Sonntag, 23. September 2012

Der Most und sein Viertel - Eine Region stellt sich vor



Nr. 194 - 1. Mai 1988 - 17. Jahrgang


Der Most und sein Viertel - Eine Region stellt sich vor


Gedanken zur Präsentation des Mostviertels im Rahmen der NÖ Landesaustellung 1988 im Stift Seitenstetten (Von Peter Kunarth)



Wenn ein Land ein Getränk – z.B. den Most – zu seinem Taufpaten erwählt, spricht das für seine Tradition, spricht das aber auch für die Umgänglichkeit seiner Menschen. Oft wird er scherzhaft als „Landsäure“ bezeichnet, es gab aber auch Zeiten, in denen der „Most“ die Grundlage des Wohlstandes dieses schönen Landesteils von Niederösterreich gewesen ist. Heute jedoch ist es weniger das Produkt „Most“, das dieses Landesviertel für den Besucher anziehend macht, sondern es sind vielmehr die für die Obstgewinnung notwendigen großen Mostobstbäume, die dieses Land im Frühling zu einem Blütenkranz werden lassen.

Mit der Bezeichnung Mostviertel kann sicher fast jeder etwas anfangen und man weiß, wo dieses Land liegt; wenn allerdings jemand nach den Grenzen dieses Viertel gefragt wird, wird er schwerlich eine eindeutige Antwort erhalten. Oft ist es das gesamte Viertel ober dem Wienerwald, das als Mostviertel bezeichnet wird, oft wird auch der landschaftlich gleichartige Bereich des benachbarten Oberösterreichs miteinbezogen; oft wird nur der sanft hügelige Bereich der Region Amstetten mit Teilen der politischen Bezirke Melk und Scheibbs darunter verstanden. Wie schwer eine genaue Abgrenzung ist, zeigt dass der charakteristische Anbau von Mostobstbäumen bis tief in die Eisenwurzen reicht und auch die für das Mostviertel typische Form des Vierkanters teilweise im Raum ST. Pölten, aber auch im Bergland von Kürnberg zu finden ist.

Wie man die Grenzen aber auch immer sieht, es ist der Mostobstbaum, der in diesem Landesteil Tradition hat und der die Landschaft dieses Viertels prägt. Es dürften die Kelten gewesen sein, die erstmals ein haltbares vergorenes Getränk aus Birnen und Äpfeln erzeugt hatten und dieses in unser Land gebracht haben. Der Bereich zwischen Ybbs und Enns galt schon seit Jahrhunderten als Kernland eines ertragreichen Mostobstbaues, da der fruchtbare Boden und das hügelige Gelände beste Voraussetzungen für die Entstehung großer Mostwirtschaften geboten haben. Schon in der Barockzeit wurde der Most als gesunder, kräftiger Trank gewürdigt und die Pracht der blühenden Bäume wurde oft erwähnt. Aus den Kämmereirechnungen des Stiftes Seitenstetten vom Jahre 1714 kann man ersehen, dass die Wirte schon damals für ihren Umsatz eine Art Getränkesteuer, den Taz, zu leisten hatten.

Auch der Fiskus hat sich etwa in dieser Zeit erstmalig für den Mostverkauf interessiert. Der steigende Mostumsatz und die Wahrung gerechter Wettbewerbsbedingungen gegenüber dem Wein waren die Ursache einer Versteuerung. Der Most war – im Gegensatz zu heute – eine echte Konkurrenz für den Wein und das Bier. Es wurde damals schon sehr viel Most gepresst, und eine Verordnung über die Neupflanzung von Baumalleen zur Zeit Maria Theresias vergrößerte dann noch den Obstbaumbestand. Wie in vielen anderen Sparten – zum Beispiel bei der Einführung des Kartoffelbaues im Stift Seitenstetten um 1620 – waren es auch hier die Klostergärten, die sich um die Obstbaumzucht besonders verdient gemacht haben. Die beginnende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts und das Anwachsen der Orte verhalfen dem vergorenen Obstmost zu einer Hochblüte. Die Mostbauern transportierten ihren Most mittels eigener Mostladewagen bzw. Schlitten in die Gasthäuser oft weit entfernter Gebiete Niederösterreichs; auch auf dem Wasserweg, z.B. Auf der Donau ab Wallsee wurde der Most flussabwärts durch das Weinland bis nach Wien gebracht. Später gelangte der Most durch Bahntransport oder durch LKW-Lohnfuhrwerke in weit entfernte Gebiete.

Aus den Erträgnissen guter Mostjahre konnte in den landwirtschaftlichen Betrieben zusätzlich sehr viel investiert werden. In guten Obstjahren übertraf diese Wirtschaftssparte sogar den Ertrag einer durchschnittlichen Getreideernte. Durch den hohen Mostabsatz profitierten aber auch andere Wirtschaftszweige, wie Zimmerer, Binder oder Steinmetze. Die fortschreitende Technik vereinfachte durch Verbesserung des Pressvorganges die Mostgewinnung. Die oft mit reichen Schnitzornamenten versehen gewesenen Pressen  sind heute durch hydraulische Packpressen ersetzt. Aber selbst in unserem technisierten Zeitalter muss jede Birne und jeder Apfel noch händisch aufgeklaubt und in Säcke gefüllt werden. Es bedarf die Pflege der Fässer und der Pressen, aber auch das Abfüllen und Lagern in den  Kellern eines hohen Arbeitsaufwandes.

Die Bewohner des Mostviertels sind sehr ausgeglichene und offene Menschen, voller Freundlichkeit, doch auch voller Selbstbewusstsein, die immer noch oder auch schon wieder diese mühevolle Arbeit zur Erhaltung der Kulturlandschaft dieses Viertels auf sich nehmen. Es sind ja die großen und mächtigen Obstbäume, die diese Landschaft prägen und die den eigentlichen Blickfang auf den weiten Feld- und Wiesenflächen, die sonst nur durch kleiner „Waldschacherl“ oder Bachgehölze unterbrochen sind, darstellen.

Aber auch die Schutzfunktion der großen und mächtigen Mostobstbäume war vor allem im Bereich der Baulichkeiten im Mostviertel immer schon anerkannt und genutzt worden. Es wurde kein Gebäude – egal ob Vierkanthof oder kleine Kapelle – errichtet, ohne dass unmittelbar daneben ein Baum gepflanzt worden wäre. Man hatte auch die Rotten und Dörfer des Mostviertels mit Obstbäumen umgeben, um die starken Kontraste der Silhouette der Häuser zu vermeiden, aber auch um einen Schutz vor dem Wind und Wetter zu erreichen. Es wurde kein Bauwerk höher gebaut, als die umgebenden Obstbäume an Höhe erreichen konnten. Es wurden nur Mostobstbäume oder andere starkastigen Laubbäume gepflanzt, denn diese schützten im Sommer durch ihre Belaubung das Bauwerk vor der Sonne und ließen im Winter im Gegensatz zu den bei Bauwerken unüblichen Nadelbäumen mehr Licht zu den Fenstern durchfallen.

Der Vierkanter ist sicher der eindrucksvollste Bauernhoftyp, den wir in Österreich kennen. ER beeindruckt durch seine Größe, seine Symmetrie und doch einfache und vielfach ornamentarme Bauweise. Die besondere Wirkung des Vierkanters im Mostviertel liegt in der Wuchtigkeit seiner Erscheinungsform, aber auch in seiner betont freien Situierung in der Landschaft, meistens inmitten der dazugehörigen Fluren. Trotz dieser Lage sind die Höfe in die Natur, in die Landschaft eingeordnet und eingebunden; man hat „landschaftsgebunden“ gebaut. Die Gebäude wurden auf das Gelände abgestimmt und so entstand der Eindruck, als ob die Vierkanthöfe aus der Landschaft herausgewachsen wären.  Der Grundsatz der natürlichen Ordnung im Bauen, der „Einheit im großen und der Vielfalt im kleinen“ ist gerade bei den Mostviertler Vierkanthöfen leicht erkennbar. Dieser vom Westen nach Niederösterreich kommende – bajuwarische – Hoftyp ist in seinem Grundriss und seinen Gebäudeproportionen fast überall gleich, in der Fassade gibt es aber eine Vielfalt im Detail, da diese immer dem Zeitgeschmack unterworfen waren. So finden wir unter den Mostviertler Vierkanthöfen äußerst reizvolle Jugendstilfassaden, aber ebenso klassizistische oder aus der Barockzeit abzuleitende Elemente, die mit relativ einfachen Gestaltungsdetails bis in das 20. Jahrhundert hinein verwendet wurden.

Es wurde aber auch „Materialgerecht“ gebaut, das heißt, dass die Bauweise eines Hauses vom relativ engen Angebot der Baumaterialien einer Gegend bestimmt war. Im westlichen Mostviertel waren es meist die im eigenen Ofen gebrannten Ziegel, die durch ihre handwerkliche Fertigung die Fassaden belebten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, einem Zeitraum, in dem der Wirtschaftszweig „Most“ besonders blühte, wurden anstelle der bis dahin verwendeten geschlagenen, nun gebrannte Lehmziegel verwendet. Nach Fertigstellung der Kaiserin Elisabeth-Westbahn waren Arbeitskräfte, die des Ziegelbrennens kundig waren, freigeworden und verbreiteten diese Technik im Mostviertel. Eine Besonderheit bilden dabei die in betontem Schichtmauerwerk hergestellten Vierkanter des Enns-Donauwinkels (Opus Romanum). Rote Ziegelscharen wechseln sich dabei mit fischgrätartig verlegten Stein oder Schotterschichten, die durch eingelagerte, kalkverputzte Bänder betont werden, ab. Im südlichen, zu den Voralpen zählende Bereich des Mostviertels um den Kürnberger Wachtberg war auf Grund des Materialangebots bei Vierkanthöfen ein Natursteinmauerwerk mit weiß hervortretender Verfugung üblich. Dadurch entstand eine äußerst reizvolle natürliche Fassadengliederung dieser Höfe.

Der durch die blühende Mostwirtschaft entstandene Wohlstand des Mostviertels im 19. Jahrhundert ist auch an der Umgestaltung der Bauernhöfe erkennbar. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es noch kaum zweigeschossige oder besonders wuchtige Vierkanthöfe, wie sie damals im oberösterreichischen Raum schon üblich waren. Es waren oft nur Vierseithöfe, auch waren die meisten Gehöfte nur ebenerdig errichtet und wurden erst damals aufgestockt. Das ist noch an den typischen größeren Fenstern des Obergeschosses gegenüber dem Erdgeschossfenster erkennbar. ES wäre aber sicher falsch, den Bereich des Mostviertels mit dem Gebiet des Vorkommens des Vierkanters abzudecken. Man findet diesen in den Ebenen des Donauraumes, aber auch in dem leicht hügeligen, flächig gegliederten Alpenvorland, wie auch dem steileren Gelände des mit Wald durchsetzten Voralpenbereichs. Der Übergangsbereich des Vierkanters in den Mischbereich des Vierseithofes liegt östlich von Amstetten. Im Süden der Region Amstetten drängt die Form des alpinen Streckhofes vom oberösterreichischen Voralpenraum herüber. Zwischen Waidhofen und Gresten finden wir die einzigartige Form des Doppel-T-Hofes. Im südlichen Bereich der Region Amstetten sind es die reizvollen alpinen Paar- und Haufenhöfe, die gemeinsam mit der Hammerherrenarchitektur der Eisenwurzen die Landschaft prägen.

Diese traditionelle Ordnung der landschaftsprägenden Einzelgehöfte des Mostviertels wurde auch bei den Bauformen der Sammelsiedlung des Mostviertels und der Eisenwurzen, bei den Bürgerhäusern der Städte und Märkte, aber auch in den Dörfern und Rotten, in denen die bäuerlichen Bauformen überwiegen, eingehalten und fortgesetzt. Diese Ordnung drückt sich dort in der Harmonie der baulichen Ensembles aus. Sie besteht zumeist in den gleichen Grundproportionen der Straßenfassaden der Häuser, aber auch im Rhythmus oder Takt der Anordnung der Öffnungen der Gebäude. Es gab und es gibt im Mostviertel keine Großstädte, die Gründung der Siedlungen und Städte erfolgte in geschützten Standorten, sie erfolgte vor allem an den für den Wohlstand der Region wichtigen alten Handelswegen.

Waidhofen an der Ybbs und Ybbsitz als Beispiel genannt, wurden reich als Umschlagplatz und Verarbeitungsstandorte für Eisen. Di heimliche Hauptstadt des Mostviertels, Amstetten, erlebte seine große Entwicklung zum Schul- und Wirtschaftszentrum erst viel später, ab der Errichtung der Eisenbahn. Es erreichten Märkte wie St. Peter und Aschbach mit ihrer ländlichen, kleinstädtischen Bebauung einen gewissen Reichtum durch ihre Lage inmitten des fruchtbaren Bauernlandes. Viele Orte wie z.B. Strengberg oder Oed entstanden an den wichtigsten Durchzugsstraßen, deren Bedeutung sich noch heute durch die geschlossenen Reihen der vielfach stattlichen Häuser zu beiden Seiten der Bundesstraße abzeichnete. Heute – nach Errichtung der Autobahn – haben kleine Orte und Märkte viel von ihrer Bedeutung eingebüßt.

Die Brauchtumspflege sowie die zahlreichen Ortsbild- und Dorferneuerungsaktionen haben das Leben in diesen Orten in unserer Zeit wieder bereichert. Ein nicht auf das Mostviertel beschränktes Problem ist dabei, dass Schulen in manchen Orten aufgelöst werden mussten und Pfarren nicht mehr besetzt werden konnten, aber auch, dass Orte, denen die Beziehung zueinander fehlt, zu größeren Verwaltungseinheiten zusammengelegt wurden.

Besonders hervorzuheben ist aber, dass die verschiedenen Formen der Kultur, die Hochkultur und die naive Volkskultur bzw. das bodenständige Künstlertum im Mostviertel nicht wie zwei fremde Welten aufeinanderprallen. Trotz der Verschiedenartigkeit dieser Kulturbereiche, die vergleichbar ist mit den individuellen Charakteren der Mostviertler Menschen, aber auch der Vielfalt der Landschaftsformen dieser Region, haben sich diese unterschiedlichen Kulturkreise immer gegenseitig ergänzt und befruchtet. Ebenso wie die im Mostviertel gar nicht so wenigen Schlösser Vorbild für die vielen monumentalen und fast schlossartigen bäuerlichen Vierkanthöfen gewesen sind, haben die Erbauer des einzigartigen barocken Meierhofes des Stiftes Seitenstetten, in dem sich die Regionalausstellung  befindet, die klassischen Formen des Vierkanters von den bäuerlichen Betrieben übernommen.

Beeindruckend ist auch die Fülle von kulturell hochwertigen Einrichtungen und Bauwerken im gesamten Mostviertel. Hervorragende Kulturgüter sind z.B. die bedeutsame römische Jupiter-Dolichenusstatue in Mauer, das romanische Kirchlein in Rems, das einzigartige Margaretenfenster in Ardagger und die an gotischen Maßwerkformen reichen Kirchen Weistrach oder Krenstetten, aber natürlich auch das große Barockstift Seitenstetten und die Basilika am Sonntagberg.  Durch adeliges Mäzenatentum sind zahlreiche kulturelle Kleinode entstanden und das war wieder Vorbild für die Errichtung der zahlreichen Kapellen und Bildstöcke durch das Bürgertum und die Bauern. Es gibt kaum einen Landesteil, der so reich ist an Kleindenkmälern dieser Art, wie z.B. die wuchtige  und eher schlichte Form der Kapellen des Mostviertels oder der sehr aufwendige und vielfältige Kapellentyp der Eisenwurzen.

Naturnähe und Religiosität waren für den Mostviertler Menschen immer untrennbar. Sie bildeten die Grundlage des Lebens im Mostviertel und formten die wirtschaftliche Gegenwart, die Politik, aber auch die Kultur des Landes bis heute mit. Sie waren Grundlage für die Aufgeschlossenheit und das Selbstbewusstsein der Menschen in diesem Landesteil.

Die diesjährige Landesausstellung soll die Schönheit und die Reize unseres Mostviertels den einheimischen und den fremden Besuchern bewusster machen.
Sie soll vor allem ein Schaufenster des Mostviertels sein und zu weiteren Besuchen in diesem Landesviertel und zum Genuss seines Getränks einladen

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