Donnerstag, 12. Juni 2014

Das Kriegsende in Amstetten - Wie ich es erlebte

Nr. 293 - 1. April 1995 - 21. Jahrgang

DAS KRIEGSENDE IN AMSTETTEN - WIE ICH ES ERLEBTE
(von Kurt Schober)

Als Angehöriger des Geburtsjahrganges 1934 war ich zu diesem Zeit­punkt (1945) in einem Alter, wo man alles bewusst erlebt und regi­striert. Frühere Jahrgänge waren schon irgendwie verpflichtet - spät­ere noch nicht so alt, um es bewusst zu erleben.

Wir wohnten im Pöchhackerhof, wo eine Hausgemeinschaft war, wie man sie nur selten findet. Man erfuhr alles, und es wurde auch dementsprechend beredet. Man redete sehr viel - man hatte ja keine Zeitung - Radios gab es nur einige im Haus. Beim Reden hatten wir Jungen zu schweigen, wir durften nicht mitreden - was uns auch gar nicht eingefallen wäre - aber wir hatten Ohren! Als oberste Autorität fungierte die Hausmeisterin - sie war die Kommunikation in Person - sie trug sie von Wohnung zu Wohnung, und das ein paar Mal pro Tag. Männer gab es nur die, die nicht mehr einrücken mussten oder die, die noch nicht mussten.

Seit langem gab es Fliegeralarme bei uns - doch in Amstetten keine Angriffe. Eines Tages dröhnte der ganze Himmel durch Flieger, eine Unmenge zog über uns hinweg. Wir waren im Hof und staunten hinauf. Ein Soldat auf Heimaturlaub schrie uns zu - er schrie sich heiser -was das denn für Leute seien, die bei Alarm im Freien die Flieger be­staunen. Da kannten wir die Gefahr noch nicht!

Erst am 19. November 1944 fielen die ersten Bomben in Amstetten. Etwa 100 m von mir entfernt; ich wollte gerade das Fenster öffnen, da explodierten diese. Die Bombe traf das Wassermeisterhaus Weingartner (heute Haus der Musik) in der Gutenbergstraße. Von diesem Zeitpunkt an war ich bombengestört. Es konnte mich bei Vor­alarm nichts mehr halten, ich lief zum Stollen!

Bombengestört – Fliegerangst

Wie tief diese Angst sitzen kann - ein Beispiel: Etwa im Jahr 1953 machte ich eine Bergtour mit einem Mädchen ins Gesäuse. Wir gingen von der Hesshütte über den Josefinensteig - Guglgrat - zum Hochtor. Am Guglgrat in 2.200 m Höhe kam uns ein Flugzeug der Amis mit sehr geringer Flughöhe entgegen - einmal war es neben uns, dann flog es unter uns - offensichtlich suchte es etwas. Ich war begeistert, auf festem Boden stehend, auf ein Flugzeug zu schauen. Doch meine Part­nerin kauerte auf dem Boden und zitterte vor Angst. Sie hatte die
Fliegerangst noch nicht überwunden. Erst heute, nach mehreren Urlaubsflügen kann ich bei meiner Frau keinerlei Anzeichen einer Fliegerangst bemerken.

Herr Weingartner war Wassermeister der Stadt und Vater der Frau Eisel (Mutter der Frau Maderthaner). Herr Eisel war Radiotechniker und während dieser Zeit Leiter der Technischen Nothilfe - eine Orga­nisation für technische Einsätze bei Notfällen. Herr Eisel instal­lierte auch die Luftschutzstollen mit Licht und Rundfunk. Die Stol­len in Amstetten haben einer Menge Menschen das Leben gerettet. Es waren zwei Systeme: im Reitbauernberg und im Krautberg.

Es gab auch einige Möglichkeiten zum Durchgehen, z.B. vom Kirchenstollen zum Bismarckstollen (von der Pfarrkirche in die Linzerstraße). Wir gingen bzw. rannten meistens in den Bismarckstollen. Dieser war durch die Weinkeller vom Brandstötter zu begehen. Unvergesslich bleibt die Erin­nerung an die Bombenangriffe im Stollen. Man hörte die Detonationen - man spürte das Zittern der Leute - man nahm sich an der Hand - lei­ses Weinen - dann verlosch auch das Licht - beten - Kindergeschrei und das Beben dumpf und unendlich lang.

Man weiß von den Stollen - weiß man auch, wo das Aushubmaterial hinkam? Vom Hofbauerstollen auf den Salesianernspielplatz und dorthin, wo sich heute der Kindergarten befindet. Vom Gerichts- und Gschirmbachstollen auf den Platz, wo heute die Bezirkshauptmannschaft steht. Vom Kirchen- und Schulstollen über die Schulwiese in den Graben beim Pensionistenhaus (Missionskreuz wurde weggeräumt). Vom Weststollen wurde der Graben westlich vom Friedhof gefüllt. Vom Annenbrunnenstollen auf die Wiese, wo heute die A.Hoferstraße und die Radetzkystraße sind.

Die Warnsignale durch die Sirenen bedeuteten Voralarm - Alarm - Ent­warnung. Eine besondere Art der Warnung erfolgte am 4.5.1945 nachmit­tags - ein sehr langes Auf und Ab - man sagte "Panzeralarm", denn da gab es keine Entwarnung mehr. Das war die letzte Warnung, die von verantwortlicher Stelle gegeben wurde.

In meiner Sammlung gibt es die Aufzeichnung einer Schreibkraft der Firma Hopferwieser, worin sämtliche Alarme aufgezeichnet sind, die in Amstetten gegeben wurden - es waren 265.

Es fielen auch noch Bomben außerhalb der gegebenen Alarme, die von Osten kamen und denen keine Warnung vorausging. Die Bomben, die den Klosterportaltrakt mit dem schönen Fries beim Dachbereich und den Eingang der Pfarrkirche zerstörten, kamen ohne vorherigen Alarm aus dem Osten. Eine weitere Bombe schlug abends ohne Vorwarnung auf dem unteren Hauptplatz ein, richtete jedoch keinen Schaden an. Obwohl die Fenster im weiteren Umkreis geborsten waren, war nur eine Mulde sichtbar.

Einmal, am 20. März 1945, nach einem Bombenangriff (dabei wurde die Herz-Jesu-Kirche getroffen) habe ich Amerikaner gesehen, da ein Flugzeug landen musste. Da wurde die Mannschaft am Hauptplatz dem Volk vorgeführt. Anfangs war es nur ein belangloses Ohrfeigen, Anspucken usw. Als jedoch dann aus der Ostrichtung Wagen mit Leichen (meist Fremdarbeiter, die nicht in die Stollen durften) vorbeifuhren, wurden die Gefangenen zusammengeschlagen. (Nach dem Zusammenbruch wurden alle beteiligten Schläger nach Ebelsberg gebracht, wo die wenigsten zurückkamen.) Diese Fremdarbeiter waren beim Aufräumen des Vorbahnhofes eingesetzt. Sie flohen bei Fliegeralarmen in den Wald bei Preinsbach.

Der Vorbahnhof war für die heutigen Begriffe fast unvorstellbar. Er begann bei der Brücke über die Bahn (heute befindet sich dort der MÜGU) und verlief nach Preinsbach (westliches Ende), das sich bis nach Hart zog. Dort wurde ein Ölzug angegriffen und in Brand geschossen.

Kriegsende:

Anfang Mai 1945 erlebten wir Kinder vom Pöchhackerhof, wie eine Abteilung SS auf den neuen Kriegsherren vereidigt wurde, nachdem Hitler gestorben war. Sie waren über Nacht im Haus einquartiert und zogen nach der Zeremonie Richtung Westen.

Das Gasthaus Brandstötter verschenkte Wein aus dem eigenen Weinkeller. Man holte sich in Milchkannen, was man bekommen konnte, denn Milch gab es ja keine mehr. Der Wein wurde verschenkt, weil man meinte, die Russen würden ihn ohnehin kriegen. Man hörte auch ver­schiedentlich, dass sich Leute selbst das Leben nahmen oder flohen. Es war einige Tage sehr ruhig. Die Straßen waren durch Panzersperren verändert. Man musste sich als Fußgänger durchzwängen. Auch der Haupt­platz war so gesichert! Ob sich Panzer damit aufhalten ließen? Rund um die Stadt wurden auch an besonders passenden Stellen Schützenlö­cher gegraben. Einige Soldaten wurden wegen Fahnenflucht noch hingerichtet. Sie lagen dann als abschreckendes Beispiel frei neben der Straße.

Der 8.5.1945 brachte als erstes Ereignis die Kunde, dass die Oberschu­le (Elsa-Brandström-Schule) geräumt sei. Diese war schon seit eini­ger Zeit ein Reservelazarett. Das gesamte Militär war zu Fuß west­wärts gezogen. Für uns ein Signal, das Haus zu erkunden.

Wir Kinder der Gegend hatten ja leicht, einiges in Erfahrung zu brin­gen, denn wir hatten seit langer Zeit Kälteferien - Luftschutzferien und überhaupt keine Schule mehr; ab 10 Uhr meist schon Voralarm. Es schreit der Kuckuck - dann Alarm. Da wir, in der Stadt wohnend, auch nachmittags Unterricht gehabt hätten, kamen wir bald sehr selten dazu.

Während der Erkundung in der Oberschule erfuhren wir, dass in der Stadt am Hauptplatz Amerikaner seien, die an Kinder Schokolade verteilten. Da mussten wir hin. Da es zu dieser Zeit sehr warm war, waren wir barfuß und sehr leicht gekleidet. Am Hauptplatz waren eine Menge Leute, die die Amis bestaunten. In vier Fahrzeugen standen sie westlich vom Kilianbrunnen. Schokolade bekamen wird keine. Staunend gingen wir sehr nahe an sie heran.

Auf dem Hauptplatz sah man neben den vier Fahrzeugen mit Amis auch Leute mit Rot-Weiß-Rot-Armbinden und Abzeichen in Form einer Öster­reichfahne. Die Zeit war eine andere geworden - wir waren nicht mehr Deutsche, wir waren Österreicher! Es hieß, es wäre Friede!

Da kamen aus dem Osten Flieger. "Das ist die Parade der Sieger!" hieß es. Die Flieger - Russen - schwenkten ein, schossen und warfen Bomben auf die Zivilisten, Amerikaner und deutsche Soldaten. Auch den Kilianbrunnen gab es nicht mehr! Da ich in der Nähe der Polizei­wache stand, lief ich in Panik in den Durchgang Richtung Graben. Der Keller war schon voll, Rathaushof, Hochhaus und der Luftschutzkeller waren voll Trümmer. Da lag die zerschlagene Zinnerfigur vor dem Hochhaus, wo die Bombe beim Eingang eingeschlagen hatte. Ich lief weiter in die Wörthstraße zum Kirchenstollen, wo man mich dann
endlich hineinließ. Nachdem die Gefahr vorüber war, zog es mich nach Hause. Die Kirchenstraße war vollgestopft mit Flüchtlingswagen ohne Menschen. Beim Fortuna brannte es, ein Auto war in Brand geschossen worden. Überall lagen Glasscherben, auch noch die ganze Ar­daggerstraße entlang, und ich war barfuß. Zu Hause wurde ich schon
ängstlich erwartet.

Es wird verschiedentlich behauptet, die deutschen Soldaten hätten zu­erst auf die Russenflieger geschossen. Dazu kann ich nur sagen, dass ich nichts gemerkt habe! Weiters wird von Bürgermeister Golser in der Festschrift 50 Jahre Stadt Amstetten behauptet, dass sich die Russen und Amis in Amstetten die Hand gereicht hätten - dazu ist es nicht gekommen! Das berichtet auch Portisch in seiner Dokumentation.


Am späten Nachmittag wurde ich von meinem Freund aufgerufen, mit ihm die Russen am Krautberg und auf der Oiden zu beschauen. Da waren die Autos, die wir mittags gesehen hatten, am Straßenrand oder im Graben ausgebrannt und leer. Die Russen, die auf und in den Panzern zu sehen waren, sahen auch aus wie Menschen. Die Geschichte hatte ein Blatt gewendet. Eine Welle ist über uns gegangen. In der Nacht wurde es dann aber sehr laut und lebhaft - man feierte den Sieg. Die Oberschule war zur Garnison der Russen geworden, so wie morgens die Deutschen ausgezogen waren, zogen abends die Russen ein. Von hier aus durchstreiften sie die Umgebung und drangen in die Häuser ein. Das Haus war abgesperrt! Man war beisammen und es wurde wieder geredet - sie würden lange bleiben, bestimmt ein Jahr - oder 5 Jahre!? Das gibt es doch nicht! Nicht!? Oder bleiben sie vielleicht gar 10 Jahre? Du spinnst, das ist unmöglich!

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