangte. So kam es vor, dass bei günstiger Wasserzufuhr nach einer längeren Trockenheit die Mühle bis spät in die Nacht hinein ihren Mahlrhythmus nicht unterbrach. Daher sang man zu Recht: … „Bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach…“, denn bis weit in das Tal hinein konnte man das Klappern des Mühlrades, das Rumpeln der Steine und die Geräusche des Radgetriebes vernehmen.

Bedingt durch diesen Tag- und Nachbetrieb war im Innern des Mühlengebäudes auch für eine Liegestätte des Müllers vorgesorgt.

Selbst die kleinsten Mühlen, sofern sie abseits vom Wirtschaftsgebäude des Besitzers lagen, hatten einen bescheidenen Nebenraum als Schlafkammer, meist ein Brettlager mit Strohsack und Decke.
Das Mostviertelmuseum Haag hat ein komplettes kleines Mühlgebäude samt Mühleneinrichtung einer Mahlmühle erworben. Es handelt sich um einen Holzblockbau aus der Zeit vor ca. 150 Jahren, der aufgrund des guten Bauzustandes vom NÖ Gebietsbauamt St. Pölten für die Abtragung und Wiederaufstellung als Freilichtobjekt in Haag empfohlen wurde.

Die Hausmühle (Troadmühle) wurde aus mehreren gleichartigen Objekten zusammengestellt, um eine funktionsgerechte Rekonstruktion eines Gebäudes dieser Art zu erreichen. Die Mühleneinrichtung stammt aus dem Jahre 1848, früherer Besitzer war Köhlau/Weistrach, das Wasserrad (oberschlächtig) mit der Wasserzuführung kommt von J. Schweighuber, Gatlehen/Maria Neustift, das Gebäude von H. Kattenriener/Maria Neustift und die angebaute Knochenstampfe („Beinstampfer“) von der Perlmühle in Haag, Knillhof.
Das Gebäude wurde 1975 im Gelände des NÖ Freilichtmuseums Stadt Haag errichtet. Im Erdgeschoß, das durch  ein Zwischenpodest zum Obergeschoß unterteilt ist, befindet sich die mit 1848 datierte funktionsfähige Mühleneinrichtung. Die Verbindung zum Obergeschoß erfolgt durch eine Holzstiege. Im oberen Geschoß („Müllerkammerl“) ist lediglich ein kleiner Teil als „Körner mit Schlafstelle“ ausgebildet. Das Mühlengebäude ist in Blockbauweise, vorwiegend aus Tanne auf einem Natursteinsockel ruhend, errichtet. Das mit Stroh gedeckte Satteldach ist als Pfeifendachkonstruktion ausgeführt. 1970 wurde das oberschlächtige Wasserrad mit einem Witterungsschutz („Radstube“) versehen.

Der kleine Anbau, der die Knochenstampfe aufnimmt, ist in einfacher, teilweise offener Holzbauweise gezimmert und mit einem verbretterten Pulkdach versehen.

An den Getreidebehältern der dem Verfall preisgegebenen Mühlen aus der Zeit vor 140 bzw. 150 Jahren kann man, wie an anderen landwirtschaftlichen Gräten, Verzierungen in Kerbschnitztechnik sehen, wie Wirbelrad, Sechsstern, Jahreszahlen und anderes.

Das Getreide wurde mittels Schaffels (Metzenschaffel) oder Sackes in die „Goß“ geschüttet.
Der Rührnagel in Verbindung mit dem Rüttelschuh sorgte für einen gleichmäßigen Zufluss des Mahlgutes in das Mühlauge in der Mitte des Läufersteines. Von hier nahm es den Weg in die Mahlbahnen zwischen Läufer und Bodenstein. In einer Vertiefung an der Unterseite des Läufers war eine Müllstange (Königswelle) durch das Obereisen fixiert. Der Bodenstein („Steher“) bewegte sich beim Mahlvorgang nicht. Die beiden Steine sind in den zueinander liegenden Flächen mit Rillen, Furchen (gradlinigen Haupt- und Nebenfurchen oder spiralverlaufenden Feldern) versehen.

Durch den Mahlspalt, der nach außen durch die hölzerne Zarge abgeschlossen ist, gelangt das Mahlgut über den Auslauf in den Beutelkasten und weiter durch den siebartigen Beutelschlauch. Das feingemahlene Mehl siebt sich mit Hilfe einer Rüttelgabel durch und fällt auf den Boden des Beutelkastens. Die gröberen Mahlprodukte und die Kleie werden bis zur vorderen Öffnung geführt, eventuell noch durch das Grießsieb gerüttelt und in den danebenstehenden Behälter (Mehlschaffl) geleitet.

Für feine Mehlsorten sind mehrere Mahlvorgänge notwendig. Die Qualität des Mehls hing natürlich auch von der Schärfe der Rillen (Furchen, Fugen) der Mühlsteine ab.

So mussten die Mühlsteine in gewissen Abständen immer wieder „scharf“ gemacht werden. Dazu gab es eigene Werkzeuge. Ein von dieser Arbeit abgeleiteter Spruch klingt noch im Ohr manch eines betagten Müllers nach: „Junge Mädchen, hübsch und fein, sind des Müllers Bodenstein, draufgesetzt und scharf gemacht, bis das Herz im Leibe lacht.“

Wie die Heimat- und Mundardichterin Resl Mayr mir seinerzeit mitteilte, hat ihr Vater bis 1890 einen Mühlsteinbetrieb in Wallsee geführt. Vor der Jahrhundertwende gab es in Wallsee drei Betriebe, die Mühlsteine erzeugten. Jede Firma beschäftigte ungefähr 12 Steinbrecher. Neben dem Verkauf von Mühlsteinen an Hausmühlen im Mostviertel wurden sie auch auf sogenannten „Mutzen“ weit die Donau hinunter verfrachtet. Ein Soldat entdeckte im Krieg in Rumänien einen Mühlstein aus Wallsee.
Sehr oft wurden unsere Hausmühlen mit den „Beinstampfern“ (Knochenmühlen) kombiniert. Mit ein- und demselben Wasserrad wurde auch die Knochenstampfe betrieben, die in der Regel in einem Zubau aufgestellt war.

In der Waidhofner Gegend ist eine derartige kombinierte Mühle noch in den siebziger Jahren mehr schlecht als recht in Betrieb gestanden.

Doch sonst künden nur mehr Hausnamen von Mühlen. Allein im Bereich der Stadtgemeinde Haag kann man aufgrund der derzeit geläufigen Hausnamen rund 15 ehemalige Hausmühlen ermitteln.

Literaturangaben:
Gertrud Benker, Kleine Einführung zum Thema „Mühlen, Müller“ in Volkskunst, Zeitschrift für volkstümliche Sachkultur, Callwey Verlag München, München 1987
J. Hintermayr, Das Mostviertel und sein Museum in Haag, Haag 1978
G. Trumler, Das Buch der alten Mühlen, Verlag Christian Brandstätter, Wien, Wien 1984


Schloss Seisenegg bei Viehdorf

Nr. 222 - 1. Juni 1990 -  19. Jahrgang

Schloss Seisenegg bei Viehdorf
(Heimo Cerny)

1. Lage, Alter und Name der Burg
Das Schloss liegt versteckt in einem schluchtartigen Taleinschnitt des Seiseneggerbaches auf einem Felsrücken, der von natürlichen Gräben fast allseitig umgeben ist. Südlich des Schlosses verengt sich das Tal zwischen den bewaldeten Lehnen des Königsbergs und des Aichbergs zur Klause (Klausmühle), um sich dann in Richtung Allersdorf ins Ybbsfeld zu öffnen. Dieser verkehrstechnisch und strategisch günstigen Lage an einem uralten Verbindungsweg zwischen dem Ybbsfeld und dem Donaustrom verdankt die Burg ihre Entstehung. Bekanntlich war die Donau zwischen Ar­dagger und St. Nikola in früheren Jahrhunderten nur unter Lebensgefahr passierbar, sodass das Engtal des Strudens meist auf dem Landweg umgangen wurde. Die bequemste Route führte von Ardagger über Vieh­dorf durch die Seisenegger Klause gegen Ybbs, wo man die Schiffe wieder gefahrlos besteigen konnte.

Wann die Burg gegründet wurde und wer die ersten Besitzer waren, darüber liegen keine schriftlichen Quel­len vor. Aufgrund des baugeschichtlichen Befundes und im Vergleich mit ähnlichen Burgentypen ist Seisenegg in seiner ursprünglichen Konzeption wohl als Wehranlage des 12. Jahrhunderts einzuordnen.

Auch die Namengebung ist charakteristisch für Ritter­burgen ab 1100: Das Grundwort -egg geht auf ein althochdeutsches "ekke" zurück, im Sinne von "winkelig zulaufender Geländeteil, vorspringender Fels". Das Be­stimmungswort Seisen- ist wohl der Genetiv des al­thochdeutschen Personennamens Suso (Mitteilung von Dr. Elisabeth Schuster, Kommission für Mundartkunde und Namenforschung der österr. Akademie der Wissenschaften). Man kann den Namen aber auch mit dem Verbum "sausen" in Verbindung bringen: Sausen des Windes, Rauschen des Baches. Etymologische Zuweisungen bleiben bis zu einem gewissen Grad immer im Bereich des Spekulativen.

Die ältesten urkundlichen Nennungen lauten: Sisaneke (1267), Seusenekke (1303), Sousenek (1330), Saussenek (1372), Seisnögkh (1470), Seysenegkh (1484).

2. Die Besitzerfolge
Was die Frühgeschichte von Seisenegg betrifft, so herrscht in der bisherigen Literatur durch manche unrichtige Behauptungen einige Verwirrung: Dass Seisenegg eine kuenringische Gründung gewesen sei, wie dies Schweickhardt (Bd.8, S.248f.) angibt, oder dass "Herren von Säuseneck" sich am 1. Kreuzzug beteiligt hätten, wie dies bei A.Schwettcr (S.220) zu lesen ist, muss ins Reich der Fabel verwiesen werden. Es gibt hierfür keinerlei urkundliche Belege!

Nun zu den belegbaren Tatsachen: Als erster nachweisbarer Besitzer der Burg begegnet uns um 1267 der Ritter HEINRICH DE SISANEKE (FRA 11/81, S.53, Nr.72). Er war Landgerichtsherr im oö. Machland (Bezirk Perg) und somit eine prominente Persönlichkeit. Welcher Adelsfamilie er angehörte, geht aus der urkundlichen Nennung leider nicht her­vor. Für die nachfolgenden Jahrzehnte sind uns die Namen der PIBER, der SUMERAUER und der PEIGER als Inhaber der Burg überliefert. Von 1303 bis 1483 war Seisenegg in den Händen der mächtigen WALLSEER, die als Günstlinge der Habsburger zwis­chen Böhmerwald und Istrien überreichen Besitz er­warben. Da die Wallseer die Burg nicht ständig be­wohnten, übertrugen sie die Burghut (Pflegschaft, Ver­waltung) ihren ritterlichen Gefolgsleuten, den ALIN­DORFERN, die sich bald stolz SEISENEGGER nan­nten, obwohl sie die Burg niemals als persönliches Eigentum besaßen!

Nach dem Aussterben der Wallseer erwarben die aus Kroatien stammenden Ritter von LAPPITZ die Her­rschaft Seisenegg, um sie ein Jahrhundert lang er­folgreich zu verwalten (1491-1588). Anschließend fiel Seisenegg auf dem Erbwege kurzfristig an Christoph von SCHALLENBERG (1589-1591) und Albrecht ENENKEL von Albrechtsberg (1592-1598).

Unter den Freiherrn von GREIFFENBERG (1.598­1673) wurde die mittelalterliche Burg zum repräsen­tativen Renaissanceschloss umgebaut, in welchem 1633 die größte deutsche Barockdichterin, CATHARINA REGINA VON GREIFFENBERG, das Licht der Welt erblickte. Sie schuf hier den Großteil ihrer Werke, ehe sie - wegen ihres protestantischen Glaubens bedrängt - nach Nürnberg emigrierte. 1673 erwarben die aus Tirol gebürtigen katholischen Freiherren von RISENFELS das Schloss, in deren Händen es bis ins 20. Jahrhundert verblieb. Mit dem Tod des Barons Philipp v. Risenfels am 13.1.1932 erlosch das Geschlecht im Mannesstamm. Eigentümer von Seisenegg wurden nun die Töchter MELANIE ( + 1984) und MARIANNE ( + 1986). Da die beiden keine leiblichen Nachkommen hinterließen, fiel ihr Erbe an deren Adoptivsöhne DR. ERNST ÜBLACKER-RISENFELS und HANS BAAR VON BAARENFELS, die das Schloss Seisenegg heute (1990) besitzen.

3. Die Herrschaft Seisenegg
Bis zum 13. Jahrhundert war Seisenegg ein kleiner An­sitz ritterlicher Gefolgsleute (Ministerialen) ohne nen­nenswerte obrigkeitliche Kompetenzen. Erst unter den Wallseern (14.-15. Jh.) und den Lappitz (16. Jh.) vollzog sich eine systematische Herrschaftsbildung durch gezielten Erwerb von Grundobrigkeit, Vogteien, Zehen- ten, Robottgeldern, Jagd- und Forstobrigkeit, Fischweiden, Gerichtsbarkeit, Kirchtagsbehut etc. Im ältesten Besitz- und Einkünfteverzeichnis, dem "Wallseer Urbar" (1449) hat Seisenegg bereits zahlreiche Untertanen im Bereich Amstetten, Dingfurt, Eggersdorf, Euratsfeld, Greimpersdorf, Haberg, Kollmitzberg, Leutzmannsdorf, Matzendorf, Mauer, Neustadtl, Preinsbach, Viehdorf und Zeillern. Auch zwei Donauübergänge, die alten Urfahre am "Saurüssel" (gegenüber Tiefenbach) und bei Dornach (gegenüber Ardagger) gehörten zur Seisenegger Her­rschaft. Vogteirechte wurden geltend gemacht über die Kirchen in Amstetten, Ardagger, St.Agatha (Eisen­reichdornach), St.Georgen am Ybbsfeld, Steinakirchen am Forst, Gresten und Lunz. Die wichtigen Verkehrswege von der Donau ins Ybbs- und Erlauftal lagen somit im Einflußbereich der Herrschaft Seisenegg. Im Jahr 1704 unterstanden der Seisenegger Grundobrigkeit 229 Häuser, im Jahr 1837 befanden sich 4.728 Personen im Untertänigkeitsverhältnis.

Ein Großteil des heutigen Bezirks Amstetten un­terstand 435 Jahre lang (1413-1848) dem Landgericht Seisenegg, jener Jusidiktion, die über die grundher­rliche weit hinausging und die Blutgerichtsbarkeit umfaßte. Im Jahr 1413 verlieh Herzog Albrecht V. dem damaligen Inhaber der Herrschaft Seisenegg,
Reinprecht II. v. Wallsee, einen großräumigen Landgerichtssprengel, der bis ins obere Ybbstal (Op­ponitz, Lunz) reichte. Das Hochgericht mit dem Gal­gen für die Malefikanten befand sich am Ybbsfeld an der Reichspoststraße zwischen den Dörfern Hart und Dingfurt. Wertvolle Aufschlüsse über die Seisenegger Strafrechtspflege geben ein bislang unveröffentlichtes "Banntaidingbuch" (1413/1484) sowie eine Anzahl noch erhaltener Prozeßakten ab dem Jahr 1585. Im Jahr 1591 gehörten zum Landgericht Seisenegg 2.200 Häuser. Im Jahr 1823 erstreckte sich die Seisenegger Jurisdiktion auf 11 Pfarren mit 1086 Häusern und in­sgesamt 6143 Seelen.

Am 7. Sept.1848 erlosch mit dem Patent Kaiser Fer­dinands I. über die Aufhebung der Untertänigkeit auch für die Herrschaft Seisenegg jegliche obrigkeitliche Kompetenz. An die jahrhundertelange Epoche der Grundherrschaft und Gerichtsbarkeit erinnern im malerisch verwinkelten Schlosshof heute noch die Zehentwaage und die doppelreihige Galgenleiter!

4. Baugeschichte
In den Verkaufsurkunden von 1303 (OÖUB IV, S.436ff.) erfahren wir, dass Seisenegg eine Doppelburg war, bestehend aus einem älteren "Burgstall" und einem vermutlich jüngeren "Haus". Die beiden Objekte waren ursprünglich durch einen Graben voneinander getrennt und mit eigenen Ringmauern umgeben. Unter den Wallseern wurden die zwei Wehranlagen dann zu komfortablen Wohnburgen ausgebaut, die den gehobenen Ansprüchen dieses illustren Geschlechtes angepasst waren. In der einen Burg residierten die Wallseer als Eigentümer selbst, in der anderen logier­ten die Alindorfer-Seisenegger als deren Burggrafen (Verwalter, Pfleger). Reinprecht I. von Wallsee ließ um 1350 die geräumige gotische Katharinenkapelle errichten. Der erst 1971 wiederentdeckte qualitätvolle Freskenschmuck steht dem Wiener Werkstattkreis nahe.

Im Urbar von 1484 werden die beiden Baukörper erstmals als "Gschloss" (ehem. "Burgstall") und "Veste" (ehem. "Haus") bezeichnet. Seit dem 16. Jahrhundert unterschied man dann stets zwischen ALTEM UND NEUEM SCHLOSS, was bis heute üblich blieb.

Die erste bildliche Darstellung von Seisenegg ver­danken wir der Topographie von G.M.Vischer 1672. Hier sehen wir das Schloss bereits als einheitliche An­lage, obgleich die ursprüngliche Konzeption der Dop­pelburg trotz des mittlerweile aufgeführten Verbin­dungstraktes noch deutlich zu erkennen ist. Vom Charakter der mittelalterlichen Wehranlage ist freilich nur mehr wenig übriggeblieben, denn Johann von Greif­fenberg, der die Burg 1598 erworben hatte, ließ sie großzügig im Renaissancestil umbauen und erweitern.

Im Wesentlichen entspricht die Darstellung Vischers auch noch dem heutigen Aussehen des Schlosses.
Im Jahr 1923 wurde Seisenegg von einer Einsturzkatastrophe heimgesucht: Am 19. Juli, um sieben Uhr abends, brach das ALTE SCHLOSS in sich zusammen. Das Mauerwerk stürzte teils in den Schlossgraben, teils verschüttete es den kleinen Innen­hof mit dem 20 m tiefen Brunnen. Die Aufräumungsar­beiten durch die Amstettner Firma Wawrowetz dauer­ten vier Wochen. Das Altschloss wurde aber nicht mehr aufgebaut, sondern lediglich notdürftig abgesichert, um einen weiteren Einsturz zu verhindern. Seither ist es eine unbewohnbare Ruine. Allerdings wurde in den 60er Jahren der Berchfrit mustergültig renoviert, neu eingedeckt und somit vor dem drohenden Verfall geret­tet.

Quellen und Literatur:
F.X.SCHWEICKHARDT VON SICKINGEN, Darstel­lung des Erzherzogtums Österreich unter der Enns, Bd.8 (1837); ANTON SCHWETTER, Heimatskunde der k.k.Bezirkshauptmannschaft Amstetten (Korneuburg 1884); MAX DOBLINGER, Die Herren von Wallsee, AÖG 95 (1906); HEIMO CERNY, Catharina Regina von Greiffenberg, geb. Freiherrin von Seisenegg (Amstettner Beiträge 1983); ELGA LANC, Die mittelalterlichen Wandmalereien in Wien und Niederösterreich (Wien 1983); ERICH LEHNER, Burgkapellen in Niederösterreich (Diss.Wien 1985); FRANZ STEINKELLNER, Alindorfer - Seisenegger - Meilersdorfer (unveröffentlichtes Typoskript); HEIMO CERNY, Abriß der Geschichte von Schloss und Herrschaft Seisenegg (unveröffentlichtes Typoskript). - Für die Benützung des SEISENEGGER SCHLOSSAR­CHIVS bin ich den Eigentümern zu Dank verpflichtet. Wertvolle Hinweise und Auskünfte verdanke ich Frau DR.ELISABETH SCHUSTER (Kommission für Mun­dartkunde und Ortsnamenforschung bei der österr. Akademie der Wissenschaften) sowie dem Burgenfach­mann HERBERT PÖCHHACKER (Scheibbs).



Das "Gut Edla" in der Marktgemeinde Ferschnitz

Nr. 238 - 15. Mai 1991 - 20. Jahrgang

Das "Gut Edla" in der Marktgemeinde Ferschnitz
(Gottfried Langeder)

Am südlichen Ortsende des Marktes Ferschnitz liegt etwa 300 Meter rechts an der Straße von Ferschnitz nach Senftenegg, eingebettet in eine reizvolle Hügellandschaft und umgeben von einem gepflegten Park, das sogenannte "Gut Edla". Der Ort Edla scheint erst­mals als "Erlach" in einem Wallseer Urbar 1449 mit drei Höfen auf. Im Bruderschaftsbuch der Pfarre heißt es 1460 "zu Erlach" (Erlengehölz). Das "Gut Edla" gleicht heute mit seinen 2 Stockwerken und seiner anspre­chenden Fassade eher einem kleinen Landschloss. Die­ses heutige Aussehen erhielt es um die Jahrhundert­wende, wo ein bewegter Besitzwechsel stattfand und "adelige Herrschaften" den Hof in wechselnder Folge besaßen. In kaum 100 Jahren, von 1844 bis 1938 gab es 19 Besitzer.

In fünf Generationen saßen ab dem Jahre 1700 die Familien der Kaltenbrunner (Kaltenprunner) als Bauern auf dem der Herrschaft Hainstetten gehörenden Bauernhof. Unter Michael Kaltenbrunner und seiner Frau Katharina (geb. Heindl, Fuxlug) gab es 1823 56 Grund­parzellen zu bewirtschaften. Das Wohn- und Wirtschaftsgebäude war mit dem Hofraum 260 Quadrat­klafter groß.

Wolfgang Krames (1844), Leopold Mauerer (1847), An­ton Hiebl (1858) und Johann Lebhardt (1863) wirtschafteten nur wenige Jahre auf dem Hof. Die nachfolgenden Besitzer, die Familie Pekarek, Anton/Katharina und die Tochter Theresia verkauften die Liegenschaft 1892 an den pensionierten Girobeamten Hugo Hossner, einem Menschen, dem kein Gott und kein Teufel, wie er selber formulierte, Furcht einflößen könne. Er veräußerte den Besitz schon nach vier Jahren an Hans Lorbeer, der seinerseits kaum Geld, dazu aber einen äußerst schlechten Leumund besaß und von seinen Kindern und seiner Frau getrennt lebte.

Zu seinem Glück lernte er beim "Radfahren" die reiche Fabrikan­tenwitwe Melanie Porak kennen, die 400 fl Rente Ein­kommen hatte. Lorbeer versprach ihr die Ehe, und sie zahlte ihm alle Schulden. Das Gut wurde mit dem Geld der Frau elegant eingerichtet. Auch das Haus in Ama­södt Nr. 16 (heute Hülmbauer/Augsten) wurde zuge­kauft. Der Mann spielte den Kavalier. Nach einem Jahr erfuhr die Frau von der früheren Ehe ihres Mannes, kränkte sich sehr und starb im Alter von 35 Jahren. Sie wurde in der Familiengruft in Trumau in O. Böhmen beigesetzt.

Über die nächsten zwei Besitzer, Otto Wichner und Jo­hanna Jany, die das Gut kurzfristig 1899 besaßen, ist nichts bekannt. Ludwig Schulz übernahm 1900 die schwer verschuldeten Gebäude und den herabgewirtschafteten Grund, wollte sofort wieder verkaufen, fand aber so schnell keinen Käufer. Jedenfalls nicht für das leere (ohne Grundbesitz) dastehende Haus Amasödt Nr. 16. Auch die Familie Haberzettl gab nur ein kurzes Gastspiel 1902 in Edla.

Erst Dr. Ritter von Limbeck, ein Advokat aus Prag, er­warb das Gut Edla im Jahre 1903. Die Wirtschaft wurde durch einen Maier verwaltet. Die Familie verbrachte hier nur ihren Sommerurlaub.

Etwas länger, 6 Jahre, blieb Theodor Ritter von Jarsch, kaiserlicher Rat, Generallegat i.R. der Donauschiffahrts­gesellschaft, österr. Lord usw. Als dieser in jungen Jah­ren in Wien 1912 starb, verkaufte die Witwe alles einem „reichen Herrn" aus Sarajevo, namens Beg Biscevec.

Dieser war Mohammedaner. Er kaufte auch das Nach­barhaus Nr. 17 (heute nicht mehr bestehend). Biscevec wurde im Krieg an der Ostfront ausgezeichnet und zum Hauptmann befördert, verkaufte den Besitz am Ende des Krieges 1918, nicht aber ohne der Pfarrkirche eine Spende von 200 Kronen zu hinterlassen.

Neuer Besit­zer wurden Dr. Emil Widmer und seine Frau Marianne. Dr. Widmer war Dir. Stellvertreter der k.k. Bodenkredit­anstalt und machte sich bald sehr verdient um die Elektrifizierung des Marktes.

Nach 10 Jahren zog Dr. Widmer von Edla weg, ver­kaufte die Liegenschaften Nr. 17 und 18 und kam nach St Gallen in die Schweiz, wo er eine Villa um 7 1/2 Milliarden erwarb. Oberstleutnant Franz Wanke wurde 1928 neuer Besitzer von Gut Edla.

Stabile Besitzverhältnisse beginnen 1938 (Einheitswert 1940: 42.900,-RM für 24,64 ha) mit der Familie Friedrich Schaafgotsche; sie blieb bis 1976.

Anschließend folgten Johann Heinrich Tinti (Irene Starhemberg) und seit 1989 Michael Hülmbauer und Theresia, die aber die Landwirtschaft schon seit 1971 durchgehend gepachtet hatten.


1989 wurde der Golfclub Amstetten-Ferschnitz gegrün­det, welcher das heutige "Gut Edla" samt den umliegenden Gründen von Familie Hülmbauer pachtete. Im ersten und zweiten Jahr wurde intensiv an der Neugestaltung des Golfplatzes mit seinen schönen Fairways und Greens, mit Bunkern und zahlreichen Biotopen, und an der Pflanzung vieler heimischer Gehölzer und abwechslungsreicher Buschgruppen gearbeitet. Heuer wurden notwendige Renovierungen an der Bausub­stanz, wie Gewölbe und Fundamente, sowie eine Generalsanierung des alten Stadls vorgenommen. Im Zu­ge der Innenausbauten wurde der Klubraum neu eingerichtet. Gemeinsam mit der Errichtung eines Park­platzes, bei dessen Planung auf viel Grün wertgelegt wurde, wurde auch die Zufahrt zum Haus neu gestal­tet, sodass nun zur bevorstehenden Eröffnung das "Gut Edla" mit seinem Golfplatz in neuem Glanz erstrahlt.

Holz-Riesenschlangen auf der Ybbs - Zur Geschichte der Ybbsflößerei im 19. Jahrhundert


Nr. 247 - 1. Dezember 1991 - 20. Jahrgang


Holz-Riesenschlangen auf der Ybbs
Zur Geschichte der Ybbsflößerei im 19. Jahrhundert

(Dr. Heimo Cerny)

Um die ungeheuren Holzreserven des oberen Ybbstals rationell verwerten zu können, wurde von 1866-1881 die Flößerei auf der Ybbs professionell betrieben. An die hundert Floßzüge jährlich wurden mit Gratisenergie flussabwärts von Langau bzw. Göstling nach Amstetten auf die Reise geschickt. Diese umweltschonende Art des Holztransports musste freilich bald den modernen, jedoch weniger sanften Verkehrstechnologien auf Schiene und Straße weichen. Vor 110 Jahren fuhr der letzte Floßzug auf der grünen Ybbs.

Die ältesten Nachrichten über das Flößen auf der Ybbs stammen bereits aus den Jahren 1504 und 1543, doch sind dann für die folgenden eineinhalb Jahrhunderte keine Belege mehr darüber vorhanden. Erst 1706 un­ternahm der Besitzer der Herrschaft Gleiß, Fürst Montecuccoli, den Versuch, die Flößerei wieder einzufüh­ren, um das im oberen Ybbstal reichlich vorhandene Holz besser zu verwerten, da es nur als Holzkohle für das Industriegebiet der Eisenwurzen Absatz fand. Der Unternehmergeist Montecuccolis scheiterte aber am hartnäckigen Widerstand der Eisenstadt Waidhofen, deren allgewaltige Hammerherren die Kohlholzpreise diktierten. Schließlich konnte es 1754 die Innerberger Hauptgewerkschaft durchsetzen, den Oberlauf der Ybbs wenigstens zum Holzschwemmen zu benützen, und ab 1824 erwarb auch die Domäne Ga­ming das Schwemmrecht von der Quelle bis zum Lan­gauer Oisrechen. Von hier weg musste das Triftholz mittels Pferdeeisenbahn über Lackenhof nach Randegg befördert werden, wo es dann auf der Erlauf bis Pöch­larn weitergeschwemmt wurde.

1864/65 kam die Staatsdomäne Waidhofen um den Kaufpreis von 1 Million Gulden in den Besitz der Straß­burger Holzhandelsfirma Andre Götz et freres, die die Ybbs hinsichtlich der Möglichkeit einer rationellen Ver­flößung von Langholz durch den Floßmeister Abraham Koch aus Schiltach a. d. Kinzing (im Schwarzwald) un­tersuchen ließ. Nach fünfmaliger Begehung der Strec­ke verbürgte sich der erfahrene Schwarzwälder Floß­meister für den Erfolg der angestrebten Unterneh­mung, und die kommissionellen Erhebungen nahmen ihren Lauf. Nun herrschte große Aufregung im ganzen Ybbstal: Die Eisenindustriellen befürchteten infolge der Holzausfuhr ein Ansteigen der Holzkohlenpreise, die Wasserwerksbesitzer und andere Anrainer sprachen sich ebenfalls entschieden gegen das Projekt aus. Die Bauern waren im Allgemeinen dafür, da sie für ihr Holz jetzt bessere Preise zu erzielen hofften; auch die Holz­knechte erwarteten sich gute Arbeit. Trotzdem hielten viele das Unternehmen für ganz unmöglich. Nach ein­gehenden Verhandlungen mit allen Anrainern - es wur­den 29 Brücken, 22 Mühlen, 19 Wehranlagen, 8 Was­serschleifen, 7 Hammer- und 3 Sägewerke, 1 Knochen- und 1 Ölstampf sowie eine Anzahl von Stegen unter­sucht - konnten schließlich alle Widerstände und Be­denken beseitigt werden, und die Flößerei wurde mit Erlass vom 6. September 1865 vom Ministerium für Handel und Volkswirtschaft bewilligt. Nun mussten die nötigen Maßnahmen getroffen werden, um das Ybbsbett für den Flößereibetrieb zu adaptieren: Felsen waren zu sprengen, die Wehren wurden mit Einschnitten und Rutschbänken (Floßgassen) versehen und Treppelwege am Ufer angelegt. Besondere Schwierigkeiten bot die Stelle am Fuß des Sonntagberges, wo man am längsten zu arbeiten hatte. Die Gesamtkosten des Projekts beliefen sich auf rund 80.000 Gulden. Flößer aus dem Schwarzwald leiteten die Instandsetzungsarbeiten und lehrten die Einheimischen in den "Wiedenhütten" die Herstellung der zum Binden der Flöße benötigten Wieden: es waren dies überaus zähe Bindseile, die man aus gerösteten Haselstauden verfertigte. Sogenannte Einbindstätten" befanden sich in Langau, Göstling und Hollenstein, wo Stauteiche angelegt werden mussten, um die Flöße zusammenzubinden.

In Amstetten erhielt das französische Konsortium 1865 die Bewilligung, am Platz des einsam gelegenen "Auhäusls" (heute Invalidensiedlung) einen Floßhafen und ein Dampfsägewerk zu errichten. Dieses wurde hochmodern, mit sechs dampfbetriebenen Bundgattern und einem eigenen Bahnanschluss, ausgestattet. Für die Arbeiter und Angestellten entstand neben dem Betriebsgebäude auch eine Wohnsiedlung. Ein großer Tag war dann der 1.März 1866, an dem die Flößerei auf der Ybbs feierlich eröffnet wurde. Der erste Floßzug wurde um 11 Uhr vormittag von Hollenstein Richtung Waidhofen abgelassen. Die Fahrt machten auch die Eigentümer der Herrschaft und des Unternehmens, die Gebrüder Götz und Heinrich Schlumberger, mit. Nach vier Stunden lief das Floß jedoch auf einem nicht genügend beseitigten Felshindernis fest. Erst tags darauf wurde es wieder flottgemacht - und nun ging es ohne Zwischenfälle bis Waidhofen weiter, wobei die Bevölkerung an diesem Ereignis begeisterte Teilnahme zeigte. Nach der glücklichen Ankunft des Floßzuges um 6 Uhr abends fand im Schloss ein zünftiger Festschmaus statt. Am Abend des 3.März landete das Floß schließlich in Amstetten. Josef Zeiger, der damalige Stadtkaplan von Waidhofen, veröffentlichte als Augenzeuge der ersten Floßfahrt mit überschwänglichen Worten folgenden Bericht im 'Südtiroler Volksboten" vom 2. März 1866:

Gerade komme ich von einem großartigen Schauspiel zurück, wie es die Industrie nur bieten kann. Eine wahre Riesenschlange wälzte sich über den Ybbsfluß, zwar langsamen aber sicheren Ganges aus den Schluchten des Ötschergebirges kommend, hier herab; es war ein Floss von 32 Baumlängen oder einzeln zusammenhängenden Flössen mit über 600 Stämmen, darunter einzelne wahre Musterstämme. Diese Riesenschlange bewältigten nur 11, sage eilt Mann; Männer, die beim Wasser aufgewachsen sind und jede Welle kennen. Der ganze Floss hat die Form eines Keiles, der erste läuft spitzig zu, hat zwei Schaufeln und ein Steuerruder. Die Flößer sind mit Stangen bewaffnet, die mit einem eisernen Widerhaken versehen sind. Die folgenden Flösse sind breiter und mit Wieden stark aneinander befestigt. Unter den Brücken fuhren die Flößer mit so leichtem Spiel dahin, dass man staunte. Nur für das glückliche Weiterkommen über die Wehren, d.i. über die Wasserschwellen der hiesigen Schmiede und Schleifer, fürchtete man, und zwar mit Recht, weil sie einen gewaltigen Wasserfall bilden. Man hat früher den Einfall für lächerlich gefunden, über eine Wehre mit Flössen fahren zu wollen; doch die Industrie der Ausländer (Elsasser und Schwaben) hat uns zu Schanden gemacht. Alle Herzen schlugen dem Augenblick entgegen, in welchem die Flösse im Angesichte Waidhofens über die große Wehre gleiten würden. Man konnte ein gewisses Gefühl des Grauens und der Bangigkeit nicht unterdrücken, und fromme Gemüter mochten für die Personen, die zur Flotte gehörten, Reue und Leid erweckt haben. Doch bald sah man, wie leicht solchen Wassermännern auch diese Kunst ankomme. Als der Kopf des Floßes eine schiefe Richtung nach abwärts nahm, stemmte sich der erste Steuermann nach vorne fest an, stieg auf das Steuerruder, so dass es hoch in der Luft schwebte, und unten nicht verletzt werden konnte, und hielt sich mit der andern Hand rückwärts an einer befestigten Stange und so fuhr er stehend in die tiefen Fluten hinab, ohne dass ihm das Wasser über die Knöchel kam. Dieselbe höchst poetische Stellung nahmen die nachfolgenden Flößer an und fuhren guten Mutes über diese Scylla, oder wenn man will, sogar Charybdis hinab. Weiße Fähnchen begrüßten die Ankommenden und drei Polier gaben ihre Freudenbezeugung kund. Die Waidhofner selbst aber waren über dieses Ereignis so überrascht, dass sie hinsichtlich jeder Freudenbezeugung für dieses erste Mal verstummten. Doch gingen sie kopfschüttelnd und mit entschiedenem Beifall von dannen, und wunderten sich höchlichst, dass die früheren Regierungsmänner, als die Herrschaft Waidhofen noch dem Staate gehörte, ein solches Industriestück zu Wege zu bringen nicht im Stande waren." Im Waidhofener Heimatmuseum ist uns ein aufschlussreiches Gemälde von der Fahrt dieses ersten Ybbsfloßes erhalten, und zwar stellt es den erwähnten Unfall bei Kleinhollenstein dar. Das Bild des Weyrer Malers Johann Gabriel Frey ist zwar künstlerisch unbedeutend, dafür aber technologisch von Interesse. Der dem Bild beigefügte Text lautet: "1866 Am ersten Tag im März ist die erste Fahrt gemacht worden auf der Yps, von Hollenstein nach Amstetten, hatten 31 Flöße aneinander, über 400 Bäume. Dieweil die Ips bestehet, ist dieses nie geschehen. Ehre und Achtung den Unternehmern. 1880 das Floßfahren wiederum aufgeherth, wegen mangels am Holz. Joh.Gab.Frey in Weyer gemalt."

Ein Ybbsfloß war kein Einzelfloß, sondern ein Floßzug, der je nach Wasserstand aus 25 bis 36 sogenannten "Gstören" bestand und eine Gesamtlänge von ca. 400 Metern aufwies. Ein Gstör umfasste zumeist 10-20 zusammengebundene Baumstämme und war maximal 6 Meter breit. Das erste Gstör, auch Vorholz genannt, war leichter und schmäler, da es die Führung und das Steuerruder hatte, das letzte Gstör war am schwersten und breitesten und hieß After. In der Mitte des Floßzuges stand das "Plunderhäuschen", eine bretterne Hütte, in der die Flößer ihre notwendige Habe unterbrachten. Die Mannschaft für ein Floß, bestehend aus 2 Führern und 12 Flößern, hieß "Flößerpaß" oder "Gspan". Das Unternehmen hatte insgesamt 3 Flößerpässe zur Verfügung. Bei günstigen Wasserverhältnissen dauerte die Fahrt von Langau nach Amstetten zwei Tage, ab Göstling eineinhalb Tage. Die Förderungskosten betrugen pro Tag 65 Gulden. In einem Jahr gingen etwa 100 Floßzüge vom oberen Ybbstal nach Amstetten ab. Hier wurde das Holz dann in der um 200.000 Gulden erbauten Dampfsäge "Concordia", wo zeitweilig bis zu 400 Menschen Beschäftigung fanden, verschnitten und per Bahn nach Norddeutschland, Holland, Frankreich und Ungarn transportiert. Zur Verwertung der Holzabfälle richtete man auch eine Verkohlungsstätte ein, deren Produkte an die Westbahn abgesetzt wurden. Amstetten empfand die Dampfsäge, wohl bedingt durch das ausländische Unternehmerkonsortium, allerdings als einen Fremdkörper. Das ging so weit, dass im Gemeinderat der Antrag eingebracht wurde, den Leuten der Dampfsäge solle die Aufnahme ins Bürgerspital und die Beerdigung in Amstettens Friedhof verwehrt werden! Das französische Konsortium gab schon nach vier Jahren, 1870, den Betrieb wieder auf. Zwei andere Firmen setzten ihn hintereinander in verkleinertem Umfang fort, 1875 erwarb ihn Salomon Maier v. Rothschild. Da sich der Holzvorrat immer mehr erschöpfte, wollte Rothschild in den vorhandenen Baulichkeiten eine Zünddrahtfabrik einrichten, kam aber von dem Plan wieder ab. 1881 wurde die Flößerei endgültig eingestellt und die Dampfsäge stillgelegt.
Jener Floßmeister Abraham Koch, der die Ybbsflößerei nach Schwarzwälder Art eingerichtet hatte, musste sich nun auch um einen anderen Verdienst umsehen. Er erwarb 1893 das Sägewerk Schwellödt, welches er später der Stadt Waidhofen verkaufte, die dort ihr E-Werk errichtete. Durch die Inflation verarmt, starb er im Jahre 1927.

Es mögen verschiedene Faktoren im Spiel gewesen sein, die 1881 zur plötzlichen Einstellung des ursprünglich florierenden Unternehmens führten. Hauptursache war sicherlich der durch unkontrollierten Raubbau im oberen Ybbstal allmählich eingetretene Holzmangel. Aber auch die damals bereits einsetzende Mechanisierung des Verkehrs- und Transportwesens (Bahn und Straße) machten das Flößen unrentabel. An die nur eineinhalb Jahrzehnte währende Epoche der Ybbstaler Flößerei erinnert heute noch das "Flößerstüben" im Gasthof Freudenschuß in Hilm-Kematen.

Literaturangabe:
Eduard Stepan, Das Ybbstal, 2.Bd. (Wien-Göstling 1951)
Leopoldine Pelzl, Amstetten unter den Bürgermeistern des 19. Jahrhunderts (=Amstettner Beiträge 1979).
Heimo Cerny, Scylla und Charybdis auf der Ybbs. Holzschwemmen im 19.Jahrhundert, in: "morgen" Nr. 24 (1982).

Daß die relativ kurze Zeitspanne der Ybbsflößerei auch in der volkstümlichen Überlieferung ihren Niederschlag gefunden hat, beweist die Sage vom "Flößermandl":

Das Flößermandl


Ybbsaufwärts von Kogelsbach, einem Ortsteil der Gemeinde St.Georgen am Reith, wo steile Felsen zum Ufer des grünschäumenden Flusses abfallen, wohnte einstens in einer kleinen Höhle ein Berggeist. Die Holzflößer nannten ihn das Flößermandl. Das Mandl war sehr klein, aber dabei außerordentlich kräftig und zähe. Es konnte die längsten Flöße allein über die oft sehr gefährlichen Ybbswirbel lenken. Oft und mit betonter Lust half das Männlein den Flößerknechten, wenn sie allzuharte Arbeit hatten, besonders aber dann, wenn es Hochwasser gab. Nie ging ein Floß unter, wenn das Flößermandl mithalf.
Da fuhr einmal ein Floßführer mit vierzehn Knechten bei reißendem Hochwasser von der Langau nach Waidhofen a.d.Ybbs. Als das mächtige Floß an der Höhle des Berggeistes vorbeikam, rief das Mandl: "Nehmt mich mit, ich will euch tüchtig helfen!" Der Floßführer lachte über die Worte des Männleins und schrie ihm zu: "Wie sollst du Knirps mir helfen? Meinst du etwa, du hättest mehr Kraft als ich?" Und hochmütig fuhr der Flößer weiter. Am Ausgang des "Kleinen Gesäuses", in der Nähe von Gstadt, geriet das Floß in einen teuflisch wilden Wasserwirbel. An dieser gefährlichen Stelle war aber die Kraft des Wassers stärker als die Geschicklichkeit des Floßführers. An einem Felsbrocken zerschellte krachend das große Floß. Der Floßführer ertrank, seine vierzehn Knechte aber konnten sich retten. Sie erzählten nachher, dass sie es deutlich gehört hätten, wie das auf einmal auftauchende Flößermandl höhnisch lachte, als das Floß zerbrach. (Aus: Sagen aus dem Mostviertel, 1.Bd., Amstetten 1951, S.122)


Der Nationalitätenkonflikt in Amstetten vor dem 1. Weltkrieg

Nr. 290 - 1. Jänner 1995 - 21. Jahrgang

Der Nationalitätenkonflikt in Amstetten vor dem 1. Weltkrieg
(Josef Freihammer)

Wenn wir die Ausgaben des "Amstettner Wochenblattes" aus der Zeit von der Jahrhundertwende bis zum 1. Weltkrieg durchblättern, begeg­net uns fast in jeder Nummer das Problem des Konfliktes zwischen der einheimischen Bevölkerung und den nichtdeutschen Zuwanderern. Die Töne, die wir bei dieser Lektüre vernehmen, kommen uns bisweilen sehr vertraut vor - Ausländerfeindlichkeit hat es bei uns fast immer gegeben. Ausländerfeindlichkeit allerdings unter Anführungszeichen -denn bei den tschechischen und slowakischen Zuwanderern handelte es sich ja nicht um echte Ausländer, sondern um Staatsbürger der Öster­reichisch-Ungarischen Monarchie, allerdings nichtdeutscher Mutter­sprache. Heute sind Türken und Jugoslawen Nicht-Österreicher, echte Ausländer. Dabei hat man damals wie heute eine nicht unerhebliche Zahl von Zuwanderern notwendig gebraucht - bei Bahn- und Straßenbau­ten und für viele Hilfsdienste - nur hat man stets zu verhindern ge­trachtet, dass sie hier auf Dauer sesshaft wurden. Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerung des Marktes Amstetten weit­gehend bodenständig. Das änderte sich erst allmählich mit der weit­räumigen Verkehrserschließung durch die Bahnbauten.

Zum ersten Mal ist der Einsatz fremder Arbeiter in großer Zahl beim Bau der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn 1857/1858 erfolgt. Es wird be­richtet, dass tausende Menschen, meist Böhmen, mit Krampen und Schau­fel die Erdarbeiten bewältigten, während man für die Steinarbeiten Italiener einsetzte. Die Arbeiter waren in Baracken und Scheunen un­tergebracht, eine Kantine versorgte sie mit Speis und Trank. In die­ser Zeit stieg auch die Kriminalität im Raume Amstetten an - was die Abneigung der einheimischen Bevölkerung gegen die Fremdarbeiter ver­ständlich macht. Aber schon für diese Zeit gilt, was auch heutzutage festgestellt werden kann - nicht immer waren es die ausländischen Ar­beiter, die für die kriminellen Delikte verantwortlich waren.

Zur Be­ruhigung der ansässigen Bevölkerung trugen zwei Dinge bei:
Erstens die Tatsache, dass die fremden Arbeiter praktisch abgeschlos­sen für sich lebten und arbeiteten und nur in der arbeitsfreien Zeit den Markt besuchten (und nebenbei gern gesehene Kunden der Amstett­ner Geschäftsleute waren) und zweitens das Wissen, dass die Fremden sich nur vorübergehend in der Umgebung von Amstetten aufhielten. Ähnliches wie beim Bau der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn wiederholte sich beim Bau der Kronprinz-Rudolf-Bahn 1871/72. Als bekannt wurde, dass die Zweiglinie der Kronprinz-Rudolf-Bahn von Amstetten nach Kleinreifling gebaut werden sollte, sammelte sich aus allen Kronländern stammendes Volk in Amstetten an, in der Hoffnung, beim Bahnbau unterzukommen. Familienweise lagerte es vor dem Markt. Als sich der Bahnbau immer wieder verzögerte, gerieten die arbeitslosen Massen in große Not. Die Bevölkerung des Marktes half den Verzweifelten immer wieder mit dem Lebensnotwendigsten. Trotzdem konnte nicht verhindert werden, dass sich die Eigentumsdelikte häuften. Keinesfalls sah man in den arbeitssuchenden Fremden eine Bedrohung der angestammten Art. Sogar noch beim Bau der Allersdorfer Ybbsbrücke 1900/01 betrachtete man die auf der Baustelle werkenden, in kleinen Hütten in der Ybbsau hausenden transleithanischen Arbeiter als Exoten, von denen man nichts zu befürchten hatte. Die Amstettner zogen damals in Scharen hinaus zur Ybbs, um sich das wunderliche Schauspiel neugierig anzu­schauen. Trotz der damals schon stark spürbaren deutschnationalen Agitation gegen die slawische Überfremdung zeigte man keinen Hass. Typisch für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Wanderburschen, Handwerkergesellen, die auf ihren Wanderfahrten die notwen­dige Berufserfahrung sammelten. In den sechziger Jahren des 19. Jahr­hunderts stammte schon fast die Hälfte dieser Wanderburschen aus dem Raum der heutigen Tschechei und Slowakei, wobei man aber zwischen Böhmen (Tschechen) und Deutsch-Böhmen (Sudetendeutschen) deutlich unterschied.

Eine einschneidende Änderung im politischen und gesellschaftlichen Leben ergab sich nach dem verlorenen Krieg von 1866 mit dem sogenann­ten "Ausgleich", der Schaffung der Doppelmonarchie Österreich-Un­garn. Die Vorrechte, die man den Deutsch-Österreichern und Ungarn ge­währte, während man die Forderungen der Slawen missachtete, bildeten in der Folge den Nährboden für die nationalen Konflikte, die schließ­lich zum Zerfall der Donaumonarchie führten. Mit der Einführung der allgemeinen staatsbürgerlichen Grundrechte in der liberalen Ära, zu denen auch die Freizügigkeit zählte, hatte man Bedingungen geschaf­fen, die ein beträchtliches Konfliktpotential in sich bargen.

Mit der Fertigstellung der Kronprinz-Rudolf-Bahn und der Errichtung der sogenannten Eisenbahn-Montur- und Reparatur-Werkstätte 1873 wuchs Amstetten über den Rahmen eines im Wesentlichen von bodenstän­diger Bevölkerung bewohnten Marktes hinaus. Um die Jahrhundertwende waren allein in der Bahnwerkstätte an die 300 Eisenbahner beschäf­tigt, dazu kamen die übrigen Bahnbediensteten. Amstetten als Aus­gangspunkt der Kronprinz-Rudolf-Bahn wurde, nachdem diese Bahnlinie 1884 verstaatlicht worden war, der Staatsbahndirektion Villach unterstellt. Da die Eisenbahner im gesamten Gebiet der Monarchie versetzt werden konnten, kamen nun zahlreiche Eisenbahner aus der Steiermark, Kärnten und Krain - auch solche nichtdeutscher Muttersprache - nach Amstetten. Um 1900 gab es in Amstetten etwa 450 Eisenbahner - Amstet­ten war endgültig zur Eisenbahnerstadt geworden. Diese Entwicklung war den in Amstetten maßgeblichen deutsch-liberalen Kreisen - sie stellten mit Ignaz Innerhuber auch den Bürgermeister - in vieler Hinsicht nicht genehm. Man war so sehr gegen das Vordringen des Sla­wentums, dass man 1878 auch gegen die Okkupation von Bosnien-Herzego­wina Stellung bezog. Die liberale Reichsregierung ist deswegen auch zurückgetreten.

1880 gaben bei der Volkszählung von den 1727 Einwohnern Amstettens nur 3 als ihre Umgangssprache Böhmisch, Mährisch oder Slowakisch an. Dann aber nahm die Zahl der Zuwanderer aus dem Gebiet des heutigen Tschechien und der Slowakei sprunghaft zu. Noch größer aber war die Zahl der Zuwanderer, die einen tschechischen Namen trugen, aber be­reits in Wien und Niederösterreich naturalisiert worden waren. Es handelte sich dabei vorwiegend um Eisenbahner. Die meisten tschechischen Zuwanderer kamen aus Südböhmen (Budweis, Prachatitz, Krumau Strakonitz usw.) und aus Südmähren (Brünn, Iglau). Nicht unerheblich war die Zahl der zugezogenen Deutsch-Böhmen (Sudetendeutschen). Das war insofern von Bedeutung, als gerade diese Neu-Amstettner, gegen die man natürlich keinerlei Vorurteile hegte, überwiegend deutschna­tional eingestellt waren, kamen sie doch aus einem Gebiet, in dem der Konkurrenzkampf gegen die Tschechen besonders rege war. Seit eh und je wurden die Zigeuner von der einheimischen Bevölkerung als Landplage betrachtet, auch als Überträger von Menschen- und Tierseu­chen gefürchtet. Ein Gesetz von 1888 bestimmte, dass alle Zigeuner nach Ungarn abzuschieben wären.

Keinerlei Probleme gab es mit den 60 Italienern, die Baumeister Schreihofer in seinem 1881 errichteten Ziegelofen beim Pöchhackerhof beschäftigte. Sie waren Saisonarbeiter, die den Winter stets bei ihren Familien, vorwiegend in Friaul, verbrachten.

Überhaupt war von einem Nationalitätenkonflikt in Amstetten in den 80iger und 90iger Jahren des 19. Jahrhunderts kaum etwas zu bemer­ken. Die hiesige Zweigstelle des Deutschen Schulvereins musste sogar wegen Mangels an Mitgliedern vorübergehend aufgelöst werden. Nach an­fänglichem Protest nahm es die Amstettner Gemeindeverwaltung auch hin, dass die Heimatgemeinden der zugewanderten Handwerksburschen und Arbeiter mit ihr in tschechischer Sprache korrespondierte. Die Regie­rung der westlichen Reichshälfte hatte den Amtsgebrauch der tschechi­schen Sprache gestattet. Die Tschechen, die sich nun in Amstetten in großer Zahl niederließen, haben den Gebrauch ihrer Muttersprache rasch aufgegeben und sich schnell den hiesigen Verhältnissen angepasst. Diese Tatsache schlug sich auch im Ergebnis der Volkszählung von 1890 nieder. Von den 2600 Einwohnern des Marktes Amstetten gaben nur 2 Personen Böhmisch, Mährisch oder Slowakisch als Muttersprache an. Bei der nächsten Volkszählung 1900 sah die Sache schon anders aus: Von den 5670 Einwohnern gaben nur 3 als  ihre Umgangssprache Böhmisch, Mährisch oder Slowa­kisch an.

Um die Jahrhundertwende nahm der slawische Zuzug merklich ab, wäh­rend die Zuwanderung von Sudetendeutschen anhielt, und damit auch das deutschnationale Element stärkte. Um 1900 trat bei den Deutsch-Liberalen die deutschnationale Komponente immer stärker in den Vordergrund. Man glaubte das Deutschtum in der westlichen Reichs­hälfte durch das erstarkende slawische Element bedroht. Der deutsch-tschechische Sprachenkonflikt führte zu tumultartigen Szenen im Reichsrat und zu Straßendemonstrationen in Wien. Die nationale Frage bewegte bald die ganze Bevölkerung. Der steirische nationale Schutzverein "Südmark", der sich für die Erhaltung deutscher Schulen in der von Deutsch-Österreichern und Slowenen besiedelten Südsteier­mark einsetzte, gründete in Amstetten eine Ortsstelle, der "Deutsche Schulverein", wurde immer aktiver und erhielt von der Stadtgemeinde eine Subvention. Bei einer großen Burenfeier im Bräuhausgarten verglich man den Kampf der Buren gegen die Engländer mit der eigenen nationalen Sache. "Auch die Deutsch-Österreicher kämpfen um ihre Mut­tersprache" hieß es. Es liegt auf der Hand, dass das eine maßlose Übertreibung war. Kämpferische nationale Töne waren in verschiedenen bürgerlichen Vereinen deutlich zu vernehmen, etwa im Turnverein, im Männergesangsverein, im "Deutschen Volksverein für Amstetten und Um­gebung" und im "Deutschen Frauenverein".

Der immer stärker zutage tretende deutsch-tschechische Konflikt wirk­te sich auch bei den Landtags- und Reichstagswahlen vor dem 1. Welt­krieg aus, und zwar bei den Wählerstimmen in der Kurie der Städte und Märkte (5. Kurie). Tschechen waren vermehrt in Niederösterreich eingewandert, gelenkt vom tschechischen Nationalrat für Niederöster­reich und zum Teil finanziert von tschechischen Banken. Sie siedel­ten vorwiegend im Osten, hauptsächlich in Wien, und waren zumeist be­reit, sich der einheimischen Bevölkerung anzupassen. Dies führte im Gegenzug zu einer Stärkung der "Deutschen Volkspartei". Bei den Wahlen übertraf sie die bisher stärkste Partei, die Christlichsozialen. Böses Blut machte die sogenannte Güterschlächterei. So berichtete das "Amstettner Wochenblatt" 1905, dass böhmische Händler von einer verwitweten Bäuerin in Strengberg ein Bauerngut von 53 Joch aufge­kauft, zerstückelt und die Teile weiterverkauft hätten. Solche Praktiken wurden natürlich von den Deutsch-Nationalen entsprechend angeprangert. 1907 weist der "Deutsche Schutzverein" auf die slawi­sche Überfremdung in Niederösterreich hin - man spricht von 4000 tschechischen Bauern und landwirtschaftlichen Hilfskräften im Kronland. Der Verein "Südmark", der sich gegen die slawischen Expansions­bestrebungen wandte, wird immer aktiver. Es werden Familienabende veranstaltet, die gut besucht sind. Dabei spart man nicht mit Angst­parolen. So heißt es etwa, die Deutsch-Österreicher zahlten mehr als siebenmal so viel an Steuern als die ganze slawische Bevölkerung.

Die slawenfeindlichen Bestrebungen fanden fortan im "Amstettner Wo­chenblatt" eine starke Stütze. Veranstaltungen des Vereines "Süd­mark" werden lobend hervorgehoben, wenn sie gut besucht sind; sind sie schlecht besucht, wird das sehr bedauert. Meldungen über politi­sche Aktivitäten von Tschechen werden entsprechend kritisiert. So fanden 1909 Protestversammlungen des Vereins "Südmark" gegen die "fortgesetzte planmäßige Slawisierung Niederösterreichs" statt. Aus­führlich wird von einem Ausflug von Wiener Tschechen in die Wachau berichtet, gegen den zwei Protestversammlungen abgehalten werden. Dem tschechischen Abgeordneten Kramarsch wird vorgeworfen, er sei schon mehr in Russland als in Österreich, Russland sei der Tschechen Zukunft. Selbst bei einer Protestversammlung gegen den Steuerdruck Ende 1912 werden nationalistische Töne laut. Die Deutschen in Österreich und besonders im Stammland seien es satt, heißt es im Zeitungs­bericht, "die Melkkuh zur Aufpäppelung anderer Nationalitäten in un­serem Staate abzugeben." Alle anwesenden Abgeordneten unterstützten die Resolution. Die Klage über die traurige Lage der niederösterrei­chischen Gebirgsbauern, denen man 400.000 K Unterstützung gewähren musste, wird mit dem Vorwurf verbunden, für die Slawen habe man viel mehr Geld zur Verfügung gehabt.

Über das von den Sozialdemokraten geforderte Verhältniswahlrecht wird erstmals Ende 1913 im Amstettner Gemeinderat diskutiert. Die bürgerliche Mehrheit ist der Meinung, dass man mit einer solchen Ände­rung des Wahlrechtes in erster Linie den slawischen Minderheiten Vor­teile verschaffte. Die Einführung des Verhältniswahlrechtes wird daher von der Mehrheit im Gemeinderat nicht befürwortet. In welchem Ausmaß nationale Bestrebungen in der Bevölkerung verankert sind, zeigt die Teilnahme am "Blumentag" des "Deutschen Schulvereins" im Frühjahr 1913. Alle völkischen Vereine sind vertreten, der Turnver­ein "Jahn", der Männerturnverein, der Männergesangsverein Amstetten, der Männergesangsverein "Liederkranz", die deutschen Handlungsgehil­fenverbände und die beiden "Südmark"-Ortsgruppen. Der Kampf gegen die Tschechen führte bisweilen zu ausgesprochen skurrilen Vorgangs­weisen. So beschloss der Gemeinderat der Stadt Amstetten schon 1903, eine 2. Apotheke für die östlichen Stadtteile zu beantragen. Das Ver­fahren zog sich sehr in die Länge. Ende 1910 urgierte der Gemeinde­rat neuerlich die Errichtung einer 2. Apotheke.
Endlich, 1914, war es so weit. Die 2. Apotheke wurde von der Landesstatthalterei geneh­migt, der erstgereihte Bewerber war aber ein Tscheche! Das erregte die Gemüter in den deutschnationalen Bevölkerungskreisen. Das "Am­stettner Wochenblatt" berichtete: "Dem Vernehmen nach wurde als 2. Apotheke ein Tscheche an erster Stelle vorgeschlagen, weshalb, wie uns mitgeteilt wird, die hiesigen Ortsgruppen der deutschen Schutz­vereine im Einvernehmen mit der Stadtgemeindevorstehung eine Abwehr­bewegung einzuleiten beabsichtigen." Unter dem Vorsitz von Bürgermei­ster Kubasta wurde ein Komitee zur Abwehr der geplanten Verleihung einer zweiten Apothekerkonzession an den Tschechen Gustav Sedlar aus Ungarisch-Brod gebildet. Es wurde berichtet, dass diese Konzessionsverleihung nur durch Interventionen der Abgeordneten verhindert werden könne. Eine energische Abwehr wurde beschlossen. Dazu sollte am 8.2.1914 im Saale des Gasthauses Brunner eine große Protestversamm­lung abgehalten werden. In der Einladung hieß es, kein Amstettner und kein Bauer, der noch deutsch fühle, versäume es, an dieser Pro­testkundgebung teilzunehmen. Zu dieser Versammlung kam es aber nicht, denn Herr Gustav Sedlar hatte in einem Brief an den Rechtsan­walt Dr. Förster unter Ehrenwort versichert, dass er nicht nur deut­scher Erziehung, sondern auch deutscher Gesinnung sei. Außerdem war aus völkischen Kreisen Wiens versichert worden, dass höchstwahr­scheinlich ein Irrtum vorliege. Die Protestversammlung wurde daraufhin abgesagt. Die Einberufer mußten sich sogar den Vorwurf gefallen lassen, dass sie überstürzt gehandelt hätten. Diese hinwieder rechtfertigten sich mit der Erklärung, dass die Begehrlichkeit des Tschechentums nach Erwerbsmöglichkeiten in deutschen Gebieten eine derartig notorische Tatsache sei, dass nie früh genug und nicht stark genug der Ruf erschallen könne, der alle deutsch gesinnten Männer zur Abwehr zusammenschließen solle. Die geplante Protestversammlung wurde sogar in der Wiener "Arbeiter-Zeitung" in einem Artikel kritisiert. Über den Lokalbedarf für eine 2. Apotheke wurde am 5.3.1914 im Gemeinderat debattiert. Schließlich wurde der Antrag auf Befürwortung der Konzessionsverleihung mit allen gegen zwei Stimmen angenommen. Der Bewerber Gustav Sedlar war aber wegen der unliebsamen Vorfälle verärgert und zog seine Bewerbung zurück. Amstetten musste noch bis 1923 auf seine 2. Apotheke warten.

Die Deutsch-Freiheitlichen gefielen sich immer wieder in argen Über­treibungen und Angstparolen. So forderten sie in einer Wählerversamm­lung im November 1908, man möge nicht zuwarten, "bis in Amstetten der letzte deutsche Eisenbahner verschwunden ist". Um der Behaup­tung, das Bahnpersonal bestehe zu 35% aus Slawen, entgegenzutreten, übermittelte 1909 die k.k. Heizhausleitung der Stadtgemeinde ein Ver­zeichnis über die Belegschaft. Danach waren der Heizhausleitung 358 Angestellte unterstellt. Darunter waren 292 Deutsche aus Oberöster­reich und Niederösterreich, der Steiermark, aus Salzburg und Tirol; aus den slawischen Bezirken Böhmens stammten 14, aus den deutschen 9, aus Mähren 15, aus Kärnten, Krain usw. 13, aus Schlesien 12, aus Ungarn 2, aus Bayern 1.

Beim Bahnhofumbau 1909 waren vorwiegend Kroaten (aus dem heutigen Burgenland, dem damaligen Westungarn) beschäftigt. Als sie höhere Löhne forderten, wurden sie kurzerhand entlassen und an ihrer Stelle "Einheimische", sprich deutsche Arbeiter eingestellt. Auch unter den Eisenbahnern selber machten sich nationale Bestrebungen bemerkbar. Am 19.7.1910 wurde in einer stürmisch verlaufenden Versammlung der "Reichsbund deutscher Eisenbahner" gegründet. Als Zweck dieser Ver­einigung wurde angegeben, "das Eindringen slawischer Lohndrücker" zu verhindern und besonders die wirtschaftliche Besserstellung der deut­schen Eisenbahner zu verwirklichen. Den Sozialdemokraten und ihren Gewerkschaften wurde vorgeworfen, der Slawisierung Vorschub zu lei­sten. In diesem ständig schwelenden nationalen Konflikt in Nieder­österreich bildete die sogenannte "Lex Kolisko" ein Kapitel für sich. Der NÖ Landtag hat sich zum ersten Mal im Jahre 1896 mit dem Nationalitätenproblem des eigenen Landes beschäftigen müssen. Der Ab­geordnete Dr. Rudolf Kolisko brachte den Antrag ein, die deutsche Sprache als ausschließliche Unterrichtssprache an allen Volks- und Bürgerschulen, soweit sie öffentlich waren, für alle Zeiten festzule­gen. Das Gesetz wurde aber dem Kaiser nicht zur Sanktion vorgelegt. Von den Christlichsozialen wurde es damals nicht ernst genommen. Durch dauernde Wiederholung dieses Gesetzesantrages wurde der Inhalt der "Lex Kolisko" - auf Postkarten mit dem Bild des Abgeordneten ver­sandt und in den Zeitungen immer wieder diskutiert - über die Partei­grenzen hinweg zum Allgemeingut der Bevölkerung. Im Jahre 1912 wurde die "Lex Kolisko" zum 12. Mal im NÖ Landtag eingebracht, aber schon während der Landtagssitzung ließ der Statthalter Bienerth keinen Zweifel offen, dass es neuerlich zu keiner Vorlage kommen werde. Damit gaben sich aber die deutschnationalen Kreise nicht zufrieden. Aus Vertretern der "rein deutschen" Kronländer Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg und Vorarlberg wurde ein deutscher "Wehraus­schuss" gebildet, der sich in einem Aufruf vom 1.6.1913 an die Bevöl­kerung wandte, mit der Bitte durch eine Unterschrift auf einem Gesetzesantrag zu erklären, dass die "Lex Kolisko" Gesetzeskraft erlangen solle, wonach in den vier rein deutschen Kronländern für alle Zeiten die deutsche Sprache als Unterrichtssprache an sämtlichen öffentli­chen Lehranstalten festgelegt werden solle. Auch in Amstetten wurde ein solcher Wehrausschuss gebildet, Bürgermeister Kubasta übernahm

den Vorsitz. In der Gemeinderatssitzung vom 12.6.1913 stellte der Rechtsreferent Dr. Teutschmann, ein führender Vertreter der Deutsch-Freiheitlichen in Amstetten, den Antrag, die Unterschriftenak­tion zugunsten der "Lex Kolisko" zu unterstützen und die Kosten, die nicht durch freiwillige Spenden aufgebracht werden könnten, durch die Gemeinde zu ersetzen. Es kam zu einer lebhaften Debatte, in deren Verlauf der sozialdemokratische Gemeindebeirat Ludwig Eisel meinte, auch die Sozialdemokraten seien Deutsche, sie fassten aber ihr Deutschtum anders auf als die bürgerlichen Parteien, und wenn sie Slawen in ihren Reihen hätten, so hätten solche auch die Christlichsozialen. Gemeinderat Zerdik, führender Vertreter der Christlich-sozialen Partei, erklärte, auch die Christlichsozialen seien eine na­tionale Partei. Bei diesem Wettstreit, wer die nationale Sache am be­sten vertrete, ist es nicht verwunderlich, dass bei der folgenden namentlichen Abstimmung der Antrag Dr.Teutschmanns einstimmig angenom­men wurde. In der Folge wurde die Unterschriftenaktion in Amstetten durchgeführt. Von etwa 8000 Einwohnern unterschrieben 3309, was von den Betreibern als "ziemlich befriedigend" bezeichnet wurde. Es gab aber auch Stimmen, die das Ergebnis als weniger gut ansahen.

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges, bei dem die Männer aller Natio­nen der Donaumonarchie aufgerufen sind, für "Gott, Kaiser und Vater­land" ins Feld zu ziehen, verliert der Nationalitätenkonflikt vor­erst seine Bedeutung. Nach dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaates und der Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich gewinnt dann eine andere Forderung an Bedeutung. Alle großen Parteien sind sich in die­ser Forderung einig, nur die Kommunisten und die Legitimisten lehnen diese Bestrebungen ab. Einen innerösterreichischen Nationalitätenkonflikt gibt es nur in Kärnten. Was jedenfalls bleibt, ist ein weit­verbreiteter Antisemitismus. Die tragischen Folgen sind bekannt.

Quellen:
"Amstettener Wochenblatt" 1893 - 1914
Ratsprotokolle des Marktes bzw. der Stadt Amstetten
Dr. Leopoldine Pelzl: "Amstetten unter den Bürgermeistern des 19. Jahrhunderts"
Dr. Karl Gutkas: "Geschichte des Landes Niederösterreich" Band 3