Donnerstag, 12. Juni 2014

Der Sattler - Arbeit und Leben der ländlichen Handwerker des Mostviertels in früheren Zeiten

Nr. 185 - 1. September 1987 - 16. Jahrgang

Arbeit und Leben der ländlichen Handwerker des Mostviertels in früheren Zeiten


(von Anton Distelberger, Mostviertler Bauernmuseum)

7. Der Sattler

Die Sattler, die noch unmittelbar nach dem Krieg recht verbreitet waren, haben sich überwiegend - soweit sie nicht ihr Handwerk überhaupt an den Nagel hängten - auf den Beruf des Tapezierers und Bodenlegers umgestellt.

Nur einige haben in jüngerer Zeit wieder begonnen, für den modern gewordenen Reitsport die nötigen Lederartikel herzustellen und zu reparieren.

Früher war die wichtigste Arbeit der Sattler, die Geschirre für die Zugtiere der Bauern herzustellen und instand zusetzen. Hier ging im Lauf der Zeit eine wesentliche Entwicklung in der Qualität und vor allem Schönheit der Arbeiten vor sich. In der Blütezeit der Mostviertler Bauern jedoch fertigten die Sattler herrlich und reichhaltig verzierte, wertvolle Geschirre an.

Vier Arten von Geschirren hatte der Sattler im Wesentlichen herzustellen:

Als Arbeitsgeschirr für die Pferde wurde das Spitzgeschirr (es läuft oben in einer Spitze aus) verwendet. Es besteht aus zwei Teilen, nämlich dem äußeren, festen "Kummet" und dem inneren, weichen "Kiss". Zur Fertigung dieser Stücke hatte der Sattler seinen "Kummetstock", der ähnlich geformt war wie ein Pferdehals. Ein Kummet besteht aus zwei genähten Lederwülsten, wovon einer mit Rosshaar gefüllt wurde und der andere mit nassem Schabstroh auf den Kummetstock gesteckt und mit einem Holzschlegel solange geschlagen, bis er die richtige Passform hatte. Anschließend wurde er noch mit den "Kummethölzern" verstärkt. Das "Kiss" lag direkt an Hals und Brust des Pferdes an und musste daher sehr weich sein; es wurde aus Leinen genäht und mit Rosshaar gefüllt. Kiss und Kummet wurden dem Pferd über den Kopf auf den Hals gesteckt, wofür das Kummet unten zu öffnen war.

Zu einem vollständigen Geschirr gehörte außerdem noch der Überwurf mit dem Bauchgurt und den Strängen (diese führten zum Wagen zurück und übertrugen die Zugkraft).

Beim Spitzgeschirr gab es meist nur kurze Strangstutzen aus Leder, an denen als Stränge Hanfstricke befestigt wurden. Bei der schweren Arbeit war es nämlich öfter der Fall, dass ein Strang riss. Einen Hanfstrick konnte der Bauer selbst auswechseln, er brauchte deswegen nicht zum Sattler zu gehen.
Schließlich brauchte man zu jedem Pferdegeschirr noch den Zaum mit den Zügeln. Die zweite Art von Pferdegeschirr war das Brustgeschirr. Dieses wurde zum Ziehen der leichten Wägen und Schlitten eingesetzt und war daher leichter und einfacher im Aufbau. Man benötigte kein Kummet und Kiss, die Stränge, die in diesem Fall ganz aus starkem, doppelt genähtem Leder bestanden, waren nur vorne über die Brust mit einem breiten Lederriemen verbunden, über Hals und Rücken verliefen Lederriemen, um den Bauch der Bauchgurt mit einer Schnalle, um das Geschirr zusammenzuhalten.

Da auch manche Kühe als Zugtiere eingesetzt wurden (bei Kleinbauern und "Häuslleuten"), musste der Sattler auch für diese eigene Geschirre herstellen. So ein Kuhgeschirr war ganz ähnlich gebaut wie das Arbeitsgeschirr für die Pferde, war allerdings etwas kleiner, hatte oben keine Spitze als Ende, und Kummet und Kiss waren unten zu öffnen. Wegen der Hörner konnte das Geschirr der Kuh ja nicht über den Kopf gesteckt werden, sondern musste geöffnet und von oben auf den Hals aufgesetzt werden.

Für die Ochsen schließlich, die schon bedeutend kräftiger ziehen konnten als eine Kuh (wenn sie wollten), gab es wieder eine spezielle Art das Hirngeschirr. Ursprünglich hatte es ja nur die hölzernen "Ochsenjoch" gegeben, die allerdings etwas schwierig in der Handhabung waren.

Demgegenüber war das Hirngeschirr ein bedeutender Fortschritt. Es besteht aus einem halbrund gebogenen Flacheisen, das mit Leder überzogen und mit Rosshaar gepolstert ist.

Es wurde den Ochsen von vorne an die Stirn gelegt und mit Riemen an den Hörnern festgebunden. An jeder Seite war ein Ring befestigt, an dem der Strang angebunden werden konnte, der zurück zum Wagen verlief. Die Ochsen zogen also allein mit dem Kopf den Wagen oder Pflug.

Hirngeschirr und Kuhgeschirr waren schmucklos und trugen keine Verzierungen, da Ochsen und Kühe schließlich nur hei kleineren Bauern als Zugtiere eingesetzt wurden, die kein Geld für solche Späße erübrigen konnten. Die großen, wohlhabenderen und stolzen euern jedoch ließen ihre Pferdegeschirre schön verzieren. Das Leinen für die "Kisse" wurde dafür eingefärbt, und die "Kummet" wurden in besonderen Fällen mit Dachsfellen, jedenfalls aber mit verschiedenen Messingverzierungen versehen. Jeder Bauer besaß mindestens zwei Paar Geschirre - ein weniger schönes zur Arbeit und ein "Prestigegeschirr", das er verwendete, wenn er mit einem schweren Wagen in die Stadt fuhr. Bei den Brustgeschirren war sogar jede Schnalle und jeder Ring aus Messing.

Da sie nur für leichtere Fahrzeuge eingesetzt wurden, konnte das weiche Metall der Belastung standhalten. Die Brustgeschirre wurden auch mit kleinen Messingkronen verziert. An einem Geschirr, das er für einen Bauern herstellte, brachte der Sattler normalerweise Kronen mit drei Zacken an, für einen Bürger mit vier, für kleine Adelige mit fünf, für Freiherren mit sieben und für Grafen mit neun Zacken.

Im Mostviertel gab es jedoch interessanterweise begüterte Bauern, die Geschirre mit fünfzackigen Kronen besaßen; so stolz und bedeutend waren diese Bauern offensichtlich. Ein solches Geschirr konnte ich mit dem zugehörigen Zaum von einem großen Bauern aus Stephanshart für mein Museum erwerben.

Wenn der Bauer in den Markt oder die Stadt fuhr, hängte er noch den "Zierriemen" oder "Prähriemen" (der Name kommt von Prahlen) auf das Geschirr. Er hing seitlich vom Widerrist des Pferdes herunter. Je begüterter der Bauer war, umso breiter und schöner ließ er dieses Prachtstück vom Sattler fertigen. Es trug eine verzierte Messingplatte, in die der Name eingraviert war. Daran hingen lange Lederriemen, die mit Messingplättchen, -scheiben und -knöpfen verziert waren.

Der Sattler vernähte sein Leder mit Pechfaden (mit Holzteer getränkter Faden) und ledernen Nähriemen, damit die Nähte den Witterungsunbilden, denen die Geschirre ja immer wieder ausgesetzt waren, lange standhielten.

Genäht wurde auf dem "Nährößl", einer kleinen Bank, auf der er sitzen konnte, mit einer Vorrichtung zum Einzwicken des Leders. Für die "Störarbeit" besaß er eine zusammenlegbare "Nähkluppe", die denselben Zweck erfüllte aber klein und handlich war. Der Sattler war nämlich ein Handwerker, der ausgesprochen viel "auf die Stör ging". Nur die neuen Geschirre machte er in seiner hauseigenen Werkstatt, sonst war er ständig bei den Bauern unterwegs, um alles zu flicken und herzurichten, was gerissen war. Die Farbe zum Schwärzen des Leders stellte der Sattler selbst her, indem er Eisenspäne oder andere Eisenteile in Tropfbier legte (auch Essig war geeignet), bis dieses eine schwarze Farbe annahm.

Die zweite wesentliche Arbeit, die ein Sattler zu verrichten hatte, war das Tapezieren und Lackieren der Wägen und Schlitten. Das war etwa beim "Steierer-" oder "Linzerwagl" notwendig, mit dem die Bauern zur Kirche und auch zu den Taufen fuhren, oder beim "Phaeton", einem besonders schönen Wagen mit einem klappbaren Dach und beim "Landauer", einem geschlossenen, voll überdachten Wagen. Denn das waren gewissermaßen die Luxuslimousinen der wohlhabenden Bauern, mit denen vor allem zu den Hochzeiten gefahren wurde.

Zu tapezieren und auf Hochglanz zu bringen waren aber auch die kleinen "Goaßlschlitten" und die leichten "Kirchenschlitten", die alle vom Schmied direkt zum Sattler kamen. Er verarbeitete dabei verschiedenste Materialien, vor allem feines Leder, imprägniertes Segeltuch, Leinen, Plüsch und Seidenstoff. Für die Polsterung verwendete er Rosshaar. Außerdem verzierte er die Fahrzeuge noch mit schönen Messingnägeln und -beschlägen.

Als die Industrialisierung auch auf die Landwirtschaft überzugreifen begann, bekam der Sattler noch eine wichtige Aufgabe, nämlich die Herstellung und Instandsetzung der Treibriemen für die Maschinen. Zwischendurch stellte er beispielsweise auch lederne Schultaschen für die Kinder her und flickte sie wieder, wenn sie zerrissen waren.


Der Sattler stellte außer Schuhen einfach alle Produkte aus Leder her, die am Land gebraucht wurden.

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